Eine unverschämte Idee

Eine Immobilienfirma will den Marktwert des leer stehenden Swisscom-Hochhauses in Bern mit Kultur steigern.

Ein (fast) leerstehendes Hochaus am Rande Berns. Wie soll es weitergehen mit dem Bau? Das Berner Netzwerk für Neue Musik hätte da eine Idee...

Ein (fast) leerstehendes Hochaus am Rande Berns. Wie soll es weitergehen mit dem Bau? Das Berner Netzwerk für Neue Musik hätte da eine Idee... Bild: Adrian Moser (Archiv)

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Ist die Idee nun unverschämt gut oder bloss unverschämt? Am Rand der Stadt Bern soll bald ein neues Kulturzentrum entstehen. Musiker des Berner Netzwerks für Neue Musik (Pakt) haben ein Auge auf das seit Jahren leer stehende Swisscom-Hochhaus an der Ostermundigenstrasse geworfen. Eine mehrjährige künstlerische Zwischennutzung könnte mit einem Konzert am 8. Dezember eröffnet werden. Sogar eine Kuratorin ist offenbar bereits bestimmt. Schon bald dürfte also Leben in das 19-stöckige «Geisterhaus» einziehen. Gegen eine solch unverschämt gute Idee ist kaum etwas einzuwenden. Das Ganze muss als Win-win-Situation betrachtet werden. Aber wer gewinnt hier was?

Für die Künstler ist der Gewinn klar: Ihnen bietet sich die Gelegenheit, ein Hochhaus mit Kultur zu bespielen. Falls es nicht nur bei der Einrichtung von Ateliers mit Alpenblick bleibt und auch Konzerte, Veranstaltungen, eine Beiz und vielleicht sogar Clubs entstehen, wird das Projekt eine Ausstrahlung haben wie einst die Toni-Molkerei im Zürcher Industriequartier. Auch der Produktions-Turm auf dem Toni-Areal hätte einst in Büros umgewandelt werden sollen und wurde schliesslich für eine kulturelle Zwischennutzung freigegeben, die über ein Jahrzehnt gedauert hatte. Aus der Toni-Molkerei ist schliesslich der Campus der Zürcher Fachhochschule geworden. In der Stadt Bern müsste erst noch bewiesen werden, dass kulturelle Zwischennutzungen tatsächlich solche bleiben und nicht zu Providurien werden.

Künstler als Dienstleister

Noch mehr Fragezeichen ergeben sich, wenn man über den möglichen Gewinn für die Eigentümer der Liegenschaft nachdenkt. Über die Details des Projektes ist wenig bekannt, die Eigentümer halten sich zurzeit bedeckt. Fakt ist, dass in den letzten Jahren mehrere Verhandlungen mit potenziellen Mietern für die 66'000 Quadratmeter Bürofläche gescheitert sind. Von der Unattraktivität der Immobilie zeugt auch der mehrfache Wechsel der Eigentümerschaft in den letzten Jahren, zu der zeitweise auch Firmen aus dem Steuerparadies Gibraltar gehörten. Die aktuellen Eigentümer sehen in der kulturellen Zwischennutzung nun offenbar die Möglichkeit, aus dem grauen Büroturm einen hippen, trendigen Ort zu machen («Bund» vom Mittwoch). Das Haus wird für die Künstler geöffnet, damit diese den Marktwert der Immobilie steigern.

Später soll sie dann wieder an potentere Interessenten vermittelt werden. Für diese Dienstleistung müssten die Kulturschaffenden eigentlich ein Honorar verlangen. Die Aufwertung ganzer Quartiere durch kulturelle und soziale Nutzungen gilt mittlerweile als eine Art «urbanes Naturgesetz». Mit den dadurch ansteigenden Mietzinsen und der sozialen Entmischung der Zentren muss man offenbar leben. Schliesslich gibt es andernorts noch genug billige Wohnungen. Im einstigen Swisscom-Hochhaus wird dieser Verdrängungsprozess aber von Anfang an bewusst als solcher initiiert – auf dass die Liegenschaft wieder zum begehrten Objekt am Markt werde. Das ist in Zeiten der Wohnungsknappheit in gewissen Quartieren schon fast etwas unverschämt. (Der Bund)

Erstellt: 04.08.2017, 07:05 Uhr

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