Die Bürodesigner treiben es bunt

Wie sieht das Büro der Zukunft aus? Ziemlich verspielt, wie Besuche bei einigen Trendsettern aus der Internet- und Kommunikationsbranche zeigen. Und das hat gute Gründe.

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Mathias Born@thisss

Die Swisscom hat sich verblüffend wohnlich in der Berner Bollwerk-Post eingerichtet: Mit dem bunten Teppich, den hölzernen Tischen und den verschiedenen Stühlen erinnert die einstige Schalterhalle an ein übergrosses WG-Wohnzimmer. Die anwesenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fühlen sich sichtlich wohl: Die Stimmung ist entspannt – fast wie zu Hause. Und dennoch wird ähnlich konzentriert gearbeitet wie in einer Bibliothek.

Christina Taylor führt durch die ehemalige Schalterhalle. Sie hat das gesichtslose, schlecht ausgelastete Konferenzzentrum, das nach dem Wegzug der Post hier aufgebaut worden war, mit neuen Ideen zum intensiv genutzten «Brain Gym» aufgepeppt. Das Holz, aus dem die Tische geschreinert wurden, stamme von dieser alten Scheune in Frutigen, sagt sie und zeigt auf eine auf der Wohnwand drapierte Aufnahme. Die Stühle und Sessel wiederum hätten ihre Mitarbeiter von zu Hause oder aus dem Brockenhaus angeschleppt.

«Im ‹Brain Gym› soll nichts unmöglich sein», sagt Taylor: Hier soll man den Gedanken freien Lauf lassen, unbeschwerter diskutieren als im Büro und sich unkonventioneller Methoden bedienen. «Entsprechend innovativ sind die Ideen, die hier ausgeheckt werden», so Taylor. Das sei zentral für die Swisscom. «Wir sind in dynamischen Märkten tätig. Sind wir nicht innovativ, landen wir auf dem Abstellgleis.»

Neue Büros für eine neue Zeit

Der Mensch steht im Zentrum, innovative Lösungen sind gesucht, Einfachheit ist Trumpf – das sagt heute fast jeder Geschäftsführer. Diejenigen, für die das mehr als Floskeln sind, ebnen Hierarchien ein, übertragen Mitarbeitern Kompetenzen und erlauben flexible Arbeitsformen.

Und sie lassen oft auch im Gebäude keinen Stein auf dem anderen: Wände von Einzelbüros werden eingerissen; das soll das Team zusammenschweissen. Sie schaffen Begegnungs- und Erlebniszonen, um die Kommunikation und die Kreativität anzukurbeln, und Rückzugsgebiete, um die Leute bei Laune zu halten.

Google: Ganz schön verspielt

Keine Firma zelebriert dies so exzessiv wie Google. Das zeigt ein Rundgang durch die Büros in Zürich: Jeder Stock des Gebäudes ist einem Thema gewidmet. Und dieses wird mit Fantasie, Bastelgeschick und Occasionsobjekten inszeniert. Gondeln einer Bergbahn fungieren da als Telefonkabinen. Wer Energie tanken will, zieht sich in die Zimmerpflanzenoase zurück oder bettet sich auf eine Liege in der mit Aquarien bestückten «Water Lounge».

Die über 700 Mitarbeiter profitieren von vielen Zusatzleistungen: Ablenkung finden sie im Spielzimmer oder Bandraum. Im Sportzentrum halten sie sich körperlich fit. Auch fürs leibliche Wohl ist gesorgt: Auf jedem Stock stehen Küchen mit Getränken und Snacks. Und in der Kantine werden dreimal täglich Mahlzeiten aufgetischt – kostenlos. Apropos: Der schnellste Weg dorthin führt über eine Rutschbahn.

Ist diese bunte Büroerlebniswelt aber nicht eher spleenige Selbstdarstellung denn produktive Arbeitsumgebung? «Ganz und gar nicht», sagt Matthias Meyer, Mediensprecher von Google Schweiz. «Die Bürogestaltung ist ein zentraler Teil unserer Innovationskultur.» Bei Google seien die Hierarchien flach und die Projektteams klein. Die Mitarbeiter teilten die Zeit selber ein und wählten ihren Arbeitsort. Die Innenarchitektur schaffe den nötigen Raum dafür. Sie fördere Diskussionen und rege die Kreativität an. Sie bietet aber auch Rückzugsmöglichkeiten. «Die besten Ideen entstehen oft nicht am Pult», sagt Matthias Meyer.

