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Mamablog: Abklärungswut«Mit dem Kind stimmt etwas nicht»

Eltern, die Abklärungen und Therapien im frühen Alter kritisch gegenüber stehen, haben einen schweren Stand. Erfahrungsbericht einer Mutter.

Kann er nicht oder will er nicht? Unser Bildungssystem scheint das unbedingt wissen zu wollen.
Kann er nicht oder will er nicht? Unser Bildungssystem scheint das unbedingt wissen zu wollen.
Foto: Getty Images

Kürzlich erzählte mir wieder eine Mutter, die Schule habe ihr empfohlen, ihren sechsjährigen Sohn psychologisch abklären zu lassen. Sie wisse ja, ihr Sohn sei verträumt und seine Frustrationstoleranz gering. Aber sie habe einfach Mühe damit, dass Eigenheiten, die doch durchaus zu diesem Alter gehörten, so stark problematisiert würden.

Ich konnte ihr Befremden gut verstehen. Uns selbst hatte die Kindergärtnerin das Formular zur Einwilligung in eine Schulpsychologische Abklärung gerade mal drei Monate nach dem Kindergartenstart zugeschoben. Unsere fünfjährige Tochter flippe aus, wenn sie die Jacke anziehen soll, renne beim Znüni aus dem Kreis, und es komme vor, dass sie andere Kinder haue. Sie vermutete eine Entwicklungsverzögerung.

Wir erkannten unsere Tochter durchaus im Erzählten und konnten uns lebhaft vorstellen, wie herausfordernd die Arbeit mit einer grossen Klasse ist, wenn Einzelne aus der Reihe tanzen. Und wir fanden auch, dass unsere Tochter Unterstützung brauchte, um mit den Anforderungen des Chindsgis besser zurechtzukommen. Wir willigten also in Psychomotorik-Stunden ein, installierten eine Maltherapie und später auch Sensomotorik, was sich alles als grossartige Sache erwies.

Wenn sich die Katze in den Schwanz beisst

Doch uns war klar: Mit diesen Massnahmen ist dann auch einfach mal gut für ein fünfjähriges Mädchen. Eine Abklärung kam für uns zu dem Zeitpunkt nicht infrage. Wir wollten ihr Zeit zum Wachsen geben. Denn ja, vielleicht waren andere Kinder weiter als sie, vielleicht kann man das auch Entwicklungsverzögerung nennen – aber man bringt Gras bekanntlich nicht durch Ziehen zum Wachsen, sondern durch das Setzen von nahrhaftem Boden. Doch genau da beisst sich die Katze in den Schwanz. Denn sicheren Boden unter den Füssen und Vertrauen in sich selbst zu finden, ist für Kinder schwierig, wenn sie allzu oft das Gefühl bekommen, nicht in Ordnung zu sein. Das führt zu einer Stress-Spirale, die letztendlich verhindert, dass
Kinder unerwünschtes Verhalten ändern können.

Der
kürzlich verstorbene Remo Largo hat sich im Rahmen einer Studie des Zürcher Kompetenzzentrums für Bildungsevaluation folgendermassen über Auswirkungen von Abklärungen und Therapien im frühen Alter geäussert: «Kinder mit regulärem Schulverlauf (ohne Therapien und Abklärungen) schneiden punkto Selbstvertrauen signifikant besser ab als Kinder, die im Vorschulalter bereits therapiert wurden. Jede Sonderbehandlung und Abklärung zeigt dem Kind unmissverständlich, dass mit ihm etwas nicht stimmt und hat einen Einfluss auf den Verlauf seines Selbstwertgefühls.»

Immer mehr glaubte ich, ich müsse mein Kind «hinkriegen».

