Meditieren wie Emma Watson

Das Angebot zur «Mindfulness-Meditation» boomt. Doch es geht auch ohne teure Seminare und Bücher. Wer etwas herumfragt und Englisch spricht, kommt günstig zur sogenannten Achtsamkeit.

Smartphones seien Meditationskiller, sagt Mindfulness-Guru Kabat-Zinn.

Smartphones seien Meditationskiller, sagt Mindfulness-Guru Kabat-Zinn.

(Bild: Alamy)

Mirjam Fuchs@tagesanzeiger

Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, hat schon längst gemerkt: Mindfulness ist überall. Ob in der Yogastunde, im Buchladen oder auf der Spotify-Playlist: Das Angebot zur Achtsamkeit ist gross, und es ist ein grosses Geschäft. Für Produkte und Dienstleistungen zum Thema lässt sich mühelos Geld ausgeben. Aber ist dieser besondere Wahrnehmungszustand, der mit Meditieren zu tun hat und auf den Buddhismus zurückgeht, wirklich nur mit teuren Seminaren und Büchern zu erreichen? Ich habe es ausprobiert und erfahren, was «mindful» alles heissen kann.

Als Erstes ein Anruf bei Christian Kurmann, Veranstalter des «Mindful Leadership Symposium», das heute im Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon stattfindet. Auf der Referentenliste stehen renommierte Namen wie der tschechische Ökonom Tomáš Sedlá?ek oder Lilian Cheung von der Harvard School of Public Health. Sie sprechen über Themen wie «Economic Sanity» und «Mindful Eating». Kosten für ein normales Ticket: 790 Franken. Kurmann betont, dass das Symposium kein spiritueller, sondern ein Business-Anlass sei. «Heute sind in der Führung auch weiche Faktoren wichtig. Wer auf sein Bauchgefühl hört, kann besser entscheiden.»

Das Dankbarkeitstagebuch

Kurmann weiss, wovon er spricht. Er meditiert täglich mindestens eine Stunde. Bis vor einigen Jahren arbeitete der gebürtige Luzerner als Topmanager internationaler Hotelketten. «In der Hochphase arbeitete ich bis zu 100 Stunden in der Woche ohne Ausgleich», sagt Kurmann. Dann wurde ein Hirntumor bei ihm diagnostiziert. Statt in eine schulmedizinische Behandlung begab er sich ins Kloster nach Bhutan, wo er wochenlang täglich meditierte. Sein Tumor verschwand. Wie geht das? «Wenn man seine Angst überwinden kann, ist alles möglich», sagt Kurmann.

Klingt verlockend. Sein Gratistipp für Meditationseinsteiger: einmal täglich fünf Minuten lang Augen zumachen und sich auf den eigenen Atem fokussieren. Easy. Ich stelle den Wecker und lege los. Schon bald komme ich mir vor wie eine kleine Windmaschine: Die Luft strömt durch die Nasenlöcher ein und durch den Mund wieder aus. Draussen gurren die Tauben auf den Stadtdächern. Ob sie auch gerade meditieren? Ich verscheuche den Gedanken, aber mein Hirn fabriziert weiterhin lustige Ideen. Achtsamkeit ist harte Arbeit!

Dabei sieht alles so einfach aus, wenn man durch das «Flow»-Magazin blättert. Das Heft «für Achtsamkeit, Positive Psychologie und Selbstgemachtes» kostet 12 Franken, erscheint achtmal im Jahr und ist ein Erfolg. Seit der ersten Ausgabe im November 2013 konnte «Flow» seine Auflage mehr als verdreifachen, heute liegt sie bei 210?000 Stück. Das Magazin aus dem Verlag Gruner?+?Jahr richtet sich an «gebildete, kreative und neugierige Frauen».

Im Themenbereich «Live Mindfully» findet sich, wie früher im «YPS»-Heft das Gimmick, das «Extra»: ein kleines Dankbarkeitstagebuch. «Wir haben dieses Büchlein für dich gemacht, damit du darin schöne Augenblicke festhalten kannst.» Illustriert ist es mit InstagramBildern von alltäglichen kleinen Freuden: Schokokuchen, Wäscheleine, Gummistiefel. Ob mich regelmässige Einträge darin wohl achtsamer machen würden? Mein Bauchgefühl sagt klar: Nein.

