«Man soll nicht alles zentralisieren»

Die 27-jährige Biologin Maurane Riesen (PSA) aus dem Berner Jura will Regierungsrätin werden. Sie trete nicht gegen den bernjurassischen SP-Kandidaten Gagnebin an, sondern gegen Amtsinhaber Schnegg, betont sie.

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Markus Dütschler

Im Grossen Rat sitzt die junge Frau nicht. Auch darum ist Maurane Riesen im deutschsprachigen Kantonsteil wenig bekannt. «Doch wer sich im Berner Jura für Politik interessiert, kennt mich», sagt die 27-jährige Biologin. Und sie kennt die Politik, besonders Pierre Alain Schnegg (SVP), Inhaber des Jurasitzes in der bernischen Regierung. Riesen ist seit Juni 2014 Mitglied im 24-köpfigen Conseil du Jura bernois (CJB). Im Regionalparlament politisierte auch Schnegg, bevor er Regierungsrat wurde.

Riesen möchte ihn am 25. März aus dem Sattel heben, obwohl sie mit ihm im CJB gut zusammenarbeitete und er «eine respektvolle Person» sei: «Er will es gut machen, aber nicht so, wie ich es mir wünsche.» Auch Schnegg hat sie in guter Erinnerung, wie er der «Tribune de Genève» sagte: Riesen sei intelligent und dossiersicher, er habe gut mit ihr zusammengearbeitet. Friede, Freude, Eierkuchen? Das doch nicht. «Der Sozialdirektor spart bei denen, die am wenigsten haben, damit der Kanton die Steuern für die Reichen senken kann.» Solide Finanzen seien wichtig, doch habe der Staat «eine résponsabilité» gegenüber Behinderten, Alten, Kranken und Armen, sagt die Bilingue, die hie und da nach dem treffenden deutschen Ausdruck sucht. «Der Staat darf nicht auf dem Buckel der Ärmsten sparen.»

Linke Herausforderer gespalten

Schnegg muss weg, findet Riesen. Aber schwächt ihre Kandidatur nicht den bernjurassischen SP-Mann Christoph Gagnebin, der das Gleiche vorhat? Der PSA, autonomistischer Flügel der Sozialdemokratie, habe in der SP frühzeitig darauf gedrängt, einen allseits akzeptierten Kandidaten aufzustellen, doch dann habe es plötzlich geheissen: Christophe Gagnebin ist unser Kandidat. «Er repräsentiert nicht die breite Mehrheit im Berner Jura», sagt Riesen, sein Image sei klar probernisch.

Ein gemeinsamer Kandidat hätte eine Person sein müssen, «die respektvoll mit allen Wählerinnen und Wählern im Berner Jura umgeht». Diese Suche wäre nicht leicht gewesen, denn «manche bekommen beim Wort Autonomisten einen Hautausschlag». Riesen fügt hinzu, dass es ja nicht verboten sei, Riesen und Gagnebin auf den siebenzeiligen Wahlzettel zu schreiben.

Autonomie, was heisst das? Ist es sinnvoll, in einem Kanton zu politisieren, denn man am liebsten verliesse? Sitzt Riesen, die an der Uni Bern doktoriert, in ihrem Pied-à-terre in der Berner Altstadt quasi im Hirn des Monsters? Die Biologin nimmt einen Schluck ihres Gemüse-Smoothies, blickt aus dem Fenster auf die Gasse hinaus und lacht. «Ich war nie gegen Bern, mir gefällt es hier, ich habe viele Relationen und mag die Menschen.» Nach der Volksabstimmung von 2013, in der sich eine Mehrheit im Berner Jura für einen Verbleib bei Bern aussprach, sei die Frage beantwortet.

«Das muss man akzeptieren.» Als Autonomistin wolle sie nicht zum Kanton Jura wechseln, sondern mehr Autonomie für den Berner Jura erkämpfen, sagt Riesen, deren Lebenspartner Valentin Zuber heisst – der Sohn des früheren autonomistischen Stadtpräsidenten von Moutier. Durch den Übertritt von Moutier werde die oft beschworene «Brückenfunktion» des Kantons nicht geschwächt. «Ich fürchte aber, dass sich der Kanton Bern nicht mehr so stark um die bernjurassische Bevölkerung bemüht, weil der Druck weg ist.» Sie finde es wichtig, dass Dinge, die die Menschen betreffen, möglichst in ihrer Nähe geregelt würden: «Man sollte nicht alles zentralisieren.»

Italianità in der Familie

Riesen, die in Sonceboz wohnt, hat ein feines Gespür für Minderheiten und föderalistische Strukturen. Ihre Identität als Schweizerin und Bernjurassierin sei ihr besonders bewusst geworden, als sie in Liverpool an der School of Tropical Medicine studierte. Ihr Doktoratsthema sind Papillomaviren, die Krebs verursachen können, und wie sich die unterschiedliche Impfpraxis der Kantone im Präventionserfolg spiegelt. Identität ist für Riesen nichts Eindimensionales. In der Familie wurde deutsch gesprochen. Mit der Mutter tut sie das noch immer, mit dem Vater hat sie auf Französisch umgestellt. Dazu gesellt sich die Italianità in der Familie.

Die Grosseltern wanderten aus der Gegend von Neapel in die Schweiz ein, um sich eine Existenz aufzubauen: «Sie hatten nichts.» Im Häuschen an der Adria verbrachte die Familie oft Ferien. Riesen fokussiert ihre politischen Ziele auf drei Punkte. Es müsse mehr Gleichheit geben, sagt die Sozialdemokratin – zwischen den Geschlechtern und zwischen Arm und Reich. Ökologie sei ihr wichtig. Und die Regionen müssten über ihre Angelegenheiten selber entscheiden können – auch der Berner Jura.

Der Bund

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