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Grüne Welle statt Betonwellen für Elektrovelos

Demokratisch konsequent, ehrlicher und hindernisfrei: Tempo 30 für alle.

Adrian Moser (Archiv)

Der Berner Velofunktionäre neuster Streich: Auf Kosten der Steuerzahler sollen künftig Hinderniswellen aufgebaut und so schnelle Elektro­velos «gebremst» werden. Bremsen, bremsen, bremsen. Hindernisbauten bremsen Velos bereits heute massiv: Poller. Betonklötze an neuralgischen Positionen. Parkfelder in den Strassen. ÖV-Haltestellen mitten auf den Strassen. Sie alle zeugen vom permanenten Irrlauf der Politiker und Beamten.

Gerade eben wurden die Behörden landauf, landab nicht müde, die Entwicklung des elektrischen Velos zu lobpreisen. Immer mehr Menschen würden künftig vom Auto auf das E-Velo umsteigen, das sei wünschenswert – ein Segen gar für die kollabierende Automobilität unserer Ballungszentren. Der Elektrovelo-Boom ist eine Tatsache. Der Holländer Jeroen van Vulpen, Brandmanager des Komponenten-Weltmarktführers Shimano, sagt es so: «Wir sehen immenses Wachstum im Markt für Elektrovelos über ganz Europa.» Ein anderer Europäer, David Eisenberger, Kommunikationschef des einflussreichen deutschen Zweirad-Industrie-Verbandes, beschreibt die Fahrradzukunft so: «Wir sehen bei der Nutzung des E-Bikes für den täglichen Weg zur Arbeit grosses Potenzial und viel Luft nach oben.»

Und während Berner über künstliche Hindernisse für Elektro­velos sinnieren, findet andernorts die Velorevolution statt. Gemäss neuesten Umfragen sind in den Niederlanden bereits 47 Prozent der Bevölkerung bereit, auf Elektrovelos umzusteigen, in Spanien 39 und in Italien 33 Prozent. Im motorfokussierten Deutschland sind es beachtliche 21 Prozent – ein enormer Anteil im Land der langen Distanzen zum Arbeitsort, im Land der Daimler, der Porsche und der BMW.

Mangels konzeptioneller Ideen und mangels Visionen kommen Velopolitiker und Velobeamte immer öfter auf die Idee, den Velofortschritt unter Inanspruchnahme von Steuergeldern weiter zu behindern: Durchfahrtsverbote, Quartierstrassensperrungen, nun neu auch Bremswellen für Velofahrer. Bürger sollen das Velo zwar nutzen, aber bitte höchstens in langsamer Fahrt. Keinesfalls auf Trottoirs. Dafür auf fehlenden Fahrstreifen auf autodominierten Strassen. Dort, wo Radfahrer mit Sicherheit zum Verkehrshindernis für Handwerker, Gewerbetreibende und Taxifahrer werden, welche ihre berufliche Existenz inzwischen als permanenten Kampf gegen Verkehrsbehinderungen, Verkehrsbegrenzungen und gegen den grassierenden Bussenwahn beschreiben.

Das Velo wird also eingeschränkt statt gefördert. Nils Planzer, einflussreicher Schweizer Transportunternehmer, sagt in der Sonntagspresse: «Digital vor Beton, so müssen wir zukünftig denken.» Planzer, der seine Entscheide als Unternehmer selber verantworten muss, sagt zur Entwicklung der Mobilität: «Die Lösung unserer Verkehrsprobleme kann nur ein Mobility-Pricing sein.» Planzer nennt die Zahlen, welche die Richtung weisen für eine Velopolitik der Zukunft: «Heute haben wir in der Schweiz rund 52000 Lastwagen und über 4 Millionen Personenwagen. Das Problem ist also der ­Individualverkehr.» In der Tat. Das Problem ist der motorisierte Individualverkehr. Deshalb dürfen weder Fussgänger noch Velofahrer oder diese jüngere Spezies der Elektrovelofahrer in ihrer Ausbreitung irgendwie behindert werden. Sie sind die leichten, die platzsparenden, die schlanken, die energieneutralen oder energiesparenden Mobilitätsteilnehmer.

Seien wir doch konsequent und endlich ehrlich. Wenn eine Mehrheit der Stadtbevölkerung für Tempo 30 votiert, dann ist eine einzige, radikale Massnahme zukunftsweisend: Alle Verkehrsteilnehmer haben sich künftig an Tempo 30 zu halten, dort, wo die demokratische Mehrheit dies so verfügt. Gilt flächendeckend Tempo30, können sämtliche künstlich geschaffenen, steuergeldfressenden Verkehrshindernisse radikal abgebaut werden. Denn 30 ist 30, auf Stadtgebiet. Und die schnellen Elektrovelos werden keiner lächerlichen Sezession unterworfen, sie werden sich dannzumal an Speed-Vorgaben halten müssen wie alle anderen Mobilitätsteilnehmer auch. So gesehen brauchen wir tatsächlich Wellen, aber grüne Wellen für einen flüssigen Verkehr.

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