Das Reichenghetto vom Bodensee

Im Oberthurgau entsteht eine «Gated Community», der wohl erste abgeschlossene Wohnkomplex für reiche Menschen in der Schweiz.

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Uttwil ist eine unscheinbare Gemeinde im Oberthurgau. Selbst vielen Thurgauern sagt der kleine Ort am Bodensee wenig. Frauenfelder denken höchstens ans Baden, Fischessen oder an den Camping­platz. Einem Romanshorner fällt gerade noch ein, dass Uttwil mit der S 8 in drei Minuten zu erreichen ist.

Aus überregionaler Sicht ist zurzeit das wohl einzige Interessante an Uttwil eine markante Liegenschaft am Reederweg 6. Direkt am Bodensee steht seit zehn Jahren das Hauptgebäude einer international tätigen Reederei aus Bremen. Es handelt sich um ein Gebäude in Schiffsform auf einem 17'500 Quadratmeter grossen Grundstück. Es ist ein teures Gebäude. Eine Hightechfassade sorgt unabhängig vom Stromnetz für das richtige Klima, sämtliche Arbeitsräume sind entlang einer geschwungenen Glasfassade angeordnet und ermöglichen den Blick über die grosszügige Parklandschaft hin zum Bodensee. Die Böden sind wie in einer Jacht mit edlem Teakholz ausgelegt. Im lichtdurchfluteten ­Atrium steht ein 65'000 Liter fassendes Koi-Bassin. Ungebetene Gäste werden mit Videokameras und einem zwei Meter hohen Sicherheitszaun ferngehalten.

Das Glück war von kurzer Dauer

Die Uttwiler Luxusjacht hat bloss einen kleinen Schönheitsfehler: Sie steht seit Jahren leer. Als der Bremer Reeder Harro Kniffka im Jahr 2000 den Holdingsitz seiner Hanseatic Lloyd (HLL) AG von Norddeutschland in den Oberthurgau verlegte, boomte die Hochseeschifffahrt. Die HLL hatte Geschäftsstellen in London, Bremen und Singapur, kontrollierte 27 Frachter und beschäftigte gegen 1000 Mitarbeiter. Die Thurgauer Behörden konnten ihr Glück kaum fassen. Doch es sollte nicht lange währen.

Ein Jahr nach der Eröffnung des Gebäudes starb der Reeder, und bald brach als Folge der Weltwirtschaftskrise auch das lukrative Geschäft mit der Hochseeschifffahrt zusammen. Wenig später waren die Büros am See verwaist, vor zwei Jahren meldete der Uttwiler Ableger der Reederei schliesslich Konkurs an – seitdem versuchten lokale Immobilienhändler, das repräsentative Geschäftshaus zu vermieten. Vergeblich.

24-Stunden-Rundumservice

Anfang Jahr kam es zur wundersamen Wiedergeburt des Schiffsbaus: Auf dem Gelände sollen nun 17 Luxuswohnungen entstehen. Der wohlklingende Name des Projekts lautet «Le Port du Navire». Vorgesehen sind zwei weitere Häuser, ein 24-Stunden-Rundumservice inklusive Concierge und Chauffeur, ein gemeinsamer Fitness- und Wellnessbereich inklusive Hallenbad sowie für jede Wohnung ein privater Pool. Eine Tiefgarage bietet Platz für 51 Personenwagen, dazu kommt ein separates, klimatisiertes «Classic Car Center» für Oldtimer. Preislich bewegen sich die zwischen 180 und 550 Quadratmeter grossen Wohnungen von 1,6 bis 5 Millionen Franken.

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Reiche ziehen sich in eine abgeschlossene Community zurück: Das ist ...





Den Gestaltungsplan für das über 50 Millionen Franken teure Projekt wurde ursprünglich vom St. Galler Bauprojektentwickler Mettler2Invest definiert und später an die in der Branche unbekannte LN Immo AG mit Sitz in Appenzell verkauft. Laut Handelsregister ist ein deutscher Staatsangehöriger, der in Kreuzlingen ein Gipsergeschäft betreibt, Präsident der Firma.

Mitte Januar bekam die «Thurgauer Zeitung» Wind von den Plänen und berichtete von der «Luxusresidenz hinter Zäunen». Grund für die Schlagzeile: Die neue Bauherrschaft preist nicht nur die Annehmlichkeiten, sondern auch die ­Sicherheit der Überbauung an. So ist einerseits vorgesehen, dass die Über­wachungskameras und der Zaun weiter­genutzt werden, und andererseits sollen Angestellte den Zugang überwachen und nachts Kontrollgänge machen.

