Peter Meier* (49), Informatiker, arbeitslos, 650 Bewerbungen

Ein Betroffener beschreibt, wie ihn der Job-Verlust in der Informatikbranche trifft.

Genau wie die Hardware scheinen in der Branche auch die Fachleute mit zunehmendem Alter weniger gefragt: Computerschrott in einer Mulde.

Genau wie die Hardware scheinen in der Branche auch die Fachleute mit zunehmendem Alter weniger gefragt: Computerschrott in einer Mulde. Bild: Walter Bieri/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist ein augenfälliger Widerspruch, den eine letzte Woche in Zürich präsentierte Studie aufgedeckt hat. Landesweit steigt die Nachfrage nach gut ausgebildeten Informatikerinnen und Informatikern. Dennoch sind im Kanton Zürich immer mehr dieser Fachleute arbeitslos. Zwischen 2008 und 2014 hat sich ihre Zahl verdoppelt. Namentlich Fachleute über 45 Jahren sind gefährdet. So wie der bestens qualifizierte Zürcher Peter Meier (siehe Box rechts), der deshalb in die Arbeitslosigkeit abrutschte.

Herr Meier*, Sie waren die vergangenen zehn Monate arbeitslos. Sie sagen, dass Sie rund 650 Bewerbungen geschrieben haben, ehe Sie wieder einen Job erhielten. Eine unglaubliche Zahl.
Ja, und es waren vermutlich noch einige mehr. Ich habe die Bewerbungen wöchentlich für das RAV aufgelistet und dokumentiert (Die Unterlagen liegen DerBund.ch/Newsnet vor). Der Sozialarbeiter sagte einmal: «Jesses, Herr Meier, was bringen Sie uns wieder für eine lange Liste!» Ich schrieb mehr Bewerbungen als vom Amt gefordert. Ich hatte mich innerlich bereits auf eine lange Arbeitslosigkeit eingestellt.

Gibt es überhaupt so viele ausgeschriebene Stellen, wie Sie Bewerbungen verfasst haben?
In der IT-Branche hat es sehr viele freie Stellen. Ich hatte zudem einen relativ grossen Suchradius. Wohnhaft in Zürich, bewarb ich mich zuerst in der Stadt, danach im Kanton und zuletzt in der gesamten Deutschschweiz. Von Bern über Arosa bis ins thurgauische Tägerwilen.

Wie hielten Sie die Motivation aufrecht?
Spätestens nach der 500. Absage habe auch ich aufgehört zu zählen. Wobei ich nur von 250 Firmen eine schriftliche Absage erhielt – meist mit standardisierter Begründung. Die restlichen Firmen liessen gar nichts von sich hören. Es gab Momente, da wollte ich den Bettel hinschmeissen, ins Ausland auswandern und ein neues Leben starten.

Grafik vergrössern

Belastete die Arbeitslosigkeit auch Ihr privates Umfeld?
Meine Frau wurde von ernsthaften Existenzsorgen geplagt, je mehr uns die Guillotine der Aussteuerung bedrohte. Ich versprach ihr, dass ich bis Weihnachten eine neue Stelle finden werde. So bewarb ich mich weiter und weiter, meist abends und an Wochenenden, da ich mich wochentags an einem Beschäftigungsprogramm engagieren musste. Kinder habe ich keine.

In der Schweizer Informatikbranche herrscht ein akuter Fachkräftemangel. Dennoch steigt die Arbeitslosigkeit in Ihrem Alterssegment drastisch an. Woran liegt das?
An der nötigen Qualifikation kann es zumindest in meinem Fall nicht liegen: Ich habe die notwendigen Zertifikate und bin punkto Weiterbildung auf dem neusten Stand. Es muss am Alter liegen und den damit verbundenen Lohnkosten. Die Firmen ziehen in der Regel einen 20-jährigen Studienabgänger einem Bewerber mit mehr Erfahrung vor. Dies, weil er deutlich billiger ist.

«Die Firmen ziehen in der Regel einen 20-jährigen Studienabgänger einem Bewerber mit mehr Erfahrung vor»

Wie viel macht der Unterschied aus?
In meinem früheren Job verdiente ich 120'000 Franken im Jahr. Nun habe ich mich bei Firmen beworben, die jährlich 70'000 Franken für eine Projektleitung budgetieren. Da kommt fast nur ein Lehr- oder Studienabgänger infrage. Eine Stelle in dieser Kategorie und mit einer solchen Verantwortung sollte eigentlich nicht zu einem solch tiefen Preis ausgeschrieben werden.

Grafik vergrössern

Werden die Löhne auch durch günstige ausländische Fachkräfte gedrückt?
Der Ausländeranteil ist schon auffallend hoch. Bei meinem neuen Arbeitgeber, der sich nicht in Grenznähe befindet, arbeiten beispielsweise 60 Prozent Deutsche. Das war noch vor einigen Jahren unvorstellbar. Von der viel beschworenen Auslagerung ins Ausland habe ich jedoch nicht viel gespürt – zumindest nicht bei den Firmen, die ich kenne.

Würden Sie Ihr Schicksal als typisch für die hiesige IT-Branche bezeichnen?
Im Innovation-Tank, einem Beschäftigungsprogramm für hochqualifizierte Erwerbslose, nahmen 25 Personen teil. Der Jüngste war 32. Der Grossteil war jedoch zwischen 52 und 60 Jahre alt – das ist das Alterssegment, das es am härtesten trifft. Einige von ihnen sind inzwischen ausgesteuert und erscheinen damit nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.11.2015, 11:06 Uhr

Zur Person

*Peter Meier (richtiger Name der Redaktion bekannt) ist 49 Jahre alt und lebt mit seiner Frau in Zürich. Er ist ausgebildeter IT-Projektleiter mit Zertifizierungen in Informatik (SIZ) und Projektmanagement (IPMA). Er war vom 1. Januar bis 1. November 2015 arbeitslos.

Artikel zum Thema

Immer mehr Informatiker bleiben arbeitslos

Schweizweit steigt die Nachfrage nach gut ausgebildeten Informatikerinnen und Informatikern. Dennoch finden im Kanton Zürich immer weniger eine Stelle. Mehr...

«Billig-Inder», «Jugendwahn», «Blendertypen»

Immer mehr ältere Informatiker landen in der Arbeitslosigkeit. Unter den DerBund.ch/Newsnet-Lesern wird über die Gründe heiss diskutiert. Mehr...

Arbeitslose Informatiker: Die fünf grössten Irrtümer

Der Kanton Zürich hat 200 Dossiers von stellenlosen Informatikern und die Arbeitslosenzahlen seit 2009 analysiert. Das Resultat: Fast alle Vermutungen sind falsch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von DerBund.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Die Welt in Bildern

Die Ruhe weg: EIn Blauschaf betrachtet den Betrachter im Uoo von Moskau, Russland. (17. August 2017)
(Bild: Yuri Kochetkov/EPA) Mehr...