Hochbrücke statt Velosteg

Schluss mit Klein-Klein: Viererfeldboulevard, neue Hochverbindung für alle, Stadtplatz im Wyler. Eine Idee für einen städtebaulichen Wurf.

Ein Ort, der zur Vision anregt: Das Viererfeld am Rand des Länggassquartiers.

Ein Ort, der zur Vision anregt: Das Viererfeld am Rand des Länggassquartiers. Bild: Adrian Moser (Archiv)

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Bern ist eine Brückenstadt! Ob Kornhaus-, Kirchenfeld-, Lorraine- oder Monbijoubrücke – jedes Mal freue ich mich über den Moment im Alltag, wo Wetter, Licht, Alpen und Stadt in der Bewegung auf der Brücke miteinander verschmelzen. Dasselbe Gefühl erwacht in mir beim Thema Viererfeld/Mittelfeld und Velobrücke. Vor meinem geistigen Auge erscheint wie selbstverständlich eine neue Hochbrücke für Bern, die Viererfeldbrücke, dahinter das Alpenpanorama.

Über die Brücke rollen Autos, Busse und Velos und spazieren Fussgänger. Als östlicher Brückenkopf im Wyler, zwischen Wifag und Wylerpark, gesellt sich ein neuer Stadtplatz hinzu. Er soll der Brücke Halt geben. Und westlich der Aare findet die Brücke ihre Fortsetzung in einem belebten städtischen Boulevard, der über dem Neufeldtunnel liegt und der bis zur Bremgartenstrasse führt.

Die drei städtebaulichen Elemente Platz, Brücke und Boulevard reihen sich wie eine Perlenkette aneinander. Sie bilden ein neues urbanes Gefüge, das die Quartiere Breitenrain und Länggasse miteinander verbindet. Dabei erschliessen und versorgen sie ein insgesamt 70 Hektaren grosses künftiges Stadtentwicklungsgebiet zwischen Länggasse und Autobahn. Dieser neue Stadtteil wird dereinst gegen 10 000 neue Einwohnerinnen und Einwohner und 7 000 Beschäftigte beherbergen. Bei dieser Stadterweiterung ist das Viererfeld das erste Teilstück, welches bebaut werden soll. Es ist als Brückenkopf zum Breitenrainquartier von besonderer städtebaulicher und verkehrstechnischer Bedeutung.

Auf gesamtstädtischer Ebene schliesst die Perlenkette den Ring um Bern, der die Aussenquartiere miteinander verbindet. Und sie ergänzt und entlastet die Ost-West-Passagen der Stadt am Bahnhof, auf der Monbijoubrücke und auf dem Engehaldenviadukt.

Der Viererfeldboulevard soll die Lebensader des neuen Stadtteils werden. Hier werden das Geschäftsleben und der Austausch mit den anderen Quartieren stattfinden. Hier hält der als Tangentiallinie geführte Ringbus. Am Boulevard befinden sich unter Alleebäumen Strassencafés, Restaurants, Läden, Coiffeursalons und Arztpraxen, Blumengeschäfte und eine ganze Reihe anderer Nutzungen, welche die Stadt interessant und lebenswert machen.

Die repräsentativen Häuserfassaden des Boulevards sind das Gesicht und die Visitenkarte des neuen Quartiers. Zusammen bilden sie eine nach Süden orientierte Front, die im Sommer bis in die Nacht urbanes Flair versprüht und von der aus im Winter ein atemberaubender Blick über die Baumwipfel hinweg auf die Alpenkette möglich ist. Mit ihrer sorgfältigen Gestaltung und Materialisierung sorgen die Häuser für Wärme und menschliches Mass.

Die hier skizzierte städtebauliche Vision und Grundanlage für das Vierer- und Mittelfeld erhält durch die laufenden Planungen (eine Wohnüberbauung und eine Fuss- und Veloverbindung hoch über der Aare) unerwartete Aktualität und Brisanz. Sie stellt die in Planung befindlichen Vorhaben nicht grundsätzlich, aber in ihrer Ausformung doch grundlegend infrage. Bevor Wettbewerbe lanciert werden, wird es nötig sein, das Thema Aarequerung und Viererfeldplanung als eine einzige, integriert zu lösende urbane Bauaufgabe verstehen zu lernen. Das urbane Potenzial dieses Ortes ist so gross, dass es unsinnig wäre, hier bloss ruhiges Wohnen im Grünen anzusiedeln.

Es mag gewagt erscheinen, heute schon – am Beginn einer Entwicklung auf dem Viererfeld – eine vollwertige Brücke zu fordern, die den letzten grossen Baustein im System der Hochbrücken der Stadt Bern darstellt. Aber in Bern entstehen Quartiere nun mal zusammen mit Brücken. Auch die Kirchenfeldbrücke war zu ihrer Zeit eine gewagte Vorinvestition und zugleich die handfeste und unverzichtbare Grundlage und Voraussetzung für die Entwicklung der Stadt hinaus auf das Kirchen- und Lindenfeld und in ihr Umland. Geschichte wiederholt sich.

Oft haben städtebauliche Meilensteine wie der hier skizzierte eine jahrzehntelange Vorlaufzeit. Das zeigt die Geschichte der Monbijoubrücke, dem südlichen Pendant zur Viererfeldbrücke: Den Entscheid, genügend Platz für eine zukünftige Brücke am Ende der Kirchenfeldstrasse freizuhalten, fällten die damaligen Planer vorausschauend bereits 1896. Damals waren noch Kutschen und Pferde auf den Strassen Berns unterwegs. Gebaut wurde die Brücke 1962, zwei Generationen später! Heute ist die Monbijoubrücke aus der Stadt nicht mehr wegzudenken.

Für eine schönere Stadt

Frühere Städteplaner sprachen bei ihrer Arbeit an Strassenzügen und Plätzen vom «Embellissement» der Stadt, von ihrer Verschönerung. Sie wussten, dass der Strassenraum den Charakter und die Seele einer Stadt widerspiegelt und ein kostbarer Teil unserer Städtebaukultur ist. Wenn unsere Generation sich anschickt, die bisher bestgehütete Landreserve der Stadt zu überbauen, muss sie dort ebenfalls in erster Linie für ein belastbares und urbanes Strassengefüge sorgen.

Dazu sind die Elemente Viererfeldbrücke und Viererfeldboulevard meiner Meinung nach sehr gut geeignet.

P. S.: Einem groben Richtwert zufolge beziffern Ingenieure die Baukosten einer in der Schweiz zu erbauenden Brücke von 15 Metern Fahrbahnbreite auf ungefähr 36 Millionen Franken. Der von der Stadt geplante Velosteg wird auf 20 Millionen Franken veranschlagt.

Arpad Boa ist selbstständiger Architekt ETH und lebt in Bern. Er war Fachberater Ortsbild, Siedlung und Städtebau in der Abteilung Raumentwicklung des Kantons Aargau. (Der Bund)

Erstellt: 13.01.2018, 08:03 Uhr

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