Liip: Schlicht mit Akzenten

Ihn faszinierten verspielte Büros, sagt Gerhard Andrey, Co-Geschäftsführer der auf Webentwicklung spezialisierten Firma Liip. «Ich frage mich aber, wie gross der Nutzen für die Mitarbeiter ist.» Deshalb habe sich Liip beim Ausbau des neuen Freiburger Büros, das vor einem Jahr eingeweiht wurde, für eine schlichte Architektur entschieden: Die Räume sind weit und weiss, die Pulte schnörkellos, die Sitzungszimmer gläsern. Einige Wände, die Sitzecken und die Accessoires setzen Akzente. «Unsere Mitarbeiter sollen viel Raum und verschieden konzipierte Orte vorfinden, um unbeschwert und produktiv zusammenarbeiten zu können», so Andrey.

Selbstverständlich darf auch von zu Hause aus gearbeitet werden – zumindest während eines Viertels des Arbeitspensums. Dieses Angebot werde von den schweizweit 70 Mitarbeitenden – die Hälfte arbeitet Teilzeit – unterschiedlich stark genutzt. «Geschätzt wird diese Flexibilität aber auf jeden Fall», sagt Andrey.

Brainstore: Einfach modular

Beim Brainstore in Biel ist Querdenken Programm: Die Firma sucht für ihre Auftraggeber – oft in Gruppenworkshops – unkonventionelle Ideen. Entsprechend flexibel muss die Inneneinrichtung sein. «Unser grosser Raum lässt sich im Handumdrehen umgestalten», sagt Mitgründerin Nadja Schnetzler. Die Möbel seien leicht, robust und flexibel einsetzbar. Die Tische in Tropfenform habe das Team selbst entwickelt. Da es kein «oben» und «unten» gibt, würden Sitzhierarchien aufgebrochen. Das Mobiliar müsse neutral sein; die Ideen und nicht das Drumherum sollen im Zentrum stehen. Stier dürfe es aber nicht wirken: «Die Einrichtung in Seminarhotels wirkt abschreckend auf Querdenker.»

In der normalen Büroumgebung «fällt es schwer, kreativ zu sein», sagt Schnetzler. «Deshalb braucht es Räume wie diesen hier.» Umsetzen könne man die Ideen hingegen fast überall. Das machen die 12 Mitglieder des Kernteams des Brainstore selbst auch so: Die Vorbereitungen und das Administrative erledigen sie im normalen Grossraumbüro nebenan. «Oder in einem fast normalen», wie Schnetzler anfügt.

Basteln statt berieseln lassen

Zurück im «Brain Gym» der Swisscom: Auch das Sitzungszimmer hinter der Halle sieht ungewöhnlich aus. Mitten im Raum steht einer der Scheuneholz-Tische. Die von Mitarbeitern gestaltete Seitenwand des Zimmers erinnert mit der gemusterten Tapete und den Porträtaufnahmen an eine alte Wohnung. In der anderen Wand sind weisse Wandtafeln eingelassen. Und in einem Swissair-Wägelchen liegen Filzstifte, Klebezettelchen, Scheren und Papier bereit – Utensilien, die intensiver genutzt werden als der Beamer an der Decke, wie Christina Taylor erzählt.

«Die Epoche der Powerpoint-Orgien ist vorbei», sagt sie. «Statt Folie um Folie abzuspulen, sollen gemeinsam Ideen entwickelt, skizziert und Prototypen gebaut werden.» Solcher Mittel bedienten sich längst nicht mehr nur die Werber und Designer. Jüngst habe hier eine Arbeitsgruppe Rechnungsprozesse überarbeitet.

Eines aber machte Christina Taylor zu Beginn Sorgen: Wie reagieren die Geschäftsleiter auf die Brockenstubensessel oder die von Holzwürmern gelöcherten Tischplatten? «Offenbar fühlen auch sie sich hier wohl», sagt Christina Taylor: Mittlerweile tagen sie regelmässig hier.

Berner Zeitung

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