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Morddrohungen und ein toter HundPerus berühmteste Archäologin fürchtet um ihr Leben

Besetzer einer 5000 Jahre alten Siedlung wollen Ruth Shady an weiteren Ausgrabungen hindern. Die Corona-Krise hat die Lage der Wissenschaftlerin noch verschlimmert.

Die peruanische Archäologin Ruth Shady.
Die peruanische Archäologin Ruth Shady.
Foto: PD

Ihren Hund haben sie bereits vergiftet. Dann haben sie ihren Anwalt angerufen und gedroht, sie würden ihn umbringen, wenn er sie weiter verträte. Und ihn an ihrer Seite begraben, fünf Meter unter der Erde.

Ruth Shady ist die bekannteste Archäologin Perus. Sie hat Teile von Caral entdeckt und erschlossen, die älteste Siedlung auf dem amerikanischen Kontinent. Sie ist Ehrendoktorin von fünf Universitäten, vergangenes Jahr hat sie die BBC zu einer der hundert einflussreichsten Frauen der Welt gekürt. «Eine Inspiration für alle peruanischen Frauen», schrieb der britische Medienkonzern.

Zerstörte Gräber und Keramiken

Doch Shady fürchtet um ihr Leben. Schon lange hat eine weitverzweigte indigene Familie ein Territorium der Ausgrabungsstätte El Caral fruchtbar gemacht und behauptet, es gehöre ihr. Überleben sei wichtiger als Kultur und Geschichte. Laut der Archäologin haben Obdach- und Landlose während der Corona-Krise neun weitere Landflächen illegalerweise besetzt. Sie hätten eingerissene Mauern, zerbrochene Keramiken, zerstörte Gräber mit Mumien zurückgelassen. Manchmal greife die Polizei ein, sagt die 73-Jährige in peruanischen Medien. «Aber oft behaupten sie, sie hätten zu wenig Leute, und es gehöre nicht zu ihren Prioritäten, uns zu helfen.» Es ist laut Shady plausibel, dass die Drohanrufe von den Besetzern oder aus deren Umfeld stammen.

Shadys Vater kam als Zwanzigjähriger nach Peru, nachdem er vor den Nazis aus Prag geflohen war. Ihren Grossvater, Professor an einer Prager Universität, habe die Gestapo als einen der Ersten abgeholt. Die Archäologin erzählt, es sei ihr Vater gewesen, der ihre Begeisterung für Geschichte, Architektur, präkolumbianische Kulturen und ihre Liebe zu Peru geweckt habe. Auf Drängen ihrer Mutter studierte sie neben Archäologie aber auch Pädagogik. «Meine Mutter war sicher, dass ich als Archäologin niemals Arbeit finden würde.»

Als ein Professor die junge Wissenschaftlerin nach deren Studium auf eine erste Forschungsreise in ein entlegenes Gebiet mitnehmen will, ist ihre Mutter dagegen: Das sei viel zu gefährlich. Der Gelehrte muss bei der Familie vorsprechen, um die Bedenken zu zerstreuen.

Einmal stellt sich Shady in einem Dorf vor dem Amtshaus in eine Schlange wartender Frauen. Aus Sicherheitsgründen, erfährt sie, sei es besser, sich auch bei einem kürzeren Aufenthalt registrieren zu lassen. Shady erzählt in einem peruanischen Magazin, wie ein Beamter vorbeigegangen sei und sie entgeistert gefragt habe, warum in aller Welt sie hier anstehe. «Das ist die Warteschlange für Prostituierte.»

Caral, 200 Kilometer nördlich von Lima, ist die älteste Besiedlung auf dem amerikanischen Kontinent.
Caral, 200 Kilometer nördlich von Lima, ist die älteste Besiedlung auf dem amerikanischen Kontinent.
Foto: Keystone

Später veranlasst die Angst vor Gewalt und den Exzessen der maoistischen Guerilla Sendero Luminoso Shady, seltener in entlegene Gebiete zu reisen. 1994 beginnt sie mit Forschungen und Ausgrabungen in Caral, das rund 200 Kilometer nördlich der Hauptstadt Lima im Tal des Río Supe liegt. Die Stätte ist schon zuvor entdeckt worden, aber erst Shady erschliesst die 5000 Jahre alten Siedlungen in ihrer ganzen Grösse und historischen Bedeutung. Heute gehört El Caral zum Weltkulturerbe der Unesco.

«Ich bin schon früher bedroht und angegriffen worden», sagt die Archäologin. 2003 muss sie operiert werden, nachdem sie eine Kugel in die Brust getroffen hat. Um sich zu wehren, hat Shady jetzt eine Kampagne mit dem Namen «Caral in der Schule» gestartet. Sie und ihre Mitarbeiter erläutern Schülerinnen und Schülern der Region, wie bedeutsam, wie schön archäologische Funde seien in der Hoffnung, künftige Verteidiger der Ausgrabungsstätte zu gewinnen. Shady sagt, sie werde weiterkämpfen.

1 Kommentar
    Carmen Siegrist

    Welch mutige Frau. Die Aussage der indigenen Familie: "Überleben sei wichtiger als Kultur und Geschichte" ist Realität und Alltag dieser Familien. Weshalb können hier nicht z.B. Rotarier, die es auch in Peru gibt und andere Wohlhabende, für diese Indigenen nicht Land zum Bebauen beschaffen oder andere Angebote machen? Es müssen halt tatsächlich zuerst die Grundbedürfnisse eines Volkes gedeckt sein.