Schulbericht zuhanden der Inspektorenkonferenz

Der in Bolligen lebende Sigi Amstutz gewinnt den 11. «Der Bund»-Essay-Wettbewerb mit seinem Text «Überhör keinen Baum und kein Wasser», in dem er seinen reichen pädagogischen Erfahrungsschatz ausbreitet.

  • loading indicator

Erwachsene sind älter als Kinder, deshalb dürfen sie meistens etwas länger aufbleiben. Um 18.11 Uhr schrillte die Glocke der Gesamtschule Dampfzentrale gestern Abend eindringlich, und die eifrigsten Eleven stauten sich bereits mit ihren artig gefalteten Tickets beim Saaleingang. «Stell dir vor, es ist Schule, und alle gehen hin», lautete das Thema des diesjährigen «Bund»-Essay-Wettbewerbs, der seinen feierlichen Abschluss vor vollem Haus mit rund 400 Gästen fand.

201 Essays waren eingegangen, das Thema Schule bewegte im Vergleich mit früheren Themen also etwas mehr als die Liebe und fast so sehr wie der Tod. Die Auswahl der Siegertexte traf die dreiköpfige Jury bestehend aus Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm, Primarlehrer Alain Pichard und «Bund»-Chefredaktor Patrick Feuz. Das Preisgeld für Rang 1 bis 3 betrug insgesamt 9000 Franken, das Bestimmen der Podestreihenfolge oblag dem Publikum.

Jurypräsidentin Margrit Stamm sprach von vier Themen, die in den Texten immer wieder vorkamen: die Forderung nach Veränderung und Reformen, Bindungen und Beziehungen, die Schule als überschätztes Element und das Pflegen von Erinnerungen. Vor Beginn der eigentlichen Deutschstunde sorgten Schertenlaib und Jegerlehner für die musikalische Einstimmung, präsentierten sich als «Miesmuscheln auf dem Jakobsweg» und «legten die Innovationslatte derart hoch, dass man bequem untendurch marschieren konnte».

Die eingeblendete Wandtafel im Bühnenhintergrund wurde von einem steinzeitlichen Roboter mit Kreide beschrieben, für die Visuals war die Hochschule der Künste verantwortlich. Das Feld eröffnete am Welttag der Poesie die 1979 in Meran geborene und heute im Bündnerland lebende Selma Mahlknecht mit «Per aspera ad astra» nach dem römischen Philosophen Seneca, einem flammenden Appell ans Kind aus einer virtuosen Alma-Mater-Position heraus. Das Geburtstagskind landete damit auf dem zweiten Platz.

Mit «Die Utopie, das bin ich!» war der Text des Drittplatzierten Lorenz Belser überschrieben, der 1963 in Baden zur Welt kam und heute in Langendorf (SO) wohnt. Er ist Deutschlehrer für Fremdsprachige in Biel und Solothurn sowie freier Theaterschaffender. Sein Essay ist ein Monolog der Erwachsenenbildnerin Margot Hitz, die sich mit Ausländern schwertut und mit ihrer Wut und Verbitterung kämpft.

«Pausenmilch» vom Mont Vully

Der Siegerbeitrag von Sigi Amstutz trug den Titel «Überhör keinen Baum und kein Wasser», ein Zitat von Peter Handke aus dessen Gedicht «Über die Dörfer» von 1981. Amstutz verfügt über eine abenteuerliche Vita, kam 1938 als Sohn von Missionarseltern in Mitteljava zur Welt, überlebte mit seiner Familie die Kriegswirren und reiste 1946 mit dem Schiff nach Europa. Nach einer Ausbildung zum Primarlehrer unterrichtete er von 1965 bis 2003 an der Oberschule in Turbach bei Gstaad und lebt heute in Bolligen.

«Der Autor hat seinen ganzen pädagogischen Erfahrungsschatz in die Waagschale gelegt», sagte Margrit Stamm bei ihrer Laudatio. «Lernen findet auch ausserhalb des Schulzimmers statt, lebendiges Lernen», ist einer der Kernsätze von Amstutz. Sein Plan für einen wirkungsvolleren Unterricht: «Den Erfahrungen der Kinder von Bach und Bäumen recht geben, den Fächerkanon in Frage stellen. Sinnvolle Lernorte wählen, diese ausprobieren, Gegebenheiten nicht unbesehen akzeptieren, Gleichgesinnte finden, auf die Gelegenheit zu Nadelstichen gegen alles Festgefahrene warten, unruhig bleiben und für Unruhe sorgen. Dinge jedenfalls, die den Kindern auch Spass machen könnten.»

Die Pausenmilch bestand gestern Abend aus Weisswein vom Mont Vully, Wasser und Orangenjus, serviert von den Eventmakers; als inoffizieller Schulinspektor fungierte Tamedia-Ombudsmann Ignaz Staub. Vor der eigentlichen Rangverkündigung wurde überraschend noch eine Biologiestunde mit Tierparkdirektor Bernd Schildger eingeschoben, auf Hausaufgaben wurde verzichtet.

Die Essays finden Sie unter essay.derbund.ch In der Print-Ausgaben finden Sie den Siegerbeitrag von Sigi Amstutz am Samstag in voller Länge abgedruckt. Selma Mahlknechts Text erscheint am 25. März, jener von Lorenz Belser am 1. April. Die 20 besten Essays in Buchform folgen voraussichtlich im Herbst 2017.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt