Lust auf Duft

Parfüms prägen unseren Alltag stärker, als uns bewusst ist. In Paris sucht eine neue Generation feiner Nasen nach dem nächsten grossen Duft. Ein Laborbesuch.

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Avenue Kléber, Nummer 46, erste Etage: Es riecht. Der Odeur ist nicht penetrant, sondern dezent ­zitronig, etwas orientalisch und verweilt nur kurz. Wie eine flüchtige Bekanntschaft im Flugzeug. Kaum da, schon wieder weg. Wir sitzen im Büro von Quentin Bisch, ein Zimmer am Ende eines ­langen Ganges in einem Pariser Stadthaus aus dem 19. Jahrhundert, mitten im Herzen der Hauptstadt, unweit des Triumphbogens und des Ufers der Seine.

«Merci, Sophie», bedankt sich Quentin Bisch bei seiner Assistentin, die gerade eine von ihm kreierte Duftmischung in einem Glasfläschchen in sein Büro bei Givaudan France Fine Fragrance bringt. In die transparente Flüssigkeit taucht er nun einen schmalen Papierstreifen, hält ihn sich unter die Nase und lässt die neue olfaktorische Komposition aus vielen verschiedenen Duftstoffen auf sich wirken. «Würzig, frisch — mit der Saftigkeit des Ingwers und zeitgemässen Nuancen von Basilikum und Pfefferminze», sagt er, lehnt sich zurück im Stuhl und blickt nach draussen auf die Platane, an der an diesem nebligen Dezembertag noch ein paar gelb verfärbte Blätter flattern.

Quentin Bisch ist einer von 15 Parfümeuren von Givaudan in Paris. Der Schweizer Konzern ist führend im Parfümgeschäft und erzeugt neue Düfte für grosse Marken wie Calvin Klein, Prada, Diptyque, Lancôme oder Yves Saint Laurent. Es ist ein hart umkämpftes Geschäft. Dufthersteller wie Givaudan oder Firmenich, IFF, Symrise und Takasago ­müssen meist einen ausgeschriebenen Wettbewerb gewinnen. Dabei erhalten sie lediglich eine knappe ­Beschreibung, welche Stimmung oder Assoziation der Duft vermitteln soll — zum Beispiel eine überwältigend schöne Frau, die an einem Strand in der Sonne spazieren geht. Am Schluss gibt es einen glücklichen Sieger, der die Zauberformel für das gewünschte Dufterlebnis gefunden hat. Alle anderen gehen leer aus.

Fotoalbum der Düfte

«Ich übersetze die Vorgabe in Düfte», erklärt Bisch. Es seien Bilder in seinem Kopf, die er interpretiere und zu denen er Passendes an Gerüchen suche. Ähnlich wie ein Musiker komponiere er die gewünschte ­Atmosphäre und setze sie peu à peu zusammen. Teilweise verwende er 25 Ingredienzien für ein Parfüm. «Riechen Sie mal», sagt er verschmitzt. Diesen speziellen Duft habe er nur für sich hergestellt. Es sei eine Erinnerung an eine Schulreise, als er als Sechsjähriger in der Umgebung von London auf einem Hügel mit Schafen stand. Den einmalig erdigen und gleichzeitig intensiv animalischen Geruch habe er für immer abgespeichert. Das funktioniert wie ein Fotoalbum, nur enthält das Souvenir Duftstoffe statt Bilder. Denke er an Weihnachten, komme ihm sofort der Geruch von Kaminfeuer, Zimt und einem Strauss frischer Mimosen in den Sinn, den seine Mutter immer zu dieser Zeit gekauft habe. Ein wunderbarer Duft, der das Gefühl von Geborgenheit vermittle.

Gerüche haben eine erstaunliche Macht über uns. Selbst wenn wir es im Alltag oft kaum bewusst wahrnehmen, beeinflussen sie unsere Entscheidungen und Emotionen. Während uns der Gestank etwa von gammeligem Fleisch vor Gefahren warnt, können wohlriechende Düfte Erlebtes aus der Vergangenheit in uns wachrufen. Unser äusserst empfindlicher Geruchssinn ist massgeblich für unser Wohlbefinden zuständig. Mit der Entwicklung der Hochkulturen gewannen vor allem die angenehmen Gerüche an Bedeutung. So entdeckte man in der Antike die Welt der Duftstoffe und eroberte diese immer weiter. Bereits die alten Ägypter versuchten mit Weihrauch ihre Götter gnädig zu stimmen oder verwendeten Nardenöl als Grabbeigabe. Zudem gilt ein 3500 Jahre alter Flakon, beschriftet mit dem Namen der machtbewussten Pharaonin Hatschepsut, als Beleg für die Verwendung von Parfüm in der damaligen Zeit.

Ein Hauch von Vanille

Alles, was duftet, gibt ständig winzige Mengen von Molekülen in die Umwelt ab. Jedes Duftmolekül muss dabei zuerst an einen spezifischen Rezeptor in der Nase andocken. Je nach Stärke des olfaktorischen Reizes kann der Rezeptor die chemische Botschaft vervielfältigen und veranlassen, dass massenhaft Botenstoffe in der Riechzelle entstehen und sie einen elektrischen Impuls erzeugen. Dieser wird dann blitzartig ins Gehirn geleitet und informiert darüber, ob etwa ein Hauch von Vanille in der Luft liegt.

