Weshalb Stockholm und Kopenhagen Paris abtrocknen

Der Stil der Skandinavierinnen setzt derzeit Massstäbe. Die Gründe.

Dank Scandi Chic eine der einflussreichsten Bloggerinnen der Welt: Die Dänin Pernille Teisbaek.<br />Foto: Timur Emek (Getty Images)

Dank Scandi Chic eine der einflussreichsten Bloggerinnen der Welt: Die Dänin Pernille Teisbaek.
Foto: Timur Emek (Getty Images)

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«Die Schweden kommen! Die Schweden kommen!», jubelte die «New York Times» Anfang Februar. Sie schrieb eine Hymne auf das der breiten Öffentlichkeit einigermassen unbekannte schwedische Label Our Legacy (zu welchem die bekanntere Regenmantellinie Stutterheim gehört). In Aufregung versetzt hatte den Journalisten nicht etwa, dass demnächst bei ihm um die Ecke ein Geschäft eröffnet werden sollte. Es reichte allein die Tatsache, dass die Our-Legacy-Designer verkündet hatten, sie trügen sich mit dem Gedanken, in New York ein Geschäft zu eröffnen – irgendwann, in ferner Zukunft.

Von ungefähr kommt die Euphorie nicht. Seit geraumer Zeit setzen die Skandinavier – nebst den Schweden auch die Dänen – Massstäbe. Nicht nur in der Kultur mit Serien wie «The Killing», «Borgen» oder «The Bridge», im Interieur- oder im Autodesign, sondern vor allem in der Mode. Dort ist ihr Einfluss so gross, dass im Fachjargon bereits ein eigenes Wort dafür existiert: «Scandi Chic».

Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass im Norden dieses Frauen-Männer-Ding schon längst kein Ding mehr ist.

Mit H & M hat das allerdings rein gar nichts zu tun. Der ist zwar auch schwedisch genauso wie Monki, Cheap Monday, Cos und & Other Stories, die alle H & M gehören. Und natürlich ist da auch Acne, das Label mit dem gruseligen Namen (ein Akronym für «Ambition to Create Novel Expressions»), dessen Stiefeletten namens Pistol vor ein paar Jahren weltweit kopiert wurden; nicht zuletzt die beliebten Insidermarken Malene Birger und Ganni, die aus Dänemark stammen. Trotzdem entstand der Scandi Chic auf der Strasse. Er ist das, was die Frauen in Kopenhagen und Stockholm tragen, mit ihrem untrüglichen Auge dafür, was gut aussieht. Und dazu führt, dass die Dichte an stilvoll gekleideten Menschen dort eindeutig höher ist als in allen anderen europäischen Städten, und ja: auch höher als in Paris.

Der Scandi Chic ist das Gegenprogramm zur Kardashianisierung der Mode, diesem um sich greifenden Stil, der so offensichtlich berechnend wie geschmacklos daherkommt. Mit seiner fliessenden Silhouette (knalleng ist verpönt, Skinny Jeans trägt dort seit langem niemand mehr), den vielen Farben (Schwarz wird als zu hart empfunden und kaum je getragen) und einer generellen, hinreissenden Unangestrengtheit vermittelt der Scandi Chic trotz seiner Dezenz eine verblüffende Zartheit.

Maskulines macht feminin

Dazu gehört ein zurückhaltendes Make-up, und die Schuhe sind fast immer flach. Die weissen Sneakers trugen sie im Norden, schon lange bevor diese zum weltweiten Trend wurden: Sie passten mit ihrer Frische und ihrer zeitlosen Schlichtheit perfekt zum skandinavischen Stilempfinden.

Der Scandi Chic definiert Weiblichkeit neu. Dass das so überzeugend gelingt, hat abgesehen von einem nationalen Gespür für Ästhetik vielleicht auch damit zu tun, dass im Norden die Geschlechter einen entspannteren und egalitäreren Umgang pflegen, damit, dass dieses Frauen-Männer-Ding dort schon längst kein Ding mehr ist. Deshalb gehören maskuline Elemente wie Männerhosen als fixe Bestandteile zur weiblichen Garderobe – und lassen die Frauen umwerfend feminin wirken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2016, 17:09 Uhr

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