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Basketball-BundesligaMit dem Chip am Handgelenk zum Frühstücksbuffet

Die Deutsche Basketball-Liga hat wieder begonnen: Mit zehn Teams in einem Quarantäne-Hotel und mit Bewegungsmeldern. Das Experiment wird auch in den USA interessiert verfolgt.

Auftakt zum Saisonendspurt: Das Finalturnier wird drei Wochen dauern. Die ersten Spiele fanden im Audi-Dome in München statt.
Auftakt zum Saisonendspurt: Das Finalturnier wird drei Wochen dauern. Die ersten Spiele fanden im Audi-Dome in München statt.
Matthias Balk/Pool via Getty Images

In Deutschland laufen gerade Experimente ab, die weltweit mit grossem Interesse beobachtet werden: Wie organisiere ich im Sport einen Ligabetrieb in Zeiten einer Pandemie? In jedem Fall ohne Zuschauer – aber sonst?

Die Fussball-Bundesliga läuft schon seit einigen Wochen wieder. Die Basketball Bundesliga (BBL) probiert nun ganz was Neues und spielt seit vergangenem Wochenende unter Quarantänebedingungen – alle an einem Ort, dazu noch in einem anderen Format. Der Meister wird in einem dreiwöchigen Turnier ermittelt, ähnlich einer WM oder EM, nur ohne den entsprechenden, teils mehrjährigen Vorlauf bei der Vorbereitung.

Und weil man bei Experimenten nie vor Überraschungen gefeit ist, erlebten die Turnier-Teilnehmer gleich eine bei der Ankunft in München eine: Da wurden sie gebeten, während ihres Aufenthalts im Hotel einen Chip mit sich zu führen, eine Art Bewegungsmelder. Beim grössten anzunehmenden Unfall, einer Infektion, soll er helfen, die näheren Kontakte des Patienten nachzuverfolgen und betreffende Personen zu isolieren, um nicht das grosse Ganze zu gefährden, das gesamte Turnier.

Der Tracker zeichnet die Bewegungen des Trägers auf – und speichert, wie lange er sich in welchem Abstand zu anderen Trägern befand.
Der Tracker zeichnet die Bewegungen des Trägers auf – und speichert, wie lange er sich in welchem Abstand zu anderen Trägern befand.
Kinexio

In der Theorie ist so eine Infektion zwar ausgeschlossen: Alle 260 Personen, die während des Turniers im Hotel leben, sind vorher zweimal negativ getestet worden, und da sie keinen Kontakt zur Aussenwelt haben sollten, dürften sie sich auch nirgendwo mehr anstecken. Aber in der Praxis sind halt Menschen am Werk, das führt häufig zu Fehlern.

Bei den Profis kam die Aktion zunächst nicht so gut an, «weil es so kurzfristig war», wie Maurice Stuckey der Crailsheim Merlins sagt: «Ein bisschen mehr Vorlauf wäre nicht schlecht gewesen.» Eine Mannschaft hat den Chip zunächst nicht tragen wollen, liess sich aber überzeugen. Grossen Widerstand gegen die Massnahme gab es allem Anschein nach nicht.

Am vorigen Mittwoch gab es noch ein Gespräch mit dem Münchner Gesundheitsamt; dessen Vertreter empfahlen bei allem Lob für das Konzept weitere Massnahmen, zum Beispiel mit Mund-und-Nasenschutz im Hotel auf Abstand zu bleiben. Das empfanden alle Betroffenen als nicht praktikabel, lieber griffen sie zu einem technischen Hilfsmittel. Das ist im Grunde genau das, was die Corona-App macht, bloss halt nicht auf dem Smartphone, sondern mittels eines Chips, den man am Handgelenk tragen oder in die Hosentasche stecken kann. Marathonläufer schnallen ihn seit Jahren an die Füsse, um Zwischen- und Endzeiten zu stoppen.

Auch im Basketball kennt man diese Chips, die Münchner Firma Kinexon hat sich darauf spezialisiert, damit Leistungsdaten zu erfassen: Wie hoch springt einer, wie flott rennt er, wie schnell wird er müde? In der BBL und in der nordamerikanischen Profiliga NBA nutzen das schon etliche Clubs. Mittlerweile hat das Unternehmen die Chips auch für Corona-Anwendungen programmiert; grosse Firmen verwenden sie nun, damit sie bei der Infektion eines Mitarbeiters nicht den ganzen Betrieb schliessen, sondern nur seine nächste Umgebung isolieren müssen.

Genauso funktioniert das Prinzip jetzt auch bei den Basketballern: Gäbe es in einem Vier-Personen-Haushalt einen Corona-Fall, würde das zuständige Gesundheitsamt ja auch den Rest der Familie in Quarantäne schicken, und weil das Münchner Gesundheitsamt quasi das ganze Hotel als einen einzigen 260-Personen-Haushalt ansieht, könnte ein positiver Fall den Turnierbetrieb lahmlegen.

Wer den Mindestabstand nicht einhalten kann, muss ein Maske tragen: Arbeiter wechseln die Werbung auf dem Feld zwischen zwei Spielen.
Wer den Mindestabstand nicht einhalten kann, muss ein Maske tragen: Arbeiter wechseln die Werbung auf dem Feld zwischen zwei Spielen.
Matthias Balk/Pool via Getty Ima

Die BBL betont, dass die Anwendung der Chips freiwillig ist, es gibt keine GPS-Funktion zur exakten Ortsbestimmung, die Daten geben nur her, welche anderen Chips wie lange in der Nähe gewesen sind; zudem sind sie anonymisiert. Was den Datenschutz angeht, vertraut die BBL auf die Vorkehrungen der Herstellerfirma.

Florian Kainzinger weiss, dass nicht alles optimal sein kann, was die BBL gerade macht. Kainzinger war schon beim Sicherheits- und Hygienekonzept der Fussballer involviert, und er hat nun auch das System der BBL mitentwickelt. Das ist freilich ein laufender Prozess. Denn es gibt für diese Ausnahmesituation ja keine Vorlage, an die sie sich halten können. Also experimentieren sie.

«Wir sind gerade Innovations-Weltmeister», findet der Kainzinger: «Die Welt schaut auf uns.» In der NBA haben sie die Sache mit den Bewegungsmeldern schon aufmerksam registriert. Dort soll die Saison im Juli fortgesetzt werden, und Kainzinger sagt: «Ich wäre nicht überrascht, wenn man dann Elemente unseres Konzepts wieder sehen würde.»