Meditieren mit Buddha

KolumneMartin Born Ich nehme alles, was ich vor zwei Wochen geschrieben habe, zurück und behaupte das Gegenteil: Der November soll nicht abgeschafft werden. Denn genau genommen ist er der Wonnemonat. Er lädt mit seinem unvergleichlichen Charme dazu ein, möglichst weit in den Süden zu verreisen. Dorthin, wo es noch einmal so richtig warm und die Vorstellung berauschend ist, dass die Schweiz unter einer Hochnebeldecke liegt. Wegfliegen, Sonne tanken, geniessen, abschalten. Abschalten? Ich bin mir da nicht ganz sicher, denn das war einmal. Die Erinnerung sagt mir, dass es eine Zeit gab, in der das weltweite Netz noch nicht gespannt war. Da sass ich irgendwo in einem sonnigen, warmen und doch zivilisierten Land. Abgenabelt von dem, was mich zu Hause so brennend interessiert, auch wenn es genau genommen uninteressant ist. Was hat YB gemacht, und wer hat die Tore geschossen? Ist der Traum von der WM schon wieder ausgeträumt? Schwebt der ZSC – zur Zeit der schönen Leiden im Hallenstadion ist eine Art Liebe zum Z entflammt – schon wieder in Abstiegsgefahr? Wer hat das Quer auf der Forch gewonnen? Wer den Frauenfelder Waffenlauf? Haben meine Dental Flyers ihre Serie auf zwei Siege ausgebaut? Und was ist im Training der Skifahrer passiert? Natürlich gab es Zeitungen, fast überall auch solche in einer verständlichen Sprache, doch diese servierten (neben Cricket, Pferderennen und Baseball) nur Häppchen, die Appetit auf mehr machten: Die Resultate aus England, Ergebnisse von Länderspielen mit den grossen Teams und mit etwas Glück Neues vom Europacup. Tennis natürlich auch, doch das war vor Federer. Günthardt oder Hlasek fanden bestenfalls im Kleingedruckten statt. Der Hunger nach Sport war gross, wenn der Flieger in Kloten landete. Heute ist das anders. Da weiss ich überall in Echtzeit, wenn Bienvenu YB in Führung geschossen hat, dass der ZSC in die Overtime muss und Federer zur Abwehr eines Breakballs gezwungen wurde. Das iPhone zeigt mit einem Dong an, dass etwas, das ich als «breaking news» klassiert habe, passiert ist. Doch was, wenn das Handy stumm bleibt? Dann ist es besonders verdächtig. Denn es können immer und überall auch Dinge passieren, die sich nicht vorhersehen lassen. Also wird angeklickt und gesurft. Am Schluss weiss ich alles und mache mich bei den Mitreisenden beliebt, weil ich ihnen sagen kann, was sie nicht zu fragen wagen: Wie ihr Klub oder ihr Held gerade gespielt hat. Doch ich bin auch gerupft wie eine Gans, die meinen Namen trägt. Auf Englisch heisst das roaming. Wenn Sie diese Zeilen lesen – so habe ich beim Schreiben derselben ausgerechnet – holt mich die Vergangenheit für ein paar Tage ein. Ich bin näher bei Buddha als bei Bill Gates oder Steve Jobs. Das Kloster, in dem wir übernachten, hat keinen Hotspot, das Land keine Mobilfunkantennen und kein Internet. Ich werde es geniessen und viele schöne Fotos machen. Aber ich werde leiden. Bevor ich in die Vergangenheit abgetaucht bin, habe ich ausgerechnet, dass morgen jener Samstag ist, an dem Daniel Albrecht sein Comeback geben sollte. Ein grosser Tag des Schweizer Sports. Doch im Gegensatz zu Ihnen weiss ich nicht, ob es überhaupt dazu kommt, ob er trainiert hat oder das Ganze noch einmal hinausgeschoben hat. Schafft er das Wunder? Oder deutet er wenigstens an, dass er es schaffen kann? Was in Lake Louise passiert, gehört zu den Dingen, die man einfach wissen muss. Auch wenn es aus irgendeinem Grund nicht passiert. Mir hilft da wohl nur eine Meditation mit Buddha weiter. Das Kloster hat keinen Hotspot. Ich werde es geniessen. Aber ich werde leiden.

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