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MamablogMamas Kampf in der Neonatologie

Der Ausnahmezustand in der Neonatologie ist für Eltern schwer zu ertragen. Unsere Autorin hat es überstanden und gibt sechs Tipps.

Schwerer Start für Kinder und Eltern: Frühgeborenes in der Neonatologie des Universitätspitals in Zürich.
Schwerer Start für Kinder und Eltern: Frühgeborenes in der Neonatologie des Universitätspitals in Zürich.
Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Fünf bis zehn Prozent aller Kinder in der Schweiz kommen zu früh auf die Welt. Meine Zwillinge gehörten dazu. Bis zur 29. Woche hatte ich eine wunderbar unkomplizierte Schwangerschaft. Bei einer Routinekontrolle war der Gebärmutterhals verkürzt, es folgten Wehenhemmer, Lungenreifung und ganz viel Sorgen und Hoffnungen. Eine Woche später lag ich in den Wehen und die Kinder kamen abends per Kaiserschnitt zur Welt. Sie mussten danach sofort auf die Neonatologie – gesehen habe ich sie erst am nächsten Tag.

Eine Zeit im Ausnahmezustand, über die man erst hinterher nachdenken kann. Unsere Gefühle fuhren Achterbahn.

Dieser Start war so ganz anders, als ich ihn mir gewünscht hatte. Zwei Monate verbrachten unsere Kinder schliesslich auf der Neo. Eine Zeit im Ausnahmezustand, über die man erst hinterher nachdenken kann. Unsere Gefühle fuhren Achterbahn. Schwankten zwischem grossem Glücksempfinden, dass man unseren Kindern helfen kann, und der Angst, dass sie Schaden nehmen oder sogar sterben könnten. So geht es wohl den meisten Eltern, die ein, zwei oder sogar drei Kinder auf der Neo haben. Mit den folgenden Tipps lässt sich diese Zeit vielleicht etwas leichter gestalten:

1. Sagen Sie Ja! Zu jeder Art von Hilfe. Sei es ein Gratisparkplatz in Spitalnähe, fertige Menüs fürs Abendessen, Hilfe mit der Wäsche oder den Einkäufen, was auch immer. Alles, was Sie nicht selbst erledigen müssen, bringt Ihnen mehr Zeit fürs Baby. Fürs Milchpumpen, ein Nickerchen oder was auch immer nur Sie allein machen können.

2. Sagen Sie Nein! Und zwar zu allem, was Sie grad nicht stemmen mögen. Unangekündigter Besuch der Nachbarin? Nein! Wir haben irgendwann die Türglocke ausgeschaltet. Neugierige wollen mal eine Neo von innen sehen? Nein! Irgendwelche Termine zu einer Zeit, die so gar nicht in Ihren Tagesablauf mit Neo-Besuchen passen? Nein!

3. Humor bitte nicht vergessen! Es wirkt befreiend, wenn man im Ausnahmezustand zwischendurch mal so richtig lachen kann. Auch blöde Sprüche, wie «Freut euch doch, dass ihr in Ruhe im Restaurant essen könnt, solange eure Kinder noch im Spital sind» lassen sich mit Humor besser wegstecken. Trefft Freunde, die euch zum Lachen bringen, blödelt mit den Pflegerinnen der Neo herum. Lachen bringt Entspannung und entspanntere Eltern verbringen letztlich eine entspanntere Zeit mit ihren Kindern.

4. Nutzen Sie Hilfsmittel! Babys hören bekanntlich gerne unsere Stimme. Aber was soll man denn sagen, wenn man da mit einem Winzling auf der Brust stundenlang in einem Sessel sitzt und die ganze Station zuhören kann? Mein Mann hat das so gelöst: Er nahm ein Buch oder ein Magazin mit, das er selbst lesen wollte und hat unseren Kindern vorgelesen. Den Babys ist das Thema schliesslich egal, Hauptsache Papas Stimme plätschert leise vor sich hin.

5. Nehmen Sie Bezugspersonen mit. Mit zwei Babys auf der Neo kann man zu wenig geben. So hat es sich jedenfalls für mich angefühlt. Als es der Zustand unserer Kinder zuliess, wurde uns vom Neo-Team gewährt, auch andere wichtige Bezugspersonen zu den Kindern zu lassen. Meine Schwester und meine Schwiegermutter durften dann jeweils auch ein Baby für längere Zeit halten und mussten die Station nicht wie sonst üblich nach 30 Minuten verlassen. So konnten sie uns mal ablösen oder die Kinder zusätzlich besuchen, wenn wir nicht bei ihnen sein konnten.

6. Verarbeiten Sie den Ausnahmezustand: Wenn die Kinder nach Hause dürfen, sagen euch viele, dass jetzt ja alles gut ist. Dass ihr jetzt nicht mehr weinen und euch keine Sorgen mehr machen müsst. So einfach ist es leider nicht. Während der Neo-Zeit ging es mir meistens gut. Zu jener Zeit hatten wir immer Etappenziele mit den Kindern vor Augen: Selbst atmen, selbst trinken, immer weniger Sauerstoffzufuhr, weniger Schläuche und weniger Infusionen. Mir gingen viele Erlebnisse erst später nah. Eine Psychologin hat mir aus dem akuten Tief geholfen. Ein Jahr später machte ich noch eine Traumatherapie. Zeit dafür zu investieren, lohnt sich. Wer aus einem solchen Erlebnis Stärke schöpfen kann, wird auch andere Herausforderungen besser meistern.

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