Madame Überschuss

Regierungsrätin Beatrice Simon (BDP) kandidiert für ihre dritte Amtszeit. Schon jetzt ist für sie klar, dass sie weiterhin zu den Finanzen des Kantons Bern schauen will.

Politisieren nach dem Links-rechts-Schema könne zu Stillstand führen, sagt Finanzdirektorin Beatrice Simon, die seit 2010 im Amt ist.

Politisieren nach dem Links-rechts-Schema könne zu Stillstand führen, sagt Finanzdirektorin Beatrice Simon, die seit 2010 im Amt ist. Bild: Adrian Moser

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Seit bald acht Jahren führt Beatrice Simon (BDP) die Finanzdirektion des Kantons Bern. Die frühere Gemeindepräsidentin von Seedorf und ehemalige Grossrätin geht in den Zahlen auf: Sie bezeichnete sich im Scherz schon als «Kassenfröilein». Aber vielleicht wäre «Madame Budget» treffender – oder «Madame Überschuss». Denn in ihrer Amtszeit – darauf verweist Simon nicht ohne Stolz – hat der Kanton mit einer Ausnahme stets schwarze Zahlen geschrieben. Nur die Rechnung 2012 schloss mit einem Defizit ab.

Bei einer Wiederwahl am 25. März wird sie eines ganz sicher nicht tun: die Direktion wechseln. «Die Finanzen gebe ich nicht her», sagt sie. Man solle es nur probieren, sie werde sich zu wehren wissen, scherzt die 57-Jährige.

«Solider unterwegs»

Die BDP-Regierungsrätin ist in ihren Dossiers – zur Finanzdirektion gehören neben den Finanzen auch die Informatik, das Personalwesen und die Steuern – sattelfester geworden. In der ersten Amtsperiode stützte sie sich stärker auf die Fachkräfte innerhalb der Verwaltung. Man sagte ihr deshalb nach, sie sei vor allem «gut beraten».

«Mein Führungsstil basiert auf gegenseitigem Vertrauen»

Finanzdirektorin Beatrice Simon

Für FDP-Fraktionschef Adrian Haas ist klar, dass sie nun über eine breitere Erfahrung verfügt und «solider unterwegs» ist. «Ohne gute Chefbeamte ist es als Regierungsrat aber sowieso schwierig», sagt er. Der frühere Präsident der Finanzkommission, Jürg Iseli (SVP), sagt, Simon kenne «die Materie» besser als früher. Das Verhältnis zwischen Iseli und ihr war aber nicht immer das beste. So kritisiert er etwa, dass die Regierungsrätin die Argumente der Finanzkommission nicht immer sehr hoch gewichtet habe. «Sie hat jeweils die Meinung der Regierung vertreten und liess sich nur schwer umstimmen», sagt Iseli.

Ohne gute Fachpersonen in der Verwaltung gehe es nicht, entgegnet Simon. Sie sei aber nicht von Einflüsterern umgeben. «Wir diskutieren die Themen gemeinsam im Team, mein Führungsstil basiert auf gegenseitigem Vertrauen.» Es sei nicht ihre Art, die Details vorzugeben, doch wenn sie das Vertrauen in jemanden nicht mehr habe, so habe dies Konsequenzen. Simons Amtszeit fiel zu einem grossen Teil in die Periode der Kohabitation – die Mehrheit in der Regierung war rot-grün, im Parlament hatten die Bürgerlichen das Sagen, was zu Reibungsverlusten führte, aber auch dazu, dass Simons eigene Meinung nicht immer deutlich wurde. Mehr als einmal korrigierte der Grosse Rat den Kurs der Regierung. Anderseits brachte auch die Finanzkommission nicht alle Anträge durch. Seit Mitte 2016 ist die Mehrheit in der Regierung wieder bürgerlich.

«Brutales» Wechselbad

Bei den Wahlen 2014 erzielte Beatrice Simon mit Abstand das beste Resultat. Ihre Partei hingegen, die BDP, erlitt einen bösen Absturz und verlor gleich 11 Sitze im Grossen Rat. Der persönliche Erfolg, die Niederlage des Teams – dieses Wechselbad sei «brutal» gewesen, sagt Simon. Nun, glaubt sie, habe sich die Partei gefangen. Auf lokaler Ebene, etwa in Spiez oder Burgdorf, habe es zu Sitzgewinnen gereicht. Ob sie selber – anders als vor vier Jahren – für die BDP zum Zugpferd wird, ist offen.

