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Corona in der Slowakei Mit Massentests den zweiten Lockdown verhindern

Das Land testet einen grossen Teil der Bevölkerung auf eine Corona-Infektion. Die Resultate sind umstritten – doch Premier Igor Matovic hat bereits die nächste Testrunde angekündigt.

Testen, testen, testen: Ein Pfleger führt in der slowakischen Stadt Presov einen Antigen-Test durch.
Testen, testen, testen: Ein Pfleger führt in der slowakischen Stadt Presov einen Antigen-Test durch.
Foto: Zuzana Gogova (Getty Images)

5,5 Millionen Einwohner hat die Slowakei – mehr als 3,6 Millionen davon wurden allein am ersten Wochenende im November auf eine Infektion mit Sars-CoV-2 getestet. Am Wochenende darauf wurden mehr als zwei Millionen Menschen erneut getestet. Das Land unterzieht sich einem grossen Selbstversuch – testen und isolieren, um so die zweite Corona-Welle zu brechen.

«Wir halten eine Atomwaffe im Kampf gegen Covid-19 in den Händen», hatte Premier Igor Matovic vor der zweiten Testrunde gesagt. Die Tests, davon zeigt sich der Regierungschef überzeugt, hätten die Wende gebracht und die «Kurve gebrochen». Mehr als 38’000 Menschen waren nach der ersten Testrunde in Quarantäne geschickt worden. Tatsächlich ist die Zahl der Neuinfizierten zuletzt gesunken, in den letzten sieben Tagen waren es im Schnitt täglich knapp 30 auf 100’000 Menschen. Zum Vergleich: In der Schweiz stecken sich im selben Zeitraum täglich über 65 Menschen pro 100’000 an.

Wissenschaftler warnen nun davor, die Effekte zu überschätzen. Teilweise könnten die Zahlen sogar verzerrt sein. Eingesetzt wurden Antigen-Tests. Diese lassen sich zwar ohne Labor innerhalb von 15 Minuten auswerten, jedoch sind die Ergebnisse weniger zuverlässig als diejenigen von PCR-Tests. Die Fachleute weisen darauf hin, dass die positiven Effekte sehr wahrscheinlich auch auf die harten Ausgangsbeschränkungen zurückzuführen sind. Zudem gilt im Land erneut eine strenge Maskenpflicht praktisch überall ausserhalb der eigenen vier Wände.

Doch am Samstagabend erklärte Matovic den Slowaken via Facebook erneut eindringlich, es gebe «nur zwei Möglichkeiten», die Infektionszahlen zu senken: «einen strengen Lockdown oder weitere Massentests». Nur so könne man den Winter möglichst schadlos überstehen. Die Kritik folgte sofort. «Wir haben die Tests mitgemacht, wenn auch mit zusammengebissenen Zähnen», schrieb der Bezirkshauptmann von Bratislava auf Facebook. Der enorme Aufwand war vor allem an den Städten und Gemeinden hängen geblieben, die Teststationen aufbauen mussten. Mehr als 56 Millionen Franken gab die Regierung für die Tests aus.

Wer sich nicht testen lässt, muss in Quarantäne

Nach der ersten Testrunde mit mehr als 3,6 Millionen Teilnehmern schien sich dann tatsächlich zunächst so etwas wie landesweiter Stolz auf die gemeinsame Leistung auszubreiten. Kein Kritiker liess die logistische Riesenleistung und die grosse Bereitschaft der Bürger unerwähnt. Die Teilnahme war freiwillig – allerdings mussten jene, die nicht teilnahmen, für zehn Tage in Quarantäne bleiben.

Die Bereitschaft zu weiteren Tests aber scheint zu sinken. Denn in der Diskussion geht es dem Premier offenbar nicht mehr darum, was das wirksamste Mittel ist, sondern wer es vorgeschlagen hat. Der Tageszeitung «Denník N» warf er vor, Falschinformationen zu verbreiten, nachdem sie kritische Wissenschaftler zitiert hatte. Dabei hatten diese einen Pluspunkt der Massentests benannt: Diese hätten bisher unbekannte Hotspots kenntlich gemacht. Ihre Schlussfolgerung allerdings, entsprechend diesen Erkenntnissen die Massnahmen lokal anzupassen statt weiterhin Geld in Massen-Antigen-Tests zu stecken, verhallt bei Igor Matovic ungehört. Er hat für das kommende Wochenende bereits die nächste Massentestrunde angekündigt.