Aufregendster Superlativ im Schweizer Medienzirkus

Sprachlupe-Kolumnist Daniel Goldstein über Medienlieblinge.

Péle: «Der beste Fussballer aller Zeiten»? Die Sporthistorie hat den Vorteil, mit Statistiken aller Art gespickt zu sein.

Péle: «Der beste Fussballer aller Zeiten»? Die Sporthistorie hat den Vorteil, mit Statistiken aller Art gespickt zu sein. Bild: Reuters

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«Das derzeit wohl aufregendste Liebespaar der Schweiz» wurde kürzlich in einem «Bund»-Interview präsentiert. Mit dieser Formulierung im Untertitel war offenbar die Haupt­beschäftigung der beiden Damen genannt. Jedenfalls folgten keine weiteren Angaben zur Person, ausser dass die eine (Dominique Rinderknecht) einmal Miss Schweiz war und jetzt «eine eigene Sendung hat», die andere (Tamy Glauser) in Paris wohnt und sie alle beide «Medienlieblinge» sind, die «auf Social Media viel teilen».

Was sie so aufregend macht, erfuhr man damit noch nicht. Der Umstand, dass auch Menschen gleichen Geschlechts einander lieben können, dürfte ja dazu heutzutage nicht mehr ausreichen – öffentliches Getue darum schon eher. Einen weiteren möglichen Schlüssel zum Verständnis der Aufregung liefert das Wort «aufgeregt» selber: So wird nicht nur genannt, wer nervös oder aufgebracht ist, sondern auch, wer «aus dem Häuschen» ist – in freudiger Erregung über ein Ereignis oder eine Nachricht. Mir scheint, diese Verwendung nehme zu, vermutlich vom englischen «excited» inspiriert. Vor allem in den USA gehört es zum guten Ton, alles Mögliche «so exciting» zu finden.

Diese Sorte Aufregung zu messen, ist in den sogenannt sozialen Medien gut möglich; da werden Klicks und Bewertungen statistisch erfasst. Beim «wohl aufregendsten Liebespaar» haben die Blattmacher derlei Statistiken aller infrage kommenden Liebespaare wohl nicht ausgewertet, sondern lieber ihre Vermutung mit «wohl» markiert. Aber ein Superlativ musste her – sonst hätte womöglich jemand nicht weitergelesen. Musste «der klügste Kolumnist, den dieses Blatt je hatte», aus dem gleichen Grund so angepriesen werden? Es ist übrigens einer mit Teleskop, nicht mit Sprachlupe.

Das Interesse mithilfe der höchsten Steigerungsform anzustacheln, ist dann besonders einfach, wenn sich die angebliche Super-Eigenschaft nicht überprüfen lässt. Wer will bezweifeln, dass eine Kundgebung «die symbolträchtigste seit Jahren» war, ein Radsportler «der facettenreichste der Gegenwart» oder ein Illustrator «der gefragteste der Gegenwart»? Immerhin stand ja nicht «aller Zeiten», wie zur Steigerung eines Superlativs auch dann und wann gesagt wird. Gemeint ist in der Regel «aller uns bekannten Zeiten», was schon kühn genug ist, ausser bei messbaren und seit je gemessenen Grössen. Aber zu «allen Zeiten» gehört auch die Zukunft, und so wächst die Kühnheit ins (vermutlich) Unendliche: Nie wird «die kühnste Behauptung aller ­Zeiten» übertroffen werden.

Eine weitere beliebte Auszeichnung, vor allem im Sportteil, ist «historisch». Damit ist der Vergleichsrahmen zunächst einmal auf die Vergangenheit eingeschränkt, aber längst nicht jede vergangene Leistung ist «historisch». Sie ist es vermutlich erst dann, wenn man sich noch eine ganze Weile – also in der Zukunft – an sie erinnern wird, weil sie klar über frühere Leistungen hinausragt. Dies wohl stets im Rahmen des Sports, also «sporthistorisch»: Auch wenn in einem Sport­bericht nur «historisch» steht, ist damit kaum der Anspruch verbunden, die allgemeine Geschichtsschreibung zu prägen.

Die Sporthistorie hat den Vorteil, mit Statistiken aller Art gespickt zu sein. Daraus kann man immer einen Superlativ schöpfen, wenn man den Rahmen richtig setzt («der erste Teenager seit 60 Jahren, der in einem K.-o.-Spiel eines WM-Turniers mindestens zwei Tore geschossen hat»). Hat man keinen Fehler gemacht, so kann niemand die Aussage widerlegen – höchstes fragen, ob es denn noch früher auch schon solche Wunderkinder wie Pelé und jetzt Mbappé gegeben habe. Das müsste der «oberste Sportstatistiker» wissen. Den wird es ja ebenso geben wie den je «obersten» Lehrer, Blasmusiker, Historiker oder Wirt der Schweiz – obwohl er ja nur den Verband, nicht die Mitglieder leitet.

(Der Bund)

Erstellt: 27.07.2018, 08:30 Uhr

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