Exotisch, unerwünscht

Das sind alles Merkmale einer «Gated Community», eines geschlossenen Wohnkomplexes für Privilegierte, die sich normalerweise in den Ballungs­gebieten von Nord- und Südamerika befinden. In der Schweiz sind sie genauso exotisch wie eine Bremer Reederei am Bodensee. 2009 forderten die Grünen in einem Postulat den Bundesrat auf, die Tragweite des Phänomens Gated Communities in der Schweiz zu untersuchen. «Gibt es bei uns nicht», antwortete die Landesregierung sinngemäss. Gated Communities, so der Bundesrat, würden ein Extrembeispiel einer direkten Segregation darstellen und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden. Deshalb gälte es hierzulande solche Überbauungen zu verhindern.

Für Stefan Boettle, den verantwortlichen Architekten, ist das alles ein grosses Missverständnis. «Gated Community ist die komplett falsche Bezeichnung für unser Projekt.» Es gehe nicht um eine ­Sicherheitsanlage mit Schäferhunden und Stacheldraht – man wolle doch nicht, dass sich die Menschen wie im Ghetto fühlen würden. Wir treffen den 56-jährigen Deutschen in den ehemaligen Büroräumen der Reederei. Vorher hat uns standes­gemäss eine charmante, junge Assistentin in einem Mercedes-Geländewagen am Bahnhof abgeholt. Der Geschäftsführer eines Stuttgarter Architektenbüros wirkt sympathisch, kommuniziert offen und hat ein gewinnendes Lachen. Die Botschaft des Treffens: Man tut nichts Heimliches, es gibt nichts zu verbergen.

Eine Alters-WG?

Wir haken nach: Von aussen sieht die Anlage doch exakt wie eine Gated Community aus, nicht? Nein, das sei bei jeder hochwertigen Wohnanlage so. Man müsse es als privaten Garten verstehen, wo die Öffentlichkeit auch keinen Zutritt habe. Es gehe nicht darum, sich abzuschotten. Im Gegenteil, die künftigen Bewohner wollten sich im Dorf einbringen. «Unsere Zielgruppe sind Menschen, denen es gut geht, dafür haben sie auch immer hart gearbeitet.» Seine Käufer seien alle in Ordnung und «sehr sympathisch», dafür lege er die Hand ins Feuer. Nicht Araber oder Russen würden kommen, sondern gut situierte Schweizer ab etwa 50 Jahren, die ihren letzten Lebens­abschnitt in Uttwil geniessen wollten, Unternehmensinhaber oder Ärzte.

Deshalb spricht Boettle auch lieber von einer Alters-WG statt von einer Luxusresidenz. «Wir mussten Uttwil den Käufern gar nicht schmackhaft machen, sie kommen alle aus der Region und sind meist Freunde.» Man habe nur noch wenige Appartements zu vergeben.

Luxuriöse Residenzen inklusive Concierge-Dienst, in denen vermögende ältere Menschen unter sich blieben, lägen im Trend, sagt Sarah Schilliger, Soziologin und Co-Autorin des Buches «Wie Reiche denken und lenken». «Für die Schweiz ungewöhnlich sind aber die Umzäunung und das Sicherheitsdispositiv. Diese Verschliessung vor der Öffentlichkeit verstärkt die sozial-räumliche Polarisierung», so Schilliger.

Hauptsache, der Ruf ist besser

In Uttwil selber sagt man das so nicht, oder nur ganz leise. Einer twitterte sarkastisch in die Anonymität des Internets: «Da freut sich das intakte Dorf­leben auf neue Impulse im Miteinander.» Doch sonst: Stille.

Selbst die politische Opposition in der Gemeinde möchte lieber nichts mit der ganzen Sache zu tun haben. Ein lokaler SP-Politiker, der keinesfalls namentlich zitiert werden will, sagt nur, dass es hier ruhig sei – und so auch bleiben solle. Er könne nicht nachvollziehen, warum «die Medien wieder etwas aufbauschen wollen». Und auch Stephan Good, der parteilose Gemeindepräsident, hat keine Mühe mit dem Bau. Für Uttwil sei das Projekt eine gute Sache, weil die Brache am See endlich überbaut werde. «Ich bin zuversichtlich, dass es gelingen wird, weil die Planer einen guten Track Record haben.»

Er meint: einen guten Ruf. Einen besseren als der Vorbesitzer des Hauses am See. Der war Teil des Skandals um die Schweizer Hochseeflotte, der den Schweizer Steuerzahler 200 Millionen Franken gekostet hat. Auch Reeder Harro Kniffka hatte Schiffe, die mit einer Schweizer Staatsgarantie unterlegt waren. Architekt Stefan Boettle erfuhr aus den Medien über die Vorgeschichte des Grundstücks am Reederweg 6. «Es gibt Gott sei Dank keinerlei geschäftlichen Beziehungen zu ihm und seiner Firma.»

Nicht mehr Vergangenheit, nur noch die Zukunft zählt. Im Mai findet der Spatenstich statt, im nächsten Sommer sollen die Bewohner am Bodensee einziehen. Behütet und beschützt. In der allerersten Gated Community der Schweiz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2018, 18:40 Uhr

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