Literarisches Dreiecksverhältnis

Drei Buchverlage in einem Haus gibt es neuerdings an der Neptunstrasse 20 in Zürichs Kreis 7 — dank einer prominenten Vermieterin mit Herz für Literatur.

Freude am neuen Arbeitsort Neptunstrasse: Verleger Lucien Leitess (Zweiter von links) und Leute seines Teams. Foto: Reto Oeschger

Freude am neuen Arbeitsort Neptunstrasse: Verleger Lucien Leitess (Zweiter von links) und Leute seines Teams. Foto: Reto Oeschger

Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Das Haus Neptunstrasse 20 unweit des Hottingerplatzes ist ein roter Klinkerbau mit Erkern. Kleines Fantasiespiel: Man stelle sich vor, dies sei ein Puppenhaus ohne Fassade und man blicke also direkt ins Hausinnere.

Auf drei Stockwerken übereinander ist in diesem Fall dasselbe zu sehen: Verleger an der Arbeit.

Sie sitzen wirklich genau übereinander. Im dritten Stock Sabine Dörlemann vom Dörlemann-Verlag. Im zweiten Stock Lucien Leitess vom Unionsverlag. Und im ersten Stock Dirk Vaihinger von Nagel & Kimche. Das Haus ist seit kurzem – eine Zürcher Novität – ein 3-Verlage-Haus.

Kurzbesuch bei den drei Verlegern. Zuerst bei Dirk Vaihinger. Er ist unter den dreien der Alteingesessene. Nagel & Kimche zog 2011 ein, nachdem der Ammann-Verlag ausgezogen war. Nicola Steiner, Moderatorin des «Literaturclubs» bei SRF 1, habe ihm damals den Tipp gegeben, sagt Vaihinger. Der Literaturbetrieb: ein Netzwerk.

Für Vaihinger ist sein Arbeitsort ein Glücksfall. Er wohnt dreissig Meter entfernt, seine Kinder gehen im Quartier in die Schule. «Als der Verlag hier einzog, dachte ich, die Kinder würden dann vielleicht etwas oft vorbeischauen. Jetzt freue ich mich jedes Mal total, wenn sie mich besuchen.»

Hier geschäften die Grossen

Und dann kamen Anfang Jahr die zwei anderen Verlage ins Haus. Gibt es in diesem Dreiecksverhältnis Möglichkeiten, Dinge zusammenzulegen und so Geld zu sparen? Vaihinger ist skeptisch. «Zum Beispiel Personal zu teilen, sehe ich gar nicht. Welcher Mitarbeiter, welche Mitarbeiterin kann schon zwei oder drei Betriebe gleich gut finden?» Im Übrigen halte sich der Kontakt bis jetzt in Grenzen. «Man sieht sich gar nicht so oft.»

Aufstieg den kunstvoll gedrechselten Holzhandlauf des Treppengeländers entlang zu Sabine Dörlemann. Ihr Verlag ist zwar neu im Haus, sie selber aber eine Habituée daselbst: Sieben Jahre war sie Lektorin bei Ammann. Seit 2003 hat sie nun ihren eigenen Verlag. Während Nagel & Kimche in erster Linie Schweizer Autoren publiziert, ist Dörlemanns Programm weiter gefächert. Schweizer hat sie ebenfalls, lanciert aber auch viel Literatur aus aller Welt in Übersetzung.

Mit der Neptunstrasse ist Sabine Dörlemann rundum zufrieden. Die frisch renovierten Räume seien wahnsinnig schön, alles sei frisch, rieche neu. Mit dem Unionsverlag könnte es langfristig durchaus Synergien geben, eventuell im Vertrieb, sagt sie. Momentan treffe man sich ein-, zweimal pro Monat zum Austausch. «Zusammen ist man weniger allein», sagt sie.

Der Kreis 7 mit Zürich-Hottingen ist nun noch mehr als bisher ein Literaturquartier. Ziemlich nah geschäftet seit 45 Jahren an der Sprecherstrasse Diogenes, einer der ganz grossen Player im deutschen Verlagswesen. In Hottingen leben Leute wie der Literaturkritiker Charles Linsmayer, der die «Hottinger Literaturgespräche» organisiert, die Presseagentin und Literaturvermittlerin Ruth Binde, der Schriftsteller Charles Lewinsky; auch Schriftsteller Lukas Bärfuss wohnt in der Gegend.

