Es gibt kein Zurück zur technischen Lehranstalt

Die Berner Fachhochschule macht eine Krise durch. Die Politik will mehr Fokus und keine Professoren. Ersteres ist sinnvoll, Letzteres nicht.

Die Berner Fachhochschule – insbesondere das Departement Wirtschaft – macht derzeit eine Krise durch.

Die Berner Fachhochschule – insbesondere das Departement Wirtschaft – macht derzeit eine Krise durch.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Christoph Aebischer@cab1ane

Unruhige Zeiten für die Berner Fachhochschule (BFH). Nimmt man die zahlreichen Kommentare und Kontaktaufnahmen zur «Bund»-Redaktion zum Massstab, herrscht breite Unzufriedenheit – und das seit langem. Dies beunruhigt auch die Politik: Grossräte fordern, dass die Ausbildung praxisnäher wird und Dozenten sich nicht mehr Professoren nennen. Die aktuell 52 Studiengänge seien zu reduzieren. Der Vorstoss wird demnächst im Parlament beraten.

Die BFH-Leitung reagiert unterschiedlich darauf: Während sich Rektor Herbert Binggeli vehement gegen weniger Studiengänge wehrt, schliesst Markus Ruprecht als Präsident des Schulrats Veränderungen beim Angebot nicht ganz aus. Im Vordergrund steht für ihn jedoch Praxisnähe und die Ausrichtung an den Bedürfnissen der regionalen Wirtschaft. Bisher nicht direkt geäussert hat sich die zuständige Regierungsrätin Christine Häsler (Grüne). Sie lässt ausrichten, sie stehe im Kontakt mit der BFH-Leitung und kenne die «Baustellen» und «anstehenden Herausforderungen». Sie vertraue den Gremien der Schule, dass sie diese bewältigen könnten.

Momentan hinterlässt die BFH-Leitung einen anderen Eindruck. Doch die Situation ist auch schwierig. Dabei ist eines klar: Eine Rückkehr in die Zeit der höheren technischen Lehranstalten ist realitätsfern. Der Schritt zur Hochschule mit stärkerem Bezug zur Forschung und mehr Nähe zur universitären Bildung ist unumkehrbar. Die Weichen dazu wurden vor über 20 Jahren gestellt. Seit 2015 wird der Hochschulbereich auf Bundesebene im Gesetz zur Förderung und Koordination der Hochschulen reguliert. Deren oberstes Organ, die Hochschulkonferenz, ist aus Regierungsräten und einem Bundesrat zusammengesetzt.

Es ist sowohl für die zehn Universitäten als auch für die sieben Fachhochschulen zuständig. Hüterin über die Qualität – also in letzter Konsequenz auch über jene der Studiengänge – ist der angegliederte Akkreditierungsrat. Der Bildungs­bericht Schweiz belegt zudem, dass Fachhochschulabsolventen in der Regel schneller Tritt fassen in der Arbeitswelt als Abgänger von Universitäten.

Die mittelgrosse Schule muss die Kräfte bündeln und sich deutlicher auf ihre ­Stärken fokussieren.

Innerhalb dieses Rahmens muss der BFH-Schulrat bleiben. Doch das Anliegen des Präsidenten ist grundsätzlich berechtigt: Die Fachhochschulen sollen «gleich, aber anders» als Universitäten sein. Garantieren soll dies der vierfache Auftrag zur Grundausbildung, Forschung, Weiterbildung und Dienstleistung. Das Bestreben der Fachhochschulen, ihrer angewandten Forschung mehr Reputation zu verleihen, droht diesen Unterschied nun zu verwässern. Verschärft hat diesen Profilierungszwang der Konkurrenzkampf im relativ kleinen Bildungsraum Schweiz.

Hier hat sich die BFH, die 1997 als erste an den Start ging, einen Rückstand eingehandelt. Die Ursachen dazu sind vielfältig – am augenfälligsten ist, dass die Zusammenführung in modernen Campus in Biel und Bern mit Verspätung kommt. Die härtesten Konkurrenten Berns, die Fachhochschule Nordwestschweiz und jene Zürichs, haben das hinter sich. Was Kräfte zur Stärkung ihrer Leuchttürme freispielt. Bern kämpft derweil mit stagnierenden Studierendenzahlen, in bestimmten Bereichen sinken sie sogar.

Dass dies zu Spannungen führt, ist nachvollziehbar. Keine Hilfe ist da die passive Erziehungsdirektion. Dies schürt politische Unruhe und schwächt die Fachhochschule. Aktuell verfehlt sie einige Ziele des Leistungsvertrags für die Jahre 2017 bis 2020. Attraktiv scheint die BFH für viele Studierende und Angestellte derzeit jedenfalls nicht zu sein. Angesichts des kantonalen Beitrags von jährlich über 100 Millionen Franken und Investitionen für die beiden Campus in der Höhe von fast 600 Millionen Franken muss der Kanton sich aktiv einbringen. Die Form der Ausbildung lässt sich zwar nicht direkt beeinflussen, doch das Angebot kann er steuern.

Die mittelgrosse Schule muss die Kräfte bündeln und sich deutlicher auf ihre Stärken fokussieren. Zudem kann der Kanton darauf hinwirken, dass die Fähigkeiten der Absolventen sich entfalten können. Momentan gelingt dies vor allem in technischen Disziplinen. Sichtbares Zeichen ist der Bieler Ableger des Schweizer Innovationsparks. In anderen Bereichen bleibt die Begleitung und Vernetzung junger Talente, um beispielsweise ein Start-up aufzuziehen, mangelhaft. Spin-offs – also Jungunternehmen, die aus der Institution heraus entstehen – schaffen nützliche Netzwerke und ziehen Risikokapital an. Es darf nicht sein, dass Abgänger mit guten Ideen und Instrumenten mangels Konzept ihrem Schicksal überlassen werden.

Doch die BFH macht nicht alles falsch. Sie hat anerkannte Stärken etwa im Medizinalbereich, in der Lebensmitteltechnologie, im Agrarbereich, in der Holztechnik oder in der Restauration. Bei der letzten externen Überprüfung gaben Experten der BFH insgesamt gute Noten. Zudem werden diverse Studiengänge gegenwärtig überarbeitet. Angekündigt hat dies kürzlich das kriselnde Departement Wirtschaft, aber auch die Abteilung Informatik wird bald einen neuen Lehrplan einführen. Was nun nottut, ist eine stringente politische Begleitung dieser Reformen.

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