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Tödliche Gleisattacke in Frankfurt«Männliche Stimmen gehört, die ihn beschimpften»

Zum Prozessauftakt äusserte sich der beschuldigte Mann aus dem Kanton Zürich zu seinem Verbrechen. Laut Staatsanwaltschaft ist die Wahrscheinlichkeit einer neuen Tat hoch bis sehr hoch.

Den Rest seines Lebens dürfte er in einer psychiatrischen Anstalt verbringen: Ein Polizist bringt Habte A. zum Prozess.
Den Rest seines Lebens dürfte er in einer psychiatrischen Anstalt verbringen: Ein Polizist bringt Habte A. zum Prozess.
Foto: Keystone

Er sagt nichts, sein Anwalt spricht für ihn: «Es tut mir unendlich leid, ganz besonders für die Familie des durch meine Tat zu Tode gekommenen achtjährigen Leo.» Habte A. sitzt im Gerichtssaal 1 des Landgerichts Frankfurt. Der 41-jährige Mann trägt Glatze, ein kurzes, weisses Hemd mit buntem Muster und einen Mundschutz, der sein Gesicht bis zu den Augen verdeckt. Er schaut wie jemand, der nicht wirklich weiss, was hier gerade geschieht. Rechts von ihm sitzt ein Dolmetscher, der während des Prozesses für ihn übersetzt.

Vor etwa einem Jahr, am 29. Juli 2019, stösst Habte A. eine 40-jährige Frau und ihren achtjährigen Sohn vor einen einfahrenden Zug. Die Mutter kann sich in letzter Sekunde retten, sie rollt zur Seite und überlebt. Ihr Sohn wird vom Zug überrollt und stirbt vor Ort. Der Vorfall ereignet sich am Gleis 7 des Frankfurter Hauptbahnhofes – kurz nach der Tat werden Medien darüber berichten, dass die Mutter sich mit ihrem Sohn gerade auf dem Weg in die Ferien befunden habe. Der Zug hätte nach München fahren sollen.

Bevor Habte A. flüchtet, versetzt er am selben Bahngleis einer 87-jährigen Frau einen kräftigen Stoss in den Rücken. Die Frau stürzt nicht auf die Gleise, kommt daher mit einer Verletzung am Ellenbogen davon. Erst dann, unweit des Hauptbahnhofes, kann die Polizei den flüchtigen Täter stellen und festnehmen.

Schizophrene Psychose

In der Untersuchungshaft lässt ihn die Staatsanwaltschaft von einem psychiatrischen Sachverständigen untersuchen. Das Ergebnis: Wegen einer schizophrenen Psychose sei der Beschuldigte bei Begehung der Taten vermutlich nicht steuerungsfähig und demnach auch nicht schuldfähig gewesen. So steht es jetzt in der Antragsschrift, die die Staatsanwaltschaft beim Prozessauftakt verliest.

Der Beschuldigte Habte A. habe aufgrund seiner psychischen Erkrankung unter Verfolgungs- und Fremdsteuerungswahn gelitten. Die Wahrscheinlichkeit, dass es erneut zu einer Tat kommen könnte, sei laut Staatsanwaltschaft «hoch bis sehr hoch.» In ihrer Antragsschrift fordert sie deswegen auch die dauerhafte Unterbringung des Beschuldigten in eine psychiatrische Anstalt und wirft dem 41-Jährigen Totschlag, versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen vor.

Sollte die Beweisaufnahme vor Gericht allerdings ergeben, dass Habte A. «heimtückisch» gehandelt hat, dass er also zum Tatzeitpunkt die Arg- und Wehrlosigkeit seiner Opfer bewusst ausgenutzt hat, spricht das deutsche Gesetz nicht von Totschlag, sondern von Mord. Das wird nun die 22. Strafkammer des Frankfurter Landgerichts herausfinden müssen.

Seit 14 Jahren in der Schweiz

Zum Tatzeitpunkt im Juli 2019 ist Habte A. 40 Jahre alt, hat eine Frau, drei Kinder und lebt mit seiner Familie eigentlich in der Schweiz, in Wädenswil im Kanton Zürich. Er ist in Eritrea aufgewachsen und erzählt dem Sachverständigen von einer «schönen Kindheit», in der er Musik gehört und Fussball gespielt habe. Als Teenager wird er nach eigenen Aussagen zum Militärdienst gezwungen, dort habe er zunächst an der Front im eritreisch-äthiopischen Konflikt gedient, dann sei er als Sanitäter eingesetzt worden.

Im Jahr 2006 nutzt der Mann seine vierwöchige Beurlaubung, um zu flüchten, und landet über Umwege in der Schweiz. Dort bekommt er ein unbeschränktes Aufenthaltsrecht. Bis 2019 soll Habte A. unauffällig in Zürich gelebt und gearbeitet haben, mal als Monteur, danach bei den Zürcher Verkehrsbetrieben.

Doch 2018 soll er erstmals psychische Probleme entwickelt und einen Hausarzt aufgesucht haben. Er sei «depressiv geworden, habe plötzlich männliche Stimmen gehört, die er nicht kannte und die ihn beschimpften», sagt der Sachverständige vor Gericht. Habte A. habe den Eindruck gehabt, «dass andere ihn kontrollieren und beobachten würden, und habe sich von grösseren Menschenmengen verfolgt gefühlt».

2 Kommentare
    Christian Schulthess

    Ich wusste wer Habte A. war. Ich sah ihn mehrmals die Woche. Wir wohnten nicht weit von einander entfernt. Er war sehr unfreundlich und machte einen unterschwelligen aggressiven Eindruck auf mich. Mich erstaunt es nicht, dass er für solch eine Tat fähig war. Mein Mitgefühl für die Opfer.