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Zensur im FilmMuss man den Frauen ihre Fantasien verbieten?

Die Juso finden den Netflix-Erotikthriller «365 Tage» frauenverachtend. Und zeigen damit, dass sie weibliches Begehren nicht verstehen.

Der schöne Mafiaboss entführt die schöne Frau: Szenenbild aus «365 Tage».
Der schöne Mafiaboss entführt die schöne Frau: Szenenbild aus «365 Tage».
Foto: PD

Zuerst kam der Hype, dann der Zensurwunsch. Der Netflxfilm «365 Tage» führt nicht nur in der Schweiz die Streaming-Hitliste an: Ein schöner Sizilianer entführt eine Frau, dominiert sie nach Belieben, und sie verfällt ihm. An zahlreichen Grillpartys wurde am Wochenende deshalb auch eifrig über den Erotikstreifen diskutiert, vor allem unter Frauen. Die einen erschauerten ob des erotischen Inhalts, die anderen lachten über den unfreiwilligen Kitsch.

Die politische Interpretation überliess die Netflix-Schweiz Ronja Jansen. Die Juso-Präsidentin möchte den Film am liebsten von der Streamingplattform verbannt haben, wie sie heute in «20 Minuten» fordert. Er verharmlose sexuelle Gewalt an Frauen und sei «ein Schlag ins Gesicht all jener, die das erlebt haben». Sie macht sich auch Sorgen um die Jugend, die so etwas konsumieren könnte und so ein «völlig falsches Verständnis von Sexualität vermittelt bekommen» würde. Der Film, so ihr Urteil, sei «frauenverachtend».

Die Ansprüche der Rezensentin

Das Votum passt zum Zeitgeist und seiner moralischen Übergriffigkeit gegenüber der Kunst. So zerriss das deutsche Feuilleton «Drei Frauen», den jüngsten Erzählband der amerikanische Autorin Lisa Taddeo. Nicht etwa deshalb, weil der US-Bestseller schlecht geschrieben wäre, sondern weil er die moralischen Ansprüche der Kritiker nicht erfüllt. Es sei ein «Scheissbuch», schrieb die Rezensentin in der «Zeit». Weil die Erzählung nur heterosexuelle, weisse Frauen porträtiere, weil diese Frauen nicht selbstbestimmt seien und sich zu sehr zum Objekt männlicher Begierden machten. Kurz gesagt kritisierten die Rezensentinnen, dass die Erzählung zeigt, wie weibliches Begehren funktionieren kann. Und nicht, wie es nach der Auffassung der Kritikerinnen funktionieren soll.

Es ist dasselbe Missverständnis, das der Diskussion um «365 Tage» zugrunde liegtund vielen ähnlichen Diskussionen der letzten Jahre. Tamara Funiciello etwa kritisierte den Schweizer Überhit «079», weil darin eine Frau gestalkt werdeder Sänger fragt wiederholt nach der Telefonnummer einer schönen Fremden. Und Schwulcomix-Zeichner Ralph König musste sich den Vorwurf gefallen lassen, in einem von ihm gefertigten Wandgemälde würden Lesben, Schwarze und Transgenderpersonen zu hässlich und zu schlecht gelaunt dargestellt.

Nun ist gegen Protest grundsätzlich nichts einzuwenden. Auseinandersetzungen gehören zu einer freien Gesellschaft und bieten die Möglichkeit, die eigene Position zu schärfen. Doch heute dienen sie vor allem der Profilierungsneurose gewisser Kreise. Wer den Anspruch hat, dass Unterhaltung und Kunst die Welt nicht so darstellen dürfen, wie sie sich den Urheberinnen und Urhebern zeigt, sondern so, wie sie sein sollte, landet schnell bei Zensurforderungen.

Die sexuelle Fantasie der Unterwerfung ist unter Frauen weitverbreitet.

Tatsache ist, dass der Film «365 Tage» ein Riesenerfolg ist, vor allem bei Frauen. Und zwar weil sie ihn nicht als «sexuelle Gewalt an Frauen» empfinden, sondern als das Gegenteil. Als sexuelle Fantasie der Unterwerfung, wie sie unter Frauen weitverbreitet ist. Das zeigen zahlreiche Studien zum weiblichen Begehren stets aufs Neue. Dieselben Studien zeigen auch, dass man sich so etwas vorstellen kann und trotzdem nicht den Wunsch hat, es real zu erleben. Das ist der Vorteil der Fantasie. Sie wird sich auch von den strengsten Moralwächtern nicht verbieten lassen.