Weder ich noch mein Mann waren grundsätzlich gegen Abklärungen. Und auch für unsere Tochter schlossen wir eine solche nicht aus. Aber sicher nicht zu diesem Zeitpunkt. Dafür standen wir ein – was bei der Schule auf wenig Verständnis stiess. In der Folge rief die Kindergärtnerin wöchentlich an, um zu berichten, dass das Kind
wieder ausgeflippt sei, wieder nicht ruhig im Kreis sass, wieder Streit mit jemandem hatte. Bei allem Verständnis brachten mich diese Telefonate zunehmend unter Druck. Immer mehr glaubte ich, ich müsse mein Kind «hinkriegen». Immer stärker fühlte ich mich einem widersprüchlichen Spagat ausgesetzt. Mein Blickwinkel auf die Tochter veränderte sich, wurde eindimensionaler und belastete unsere Beziehung.
Immer mehr wurde ich Teil jener Optimierungsmaschinerie, der gegenüber ich im Grundsatz so grosse Fragezeichen hatte.

Nach einer Episode, in der uns die Kindergärtnerin täglich eine Bewertung über das Verhalten unserer Tochter zur Unterschrift zumailte, willigten wir schliesslich in eine Abklärung ein. Denn eines war uns klar geworden: Die Schule hat kaum Ressourcen für anspruchsvollere Kinder. Und Unterstützung von Lehrkräften, die Bereitstellung von Zusatzangeboten oder der Wechsel in eine andere Schulform bedingen als Grundlage immer eine fundierte Abklärung.

Die Geschichte einer Bildungspolitik

Das Resultat der Abklärung brachte keine Diagnose hervor. Doch dank ihr konnte eine Klassenassistenz installiert werden. Von diesem Moment an beruhigte sich die Situation. Das Ganze war also auch die Geschichte einer Bildungspolitik von immer stärker belasteten Lehrpersonen, die aber nicht an ihren Strukturen, sondern an der Person und Entwicklung einzelner Kinder festgemacht wird.

Heute ist unsere Tochter in der zweiten Klasse. Sie flippt nicht mehr aus, wenn sie die Jacke anziehen muss, und haut schon lange keine Gspändli mehr. Ein feinfühliges Kind ist sie noch immer. Doch dank beziehungsorientierter Lehrpersonen lernt sie immer mehr, diese Stärke für sich zu nutzen und sie hintenanzustellen, wenn sie gerade nicht gefragt ist.

Ja, es ist grossartig, dass Kinder heute gefördert und ihre Probleme ernst genommen werden. Das war viel zu lange nicht der Fall. Aber wir müssen aufpassen, dass wir das Rad nicht zu stark in die entgegengesetzte Richtung drehen. Und den Kindern unserer Zeit ruhig einmal mehr eine Extra-Portion Vertrauen, Zeit und Gelassenheit schenken.

35 Kommentare
    Yvette Sosa

    Ich habe etwas Mühe mit dem teilweise zynischen Unterton einzelner Kommentare. Die sind wohl von Leuten, die selber nie in einer ähnlichen Situation waren. Unser 2. Bub war und ist auch nicht 'klassenkonform' (teilweise ausgelöst durch ein kleines Problem bei der Sprachentwicklung, wir sind eine Trilingue Familie... beim ersten Kind war das überhaupt kein Problem) und der Kindergarten war für ihn der Horror. Er wurde dauernd von der Lehrerin kritisiert und korrigiert. Das Hauptproblem waren eindeutig wir Erwachsene, die nicht richtig mit der Situation umgehen konnten. Die Lehrerin und ihre fehlende Professionalität (wir leben im Ausland und die Möglichkeiten für Weiterentwicklung des Lehrerpersonals sind beschränkt) und wir völlig überforderte Eltern. Wo verhätscheln wir das Kind oder wo setzen wir es unter Druck und geben dem angeschlagenen Selbstvertrauen noch den Rest? Eine unmögliche Situation. Heute sind wir etwas besser unterwegs. Der Wechsel in die erste Klasse war von Vorteil, weil die neue Lehrerin den Jungen besser annehmen konnte wie er ist. Und der Kleine selber ist reifer geworden, hat mit der Sprachentwicklung aufgeholt etc. Fazit: Wenn die Kinder nicht ins vorherrschende 'System' passen wird es sehr schwierig. Dabei ist nicht das Kind das Problem, sondern wir Erwachsene. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich den Jungen aus dem Chindsgi genommen und ein Jahr länger zu Hause gelassen.