Menschen auf Selbstsuche

Mindfulness gibt es auch nüchterner. Zum Beispiel im Zentrum für Achtsamkeit in Zürich. Hier kann man einen Kurs in Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) absolvieren. Die Methode zur Stressbewältigung durch Achtsamkeit geht zurück auf den Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn, der sie Ende der 70erJahre entwickelt hat. Kabat-Zinn, ein ausserordentlich gut aussehender 70-Jähriger, berät Firmen, Politiker, das Pentagon und zeigte auch schon Angestellten von Google und Facebook, wie sie zwischendurch zur Ruhe kommen und Kraft tanken können. Der grosse Erfolg der MBSR-Methode in der westlichen Welt hat nicht nur mit ihrer wissenschaftlichen Erforschung zu tun, sondern auch mit ihrer Neutralität. «Ich habe die Meditation aus der religiösen Spiritualität herausgelöst», erklärte Kabat-Zinn kürzlich in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Und kritisierte die ständige Erreichbarkeit: «Smartphones machen süchtig wie Kokain.»

Im MBSR-Kurs trainieren Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Wahrnehmung von Körper, Gedanken, Emotionen oder Stressmustern. Dazu kommen Dehn- und Yogaübungen. Und Achtsamkeitsmeditationen wie beispielsweise das minutenlange Betrachten einer Rosine. Ziel: Stress mindern, Wohlbefinden steigern. 880 Franken kostet der achtwöchige Kurs. Der 2009 gegründete MBSR-Verband Schweiz hat mittlerweile 120 Mitglieder. Eines davon ist Yuka Nakamura, Zürcher Meditationslehrerin und Psychologin. Wer besucht ihre Kurse? «Menschen zwischen 25 und 75 Jahren, etwas mehr Frauen als Männer, viele gut gebildet», sagt Nakamura. In Vorgesprächen ermittelt sie die Beweggründe. Sie erzählt von Menschen, die sich einsam fühlen, von Müttern, die ihre Kinder anschreien, von verlorenen inneren Mitten. «Einige fühlen sich belastet durch Mobbing am Arbeitsplatz, andere möchten lernen, wie sie mit ihren chronischen Schmerzen umgehen können – und dann gibt es solche, die sind einfach interessiert.» Allen Teilnehmern gemeinsam sei, dass sie nach etwas suchten. Nach was? «Viele haben eine tiefe Sehnsucht danach, zu sich selbst zu kommen.»

Als ich Nakamura frage, ob ich die Rosinen-Übung selbstständig machen könnte, winkt sie ab. Die Betrachtung der verschrumpelten Traube dauert im MBSR-Kurs rund 45 Minuten und wird durch die Lehrerin geleitet. Dabei trainieren die Meditierenden die bewusste Aufmerksamkeitslenkung, ein wichtiges Element der Achtsamkeitsmeditation. Stattdessen macht sie eine kurze Übung mit mir am Telefon: «Achten Sie sich darauf, wie Sie auf dem Stuhl sitzen. Spüren Sie, wo Ihr Körper die Sitzfläche, die Lehne berührt?» Klappt problemlos. Und Nakamura erklärt: Wahrnehmen zu können, was ist, sei einfach. Dann aber mit der Aufmerksamkeit auch dort verweilen zu können, sei viel schwieriger, weil die Aufmerksamkeit so unstet sei.

Meditieren per App

Tipps zur Mindfulness kommen auch von meinen Freunden aus Washington D.?C., wo ich einst ein halbes Jahr verbrachte. Meine WG-Mitbewohner trafen sich am Samstagabend nicht zum Saufgelage, sondern zum «Dharma Potluck». Weltbank-Mitarbeiterinnen, angehende Diplomaten, Assistenten von Senatorinnen sassen im Schneidersitz in unserem Wohnzimmer. Erst wurde eine halbe Stunde meditiert, danach gab es veganen, glutenfreien Eintopf mit nicht alkoholischen Getränken, und schliesslich kam es zum «Mindful Sharing»: Dabei erzählen die Teilnehmer der Reihe nach, was sie gerade beschäftigt. Damals begriff ich nicht, worum es eigentlich ging. Meine ehemalige Mitbewohnerin Jackie erklärt per E-Mail: «Der Unterschied zum Erzählen einer Geschichte ist, dass man versucht, das Geschehene objektiv zu betrachten, also nicht zu bewerten.» Übrigens gilt das auch für das Publikum.

Letzte Station ist Headspace, die erfolgreichste Meditier-App der Welt. Der ehemalige buddhistische Mönch Andy Puddicombe hat sie entwickelt, Gwyneth Paltrow und Emma Watson sind Fans, die «New York Times» nennt den Briten den «Jamie Oliver des Meditierens». Das alles wusste ich nicht, als ich zum ersten Mal auf Play drückte, und ja, Mr. Puddicombe hat auch mich um den Finger gewickelt. Es ist nicht nur sein britischer Akzent, sondern auch die klare Leitung durch die 10-minütige Meditation. Gerade für Anfänger eine grosse Hilfe. «So how does it feel having taken a few minutes out of the day? You feel a little bit calmer?» Oh yes! Die zehntägige Testversion ist gratis, die Vollversion kostet ca. 90 Franken im Jahr.

Tages-Anzeiger

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