Kashmir braucht internationale Unterstützung

Im Kashmir-Konflikt geht die gewaltsame Unter­drückung vergessen, unter der die Menschen leiden.

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Was hat die indische Regierung mit ihrer jüngsten Machtdemonstration in Kashmir vor? Das ist die Frage, die derzeit die Menschen im Kashmirtal und ihre Verwandten in Indien und Übersee umtreibt. Die gegenwärtige Belagerung befeuert alte Ängste aus der (post-)kolonialen Zeit der Teilung Britisch-Indiens. Ängste vor Vertreibung und einem hindu-nationalistischen Siedlungskolonialismus, der danach strebt, die kashmirischen Musliminnen und Muslime zu vernichten. Während die westliche Berichterstattung vorwiegend die globale atomare Drohkulisse eines indisch-pakistanischen Kriegs beschwört, gehen oftmals die Unterdrückung und Gewalt vergessen, der die Menschen in Kashmir ausgesetzt sind.

Als Anführer der antikolonialen Freiheitsbewegung in Britisch-Indien und erster indischer Ministerpräsident hatte Jawaharlal Nehru stets eine säkulare Demokratie für Indien gefordert. Sein Versprechen an die religiösen Minderheiten, gleichberechtigt am neu gegründeten Staat teilzuhaben, galt auch für die Muslime Kashmirs. Nehru unterstützte die Demokratie­bestrebungen der Kashmiris und ihren Widerstand gegen den autoritären Hindu-Herrscher Hari Singh. Den Widerstand führte Scheich Abdullah, ein säkularer Muslim, an. Er wurde 1947 mit der Hilfe Nehrus Regierungschef Kashmirs.

Zu dieser Zeit war Kashmir bereits in einen indischen und einen pakistanischen Teil geteilt. Weil aber Indien und Pakistan das gesamte Kashmir für sich beanspruchen, wurde die Teilung bis zur endgültigen Entscheidung über die politische Zukunft Kashmirs nur als vorläufig angesehen. Nehru verteidigte damals (wie Pakistan bis heute) die Idee, unter Aufsicht der Vereinten Nationen eine Volksabstimmung abzuhalten und die Kashmiris selber über ihre Anbindung an Pakistan oder Indien entscheiden zu lassen. Als Indien seine Verfassung verabschiedete, wurde dem indischen Kashmir mit Artikel 370 ein politischer Sonderstatus eingeräumt und damit das Recht auf Selbstbestimmung in allen Angelegenheiten ausser der Verteidigungs- und Aussenpolitik. Das Privileg seiner Bürgerinnen und Bürger, in Kashmir Land zu erwerben, an Wahlen teilzunehmen und öffentliche Ämter zu bekleiden, kam als Artikel 35A wenig später hinzu.

Während Regierungschef Abdullah eine Anbindung Kashmirs an Pakistan ablehnte, war er zwischen der Anbindung an Indien und der dritten – von Pakistan und Indien gleichsam bekämpften – Option der Unabhängigkeit hin- und hergerissen. Zwischenzeitlich schien er aus persönlichem Machtkalkül die Anbindung an Indien vorzuziehen. Bald kam es aber zum Bruch mit Nehrus Regierung, die Kashmirs Teilautonomie durch verfassungsrechtliche Zusätze mehr und mehr beschnitt. Abdullah, der wieder stärker für eine Volksabstimmung und die Unabhängigkeit eintrat, wurde des Landesverrats angeklagt und mit Gefängnis bestraft.

Bereits damals zeichnete sich ab, was in den folgenden Jahrzehnten die Politik im indischen Kaschmir bestimmen sollte: die stete Unterwanderung der von Artikel 370 garantierten Teilautonomie durch die indische Regierung und kashmirische Politiker, die sich mithilfe Delhis an der Macht zu halten suchten. Zudem diente der verfassungsrechtliche Sonderstatus – aufgrund der angeblich zweifelhaften Loyalität der muslimischen Bevölkerung und drohenden Terrorismusgefahr aus Pakistan – Indien immer wieder als Vorwand, um im Namen der nationalen Sicherheit das Notstandsrecht zu verhängen und politische Grundrechte auszusetzen.

Für viele Kashmiris sind die Ereignisse rund um die Aufhebung von Artikel 370 und 35A ein weiterer Höhepunkt einer langen Geschichte der indischen Besatzung. Ihre Ängste vor Vertreibung und Auslöschung durch präventive Verhaftungen, Entführungen, Vergewaltigungen und aussergerichtliche Hinrichtungen sind mitnichten als übersteigerte Horrorfantasien abzutun, sondern entspringen dem, was in der Vergangenheit immer wieder ihren Alltag prägte.

Der Kaschmir-Konflikt zwischen Pakistan und Indien ist untrennbar mit Gewalt und Unterdrückung in Kashmir verschränkt, die Delhi unter dem Vorwand der Terrorismusabwehr und im Namen des Fortschritts gegen die kashmirische Bevölkerung ausübt. Diese Einsicht leitet die gegenwärtige Solidaritätsbewegung mit ihrem weltweiten Aufruf «Stand with Kashmir». In sozialen Netzwerken und Zeitungsartikeln, aber auch mit Lobbyarbeit und Protesten in Städten wie New York und London versuchen Aktivistinnen und Intellektuelle, den Kashmir-­Konflikt aus der Sicht kashmirischer Frauen und Männer zu erzählen und die verschränkten Konflikte in und um Kashmir sichtbar zu machen. Nicht zuletzt soll so der internationale Druck auf Indien erhöht werden. Ich würde mir wünschen, dass wir in der Schweiz diesem Aufruf folgen und an der Seite Kashmirs die politischen Rechte seiner Bevölkerung verteidigen.

Pascale Schild ist Sozialanthropologin an der Universität Bern. Für ihre Dissertation hat sie eineinhalb Jahre im pakistanischen Teil Kashmirs geforscht.

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