Im persönlichen Gespräch ist sie umgänglich und unkompliziert. Sie sei eine «bodenständige Persönlichkeit» und könne gut kommunizieren, sagt etwa Grossrat Adrian Haas. Sie gehe gerne unter die Leute, aber lieber an eine Gewerbeausstellung oder an das Jubiläum einer Musikgesellschaft als an einen exklusiven Promianlass, sagt Simon. Auf ihrem Twitter-Account zeigt sie sich aber auch gerne mit berühmten Sportlern wie Schwingerkönig Matthias Glarner oder Skistar Lara Gut. In ihrem Präsidialjahr von Mitte 2016 bis Mitte 2017 gewann sie den Eindruck, dass die Bevölkerung der Politik gar nicht so ablehnend gegenüberstehe, wie manchmal angenommen werde. Allgemeine Verdrossenheit habe sie nicht festgestellt.

Trotz vieler Kontakte mit dem Volk habe ihr aber bei der Abstimmung über die Unternehmenssteuerreform III vor einem Jahr das «Gspüri» gefehlt, sagt die grüne Grossrätin Natalie Imboden. «Sie hat die Reform auf Biegen und Brechen verteidigt.» Dabei sei absehbar gewesen, dass der Wind drehe. Die USR III wurde im Kanton Bern mit dem klarsten Resultat aller Kantone abgelehnt. Zudem vermisst Imboden bei den Sparpaketen das Mitgefühl für die Betroffenen, welche den Leistungsabbau direkt spüren.

Bei Sparmassnahmen und Steuerpolitik kommen sich Stadt und Kanton Bern immer wieder ins Gehege. Umgänglichkeit hin oder her – für den städtischen Finanzdirektor Michael Aebersold (SP) fährt Simon einen «steinharten bürgerlichen Kurs». Aebersold, früher SP-Fraktionschef im Grossen Rat, beklagt auch den «unsäglichen Steuerwettbewerb», bei dem der Kanton mitmache.

Viele Begehrlichkeiten

Simon selber sieht sich als kompromissbereit. Sie wertet nicht nur die Budgets, die Rechnungen und die grösstenteils durchgebrachten Sparpakete als Erfolg. Sie habe zudem bei der Gewinnausschüttung der Nationalbank erreicht, dass das Geld wieder vollumfänglich eingeplant werden könne. Zudem wurde ein Fonds für schlechtere Zeiten geschaffen.

Von rechter Seite kommt manchmal die Forderung, sie solle sich nicht auf den schwarzen Zahlen ausruhen. Die Wunschliste ist lang: Der Kanton sollte die Steuern für die Firmen noch stärker senken, als mit der aktuellen Steuerstrategie geplant, er sollte auch die natürlichen Personen viel weniger stark schröpfen, er sollte keine «Almosen» aus dem Nationalen Finanzausgleich entgegennehmen und er sollte die Milliardenschulden tilgen. Links heisst es, erst die Steuergeschenke machten die Sparmassnahmen notwendig. In solchen Momenten spricht Simon gerne von einer «Finanzpolitik der ruhigen Hand».

Sie will Schritt für Schritt vorgehen und eingemittet politisieren, wie ihre Partei, die Berner BDP, deren erste Präsidentin sie war. In der Mitte würden Mehrheiten geschmiedet, sagt sie. «Nach dem Links-rechts-Schema zu poltern, führt zu einer Politik des Stillstands.» (Der Bund)

Erstellt: 20.02.2018, 06:40 Uhr

Foto: Im Sitzungszimmer

Beatrice Simon sagt, sie sitze «nicht im Elfenbeinturm», sie habe viele Kontakte mit dem Volk und spreche gerne mit den Leuten. Ihr Amtssitz am Münsterplatz 12 in Bern wiederum hat das Gepräge eines Stadtpalais. Das denkmalgeschützte Gebäude ist als Tscharnerhaus bekannt. Im Sitzungszimmer leite sie täglich mehrere Sitzungen, sagt die BDP-Regierungsrätin. Darum wählte sie diesen Raum für den Fototermin aus.

Kandidaten: Die «Bund»-Serie

Wer sind die Berner Regierungsräte, die am 25. März wiedergewählt werden wollen? Wer will neu in die Regierung? Der «Bund» präsentiert in einer Serie alle Kandidierenden. Die Bisherigen: Christoph Ammann (SP), Christoph Neuhaus (SVP), Pierre Alain Schnegg (SVP), Beatrice Simon (BDP). Die chancenreichsten Neubewerber: Evi Allemann (SP), Christine Häsler (Grüne), Philippe Müller (FDP). Die Herausforderer Christophe Gagnebin (SP), Michael Köpfli (GLP), Hans Kipfer (EVP) – sowie die Aussenseiter.

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