Zudem sind Zürichs wichtige Literaturagenturen im Quartier zu Hause, die alle drei in den ganzen deutschsprachigen Raum ausstrahlen: Liepman an der Asylstrasse, Mohrbooks an der Klosbachstrasse und Fritz an der Jupiterstrasse.

Brutal starker Franken

«Doch, der Standort ist wichtig», sagt Sabine Dörlemann, die, weil sie viel internationale Literatur verlegt, mit den Rechtevermittlern geschäftet; sie schätzt Zürich, sie schätzt die Neptunstrasse. Freilich gibt es da einen Haken. Auch ihrem Verlag setzt der starke Franken brutal zu, weswegen sie in Interviews schon mit dem Abgang nach Deutschland liebäugelte. 10 bis 15 Prozent weniger nehme sie wegen des schlechten Euro-Franken-Kurses ein, sagt sie. Ganz ausschliessen könne sie einen Wegzug nicht, sagt Dörlemann.

Dritter und letzter Kurzbesuch, Klingeln beim Unionsverlag, der Literatur aus fünf Kontinenten programmiert. Verleger Lucien Leitess erzählt, wie man auf Ende 2015 von der Rieterstrasse in Zürich-Enge wegging. Und von seinem Albtraum: «Was, wenn am neuen Ort jeder kommen und sagen würde: ‹Au nein, am alten Ort war es aber viel schöner!›» Mit der Neptunstrasse sei das nicht passiert. Besonders freut ihn das geräumige Entrée, um das die einzelnen Räume u-förmig angeordnet sind. Am grossen Tisch beim Eingang trifft man sich zu Sitzungen oder isst zusammen zu Mittag. Selbstgekochtes, versteht sich.

Umzugsparty im Beizli

Am 11. März feiern die zwei Neuen im Haus gemeinsam den geglückten Umzug. Und zwar im Klosbächli, laut Lucien Leitess «eine der wenigen echten Beizen in diesem doch sehr geordneten Viertel, wo die Leute lange über ihren Gläsern sitzen und sich viel zu erzählen haben». Die Schauspieler Gabriella Rossi und Helmut Vogel werden Texte aus Büchern beider Verlage vortragen. Die Wahl des Duos ist sinnreich; Rossi und Vogel logieren nämlich auch an der Neptunstrasse 20. Ganz zuunterst.

Freundlicher Mietzins

Nun ist es in diesem Artikel an der Zeit aufzulösen, wie es kommt, dass sich in einem prestigeträchtigen Haus in einer teuren Stadtgegend derart viel Kultur einnisten kann; Buchverlage sind bekanntlich nicht die zahlungskräftigsten Mieter, Schauspieler auch nicht. Eine Frau mit Herz für Literatur und allgemein die Kunst steht dahinter, Verleger Vaihinger spricht von der «besten Vermieterin der Welt». Das Haus Neptunstrasse 20 gehört der prominenten Journalistin Margrit Sprecher.

«Machen Sie kein grosses Aufheben davon», sagt Sprecher am Telefon. Dass nun – zu einem freundlichen Mietzins – gleich drei Verlage und dazu ein Schauspielerduo im Haus an der Neptunstrasse untergebracht seien, dahinter stehe kein planvolles Handeln von Anfang an, das sei «organisch gewachsen». Nun aber sei sie daran, eine nach ihrem verstorbenen Mann benannte Stiftung zu errichten, die Guido-Würth-Stiftung. «Das Haus soll dauerhaft der Spekulation entzogen werden.»

Was noch fehlt, ist ein knalliger Name für die Liegenschaft. «3-Verlage-Haus» kann es nicht sein, das klingt humorlos. Im Spass fragt man Lucien Leitess, wie er das Haus im Alltag nennt. «Nepti», sagt er, was als liebevoller Diminutiv gemeint sei. Und manchmal nenne er es auch, ein Spiel mit dem Attribut des Meeresgottes Neptun, Dreizack.

Wäre doch ein schöner Name: Haus Dreizack.

Tages-Anzeiger

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