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Der junge Rote ist da

In Frankreich werden wieder unzählige Korken gezogen: Der Beaujolais nouveau ist da. Der frühe Verkaufsstart des jungen Weins wird jetzt seit 60 Jahren vielerorts wie ein Feiertag begangen.

Ein edler Tropfen: Ein Restaurantbesitzer in Paris schenkt sich ein Glas des Beaujolais nouveau ein.
Ein edler Tropfen: Ein Restaurantbesitzer in Paris schenkt sich ein Glas des Beaujolais nouveau ein.
Keystone

In Frankreich werden wieder unzählige Korken gezogen: Seit Donnerstag gibt es wieder den Beaujolais nouveau. Der frühe Verkaufsstart des jungen Weins wird jetzt seit 60 Jahren vielerorts wie ein Feiertag begangen. In kleinen Orten wie in grossen Städten wird der zentrale Platz mit Lampions geschmückt und mit Einbruch der Dunkelheit aus grossen Fässern der Beaujolais serviert. In Lyon, der «Wiege» der Tradition, wird in den grossen Tag hineingefeiert und seit Schlag 00.00 Uhr ausgeschenkt. Nicht selten dauern diese Feste bis in die frühen Morgenstunden.

Eine aktuelle Umfrage des Verbrauchermagazins LSA beweist die Begeisterung: Mehr als 60 Prozent der Franzosen wollen in diesem Jahr den Beaujolais feiern. Wieder werden mehr als 7,5 Millionen Flaschen mit dem hellroten, süffigen Getränk über die Ladentheke gehen. Dabei ist der Neue im Vergleich zu vielen anderen französischen Qualitätsweinen besonders günstig: Meist kostet er nicht mehr als drei oder vier Euro. Getrunken wird der junge Wein aus der Gamay-Rebe gut gekühlt, mit einer Temperatur von höchstens 14 Grad soll er am besten sein.

Exzellentes Marketing

Der Beaujolais nouveau (der neue) oder auch Primeur (der erste) spielt in der Riege der französischen Weine eine besondere Rolle: Er war von 1951 an der erste, der schon im Jahr der Lese verkauft werden durfte. Stichtag ist seit den 80er Jahren der dritte Donnerstag im November. Dann kommt er nicht nur in Frankreich, sondern auch in der Schweiz und anderen europäischen Ländern, in den USA und in Japan in den Handel und auf den Tisch. Wegen der Zeitverschiebung sind die Japaner die ersten, die ihn kosten können. Zum 60. Geburtstag steht die Werbekampagne zum Verkaufsstart unter dem Motto Haute Couture als Symbol französischer Lebensart.

Der Beaujolais nouveau ist wie das vorwitzige Kind unter den französischen Weinen: Eigentlich geben Franzosen viel darauf, immer den besten Wein aus einer bestimmten Region zum Essen zu reichen. Je kleiner das Anbaugebiet, desto wertvoller ist meist auch das Produkt. Der Beaujolais hingegen wird auf einer relativ grossen Fläche produziert, sie erstreckt sich über mehr als 50 Kilometer im Norden von Lyon, die grösste Stadt ist Villefranche-sur-Saône. Zwar herrscht hier kontinentales Klima mit relativ kalten Wintern, aber die sonnigen und heissen Sommer sorgen für die Reifung der Beeren.

«Ein exzellenter Jahrgang»

Jedes Jahr philosophiert das Nachbarland über den Geschmack des aktuellen Jahrgangs. 2011, so die einhellige Meinung von Önologen und Gastro-Kritikern, schmeckt er nach dunklen Beeren und ist sehr weich. «Wir haben einen exzellenten Jahrgang», sagt Fabrice Sommier vom Drei-Sterne-Restaurant Georges Blanc im Anbaugebiet des Beaujolais.

Sommier hat in den vergangenen Monaten mehrere Weinproduzenten besucht und ist sich nun sicher: «Der Beaujolais nouveau ist dieses Jahr ein grosser Wein.» Das ist nicht nur für den jüngsten Tropfen interessant, der damit geschmacklich schon gefällig rund daher kommen sollte, sondern vor allem für die Crus du Beaujolais, die zehn Dörfer, die den Wein aus Gamay-Trauben unter ihrem Namen verkaufen dürfen. Idealerweise wird dieser qualitativ in der Regel bessere Wein des Anbaugebiets vor dem Konsum einige Monate oder wenige Jahre gelagert. Traditionell gibt es leichtere Appellationen wie den Chirouble, eher fruchtige, mittelschwere wie den Fleurie und kräftigere wie den Juliénas oder den Moulin à Vent.

Kater inbegriffen

Schon einige Tage vor dem offiziellen Verkaufsstart kommen jedes Jahr internationale Weinkenner, Gastronomen und Kritiker zu einem Test-Trinken in Lyon zusammen. Rund 80 Experten nehmen dann mehrere hundert Stichproben, testen den Beaujolais nouveau mit verbundenen Augen und verleihen anschliessend Silber- und Goldmedaillen. Die ausgezeichneten Erzeuger dürfen dieses heiss umkämpfte Siegel dann auf ihren Etiketten führen und können auf ein besonders gutes Verkaufsjahr hoffen.

Doch inzwischen regt sich unter den Franzosen Widerstand gegen das von viel Werbung begleitete Event. In Montchanin, einem kleinen Dorf in der Beaujolais-Region, findet nun schon seit zehn Jahren ein besonderer Umzug statt: Zwei Tage vor dem Verkaufsstart beerdigen die Einwohner mit einem falschen Priester und aufwendigen Kostümen symbolisch eine Drei-Liter-Flasche des Beaujolais. Die zwölf Monate zuvor verscharrte Flasche aber wird wieder ausgegraben und gemeinsam getrunken. Die Veranstalter wollen so wieder den Charme der alten Zeiten aufleben lassen, als noch der Weinhändler um Mitternacht mit seinem Fass in die Bar kam.

Inzwischen haben sich für das Kulturgut Beaujolais unzählige Kosenamen entwickelt: Die Franzosen nennen ihn «beauj'», «beaujol'» oder auch «beaujolpif» - pif ist die Nase und steht für das Zu-Kopf-Steigen des Weines. Denn auch das ist einzigartig bei diesem Wein: Ein Kater nach einigen Gläsern Beaujolais ist nahezu unvermeidlich.

dapd/wid

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