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Coronavirus in DeutschlandNach den Starkbierfesten tanzten die Viren

In Bayern wurden Anfang März noch Volksfeste gefeiert, als sie andernorts längst abgesagt waren. Markus Söders CSU war daran schwer beteiligt.

Als noch Oktoberfest war: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU, rechts) vor einem halben Jahr mit Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD).
Als noch Oktoberfest war: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU, rechts) vor einem halben Jahr mit Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD).
Foto: Reuters

In Deutschland ist kein Bundesland stärker von der Corona-Pandemie betroffen als Bayern. Von den zehn deutschen Landkreisen, in denen pro Kopf der Bevölkerung am meisten Infizierte gemeldet wurden, liegen acht in Bayern. Und diese acht konzentrieren sich auf zwei Herde: einen im südöstlichen Oberbayern rund um Rosenheim, an der österreichischen Grenze, und einen in der Oberpfalz, an der tschechischen Grenze, um den insgesamt am stärksten betroffenen Landkreis Tirschenreuth.

Warum ist Bayern so stark betroffen?

Wie stark sich die Seuche in diesen Landstrichen verbreitet hat, zeigt – bei aller Vorsicht mit Vergleichen über Länder hinweg – ein Blick auf das Tessin und Genf. Die Fallzahlen pro Kopf der Bevölkerung sind in Bayern etwa gleich hoch wie in den meistbetroffenen Gegenden der Schweiz: zwischen 620 und 1520 pro 100'000 Einwohner. Im Landkreis Rosenheim sind bereits 115 Menschen an Covid-19 gestorben – 20 mehr als im 50 Kilometer entfernten München, in dem sechsmal mehr Menschen leben.

Die bayerische Regierung von Ministerpräsident Markus Söder hat stets die Nähe zu den Seuchenherden in Österreich und Italien sowie die von dort zurückgekehrten infizierten Wintertouristen als Grund für die besondere Betroffenheit Bayerns angeführt. Der CSU-Chef erklärte damit auch, warum Bayern bei Deutschlands Shutdown stets vorangeprescht war.

Epidemiologen: «Hochrisikoveranstaltungen»

Doch nun zeigt sich auf einmal, dass diese Geschichte höchstens die halbe Wahrheit erzählt. Der «Spiegel» hat kürzlich herausgefunden, dass in allen stark betroffenen bayerischen Landkreisen am zweiten Märzwochenende noch Starkbierfeste stattgefunden hatten – oft sogar mehrere oder an mehreren Tagen hintereinander. Am traditionellen Anstich in Rosenheim etwa feierten am 7. März mindestens 1500 Menschen bei Bier, Tanz und Gesang, in Mitterteich nahe Tirschenreuth waren es am 8. März 1200. Daneben gab es Dutzende von kleineren Bierfesten.

«Starkbierfeste sind der natürliche Feind des Virus.»

Hubert Aiwanger, stellvertretender Ministerpräsident Bayerns, am 8. März 2020

Epidemiologen sprechen im Nachhinein von «Hochrisikoveranstaltungen». Dass es kurz danach zu «massiven Ausbrüchen» gekommen sei, sei kein Zufall. An den Festen selbst wurde über das Virus noch weidlich gespottet: Eine Brauerei in Mitterteich pries ihren Gerstensaft als «ultimativen Schutz» an und lud zur «Massenschluckimpfung». Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler, die Bayern seit November 2018 zusammen mit der CSU regieren, feixte: «Starkbierfeste sind der natürliche Feind des Virus.»

Dabei wurden zu jener Zeit andernorts solche Feste längst abgesagt. Die Schweiz verbot Massenveranstaltungen und somit auch die Basler Fasnacht bereits am 28. Februar. Zur selben Zeit begann das nordrhein-westfälische Heinsberg gegen einen Ausbruch nach einem Karnevalstreffen zu kämpfen. Deutschland war aufgeschreckt. Am 6. März sagte die bayerische Gesundheitsministerin das traditionelle Sing-, Bier- und Spottfest auf dem Münchner Nockherberg ab – alle anderen aber nicht. In Bayern wurden Grossveranstaltungen erst am 11. März generell verboten.

Die CSU genehmigte

Dabei gab es schon vor dem zweiten März-Wochenende vielerorts in Bayern Zweifel, ob es noch verantwortbar sei, solche Feste zu feiern. Im Zweifelsfall wurden sie aber stets genehmigt. Die CSU, die den Freistaat politisch dominiert und wie keine andere Partei selbst Starkbierfeste veranstaltet, spielte bei der Nachsicht eine entscheidende Rolle. Damals lief in ganz Bayern noch der Kommunalwahlkampf. Und dabei demonstrieren bayerische Politiker nun einmal gerne ihre Volksverbundenheit beim traditionellen Bieranstich.

Das Starkbierfest in Rosenheim wurde nach drei Tagen übrigens doch noch abgebrochen, mit Hinweis auf die Seuchengefahr. Das zuständige Gesundheitsamt hatte es ursprünglich gar nicht bewilligen wollen, wurde aber von der CSU-geführten Stadtregierung überstimmt. Die veranstaltende Brauerei nannte den Entscheid damals «ein mutiges, starkes Zeichen» Rosenheims.

Söder gerät erstmals wieder in Kritik

Mittlerweile hat auch der bayerische Ministerpräsident die Tonlage gewechselt. Nachdem Söder zuvor wochenlang über die «Virenschleudern» beim Après-Ski in Ischgl und beim Karneval in Heinsberg geschimpft hatte, erwähnte er letzte Woche erstmals auch die einheimischen Starkbierfeste als Beschleuniger der Pandemie.

Söder, der zuletzt für sein resolutes Krisenmanagement allseits gefeiert worden war, musste sich im bayerischen Landtag erstmals wieder scharfe Kritik anhören lassen. Ludwig Hartmann, Fraktionschef der Grünen, nannte im «Spiegel» die Genehmigung der Starkbierfeste am zweiten März-Wochenende «grob fahrlässig»: «Die CSU wollte sich wohl nicht unbeliebt machen. Gerade ihre Leute haben ja die Starkbierfeste für den Wahlkampf benutzt.»