Die gute Nachricht nach Marrakesch

Perspektiven

Touristenorte sind bevorzugte Ziele von Terroristen, oft, um den Fremdenverkehr und damit den Staat zu schwächen.

Das Café in Marrakesch liegt nach dem Anschlag Ende April 2011 in Trümmern. Die Wirkung auf den Tourismus bleibt hingegen aus. (Keystone)

Das Café in Marrakesch liegt nach dem Anschlag Ende April 2011 in Trümmern. Die Wirkung auf den Tourismus bleibt hingegen aus. (Keystone)

Drei Wochen ist es her, dass ein islamistischer Fanatiker ein Café in Marrakesch in die Luft sprengte. 17 Menschen wurden getötet; zwei Paare aus dem Tessin bezahlten ihre Marokko-Ferien sehr teuer: Die zwei Männer und die eine Frau wurden getötet, die zweite Frau wurde sehr schwer verletzt.

Touristenorte sind bevorzugte Ziele von Terroristen, und die Nachrichten aus Marrakesch riefen Erinnerungen an das Massaker am Hatschepsut-Tempel bei Luxor in Oberägypten vom 17. November 1997 wach, bei dem 58 Touristinnen und Touristen umkamen, unter ihnen 36 aus der Schweiz und 4 aus Deutschland. Auch 4 unbeteiligte Ägypter und 6 Attentäter starben. Zum Anschlag bekannte sich die Gamaa al-Islamiya, die «islamische Gruppe», eine radikale islamistische Organisation, der als Endlösung ein ägyptischer Gottesstaat vorschwebte.

Drei Anschläge vom 7. Oktober 2004 sind ebenfalls präsent – Attentate, die eine zusätzliche politische Dimension hatten, weil die meisten Opfer israelische Urlauber waren: Bei Attentaten auf das Hotel Hilton in Taba am Roten Meer und zwei Touristencamps bei Nuweiba auf dem Sinai wurden 34 Menschen getötet und mehr als 120 verletzt.

Die Motive der Täter waren stets dieselben: Erstens attackierten sie Touristenziele, um den Fremdenverkehr als wichtige Einnahmequelle des betroffenen Staates zum Erliegen zu bringen und diesen Staat somit wirtschaftlich zu schwächen mit der Idee, ihn eines Tages übernehmen und nach den eigenen Vorstellungen ummodeln zu können. Und zweitens wollten die Attentäter auch den ausländischen Touristen selbst, deren «unmoralische» und «gottlose» Lebensweise sie verabscheuten, eine blutige Lektion erteilen. Damals in Ägypten hatten die Attentate mindestens eine der gewünschten Wirkungen: Während Monaten kamen kaum mehr Urlauber ins Land.

Die gute Nachricht nach Marrakesch ist die: Zwar hatte der fanatische Attentäter genau den richtigen Ort ausgewählt, ein bei Touristen beliebtes Café, von dessen Terrasse aus man eine ungestörte Aussicht auf den Jamaa al-Fna geniesst, den zentralen Platz der Stadt, auf dem Schlangenbeschwörer, Wahrsager, Geschichtenerzähler und Bänkelsänger für ein konstantes Unterhaltungsprogramm sorgen. Doch die Wirkung blieb aus, wie man von Reiseveranstaltern erfährt: Es ist offenbar kein markanter Rückgang der Marokko-Buchungen zu verzeichnen. Die Leute seien sich heute bewusst, dass es überall jederzeit ein Attentat geben könne, sagte ein Reisebüro-Mann – und die schwersten Terrorakte wurden bekanntlich nicht in Ferienländern begangen, sondern in westlichen Grossstädten wie New York und Madrid.

Es gibt trotzdem eine schlechte Nachricht: In Ägypten und in Tunesien ist der Tourismus eingebrochen, nicht wegen Attentaten, sondern nachdem sich die Tunesier und die Ägypter ihrer autoritären Regime entledigt haben – unter anderem, weil diese nicht in der Lage waren, ihren jungen Landsleuten valable wirtschaftliche Perspektiven zu bieten.

Hoffentlich ziehen junge Revoluzzer daraus nicht die Lehre, dass es sich nicht lohnt, Demokratie zu üben, sondern dass die Lösung tatsächlich in der Rückkehr zum «ursprünglichen Islam» liegt. Sonst beginnt die fatale Spirale wieder ganz von vorn zu drehen.

Der Bund

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