Die meisten in der Natur vorkommenden Düfte sind raffinierte Mixturen aus verschiedenen Duftkomponenten. Eine Rose enthält zwar insgesamt 275 Komponenten, von denen aber nur einzelne dominant sind und ihr den typischen blumigen, süssen Geruch verleihen. Mischt man diese Bestandteile in einer anderen Konzentration zusammen, lassen sie sich nicht mehr als klassischer ­Rosenduft identifizieren. Der Parfümeur verwendet somit nur die charakteristischen Duftmoleküle einer Pflanze. Je nach Zusammensetzung kann man aus den gleichen acht Duftbausteinen entweder den Duft einer Rose, eines Maiglöckchens, einer Jasminblüte oder des Flieders aufbauen.

Popcorn und Schiesspulver

Der 32-jährige Quentin Bisch scheint die richtige Nase zu haben. Dabei macht er gewagte Mischungen und verwendet Duftimitationen von Pfingstrose, Popcorn, Karottensamen und Schwertlilie bis hin zu Schiesspulver und vielem mehr. Das Parfüm mit diesem eigensinnigen Duftbouquet kam vor zwei Jahren unter dem Namen «La fin du monde» auf den Markt. Er habe bei seiner Vision von Apokalypse und Neuanfang unter anderem an die heftige Explosion von Maiskörnern gedacht, wenn sie sich in Popcorn verwandeln. Mehr als 20 Parfüms hat er mittlerweile entwickelt, die er jeweils in Originalverpackungen auf einem Sideboard in seinem Büro aufbewahrt. Einen besonderen Platz hat dort das erst vor ein paar Wochen von Euroitalia für Frauen lancierte Parfüm Missoni. Der rot, lila und blau schillernde und edel wirkende Flakon thront in einer Ecke direkt hinter ihm — wie der Pokal ­eines Sportlers.

Die Welt des Parfüms hat Bisch als Elfjähriger bei seiner neuen Lehrerin in Strassburg entdeckt. Er wollte unbedingt wissen, welchen Duft sie trug. Doch sie schimpfte ihn aus und sagte, dass sich eine solche Frage nicht gehöre. Schliesslich sei sie seine Lehrerin. Daraufhin schnüffelte sich der Bub durch die Parfümerie und fand heraus, dass sie «Opium» verwendete. Weil er eine Niete in Mathe und in Chemie gewesen sei, erzählt er, habe er eine künstlerische Karriere eingeschlagen, Theater studiert und Regie geführt. Doch der Wunsch, Parfümeur zu werden, liess ihn nie richtig los. Egal, wo er gewesen sei, ob in der Métro, im Laden oder auf der Strasse, habe er weiterhin die Parfüms der Menschen analysiert. Das mache er noch heute.

Rund 1000 Düfte kennt er auswendig und kann er identifizieren. Doch wie lassen sie sich am besten kombinieren, damit sie das vom Auftraggeber gewünschte Gefühl ausdrücken? Noch etwas mehr Sandelholz oder vielleicht Pfeffer?

Dann tippt er das Rezept seiner neuen Kreation in den Computer ein und schickt es seiner Assistentin. Sie bereitet einen Messbecher mit einem Barcode-Aufkleber vor und bringt diesen zum Fliessband von einer computerkontrollierten Maschine, die in einem abgetrennten, kleinen Raum steht. Mehr als zwei Drittel der Duftstoffe mischt der Parfümroboter hier selbstständig zusammen. Trotz des Gewirrs von mehr als 300 Schläuchen mit unterschiedlichen Substanzen arbeitet er fehlerfrei Befehl für Befehl ab. Weil aber nicht alle von Bisch auf der Liste stehenden Stoffe in flüssiger Form vorliegen, bereitet die Assistentin die restlichen Duftstoffe manuell im Labor auf und fügt sie dem Robotergemisch zu. Zum Beispiel das zähflüssige Benzoin. Es ist ein ­Balsamharz vom tropischen Styrax-Baum aus Laos und riecht vanille- und schokoladenähnlich.

Welche Duftstoffe gerade en vogue sind, das hängt sehr vom Zeitgeist ab. Populär wurde das Parfüm in Frankreich erst Mitte des 16. Jahrhunderts. Gemäss dem Buch «Der Duft-Code» führte es Caterina de’ Medici am französischen Hof ein. Als die Italienerin 1533 den späteren König Henry II heiratete, brachte sie ihren Hofparfümeur aus Florenz gleich mit nach Frankreich. Sie hatte ein Faible für Luxus, liebte das frivole und extravagante Leben und schuf die Mode des tragbaren Parfüms, sodass parfümierte Handschuhe bei den Hofdamen plötzlich gefragte Accessoires wurden. Zu Zeiten des französischen Königs Louis XIV soll der Hofstaat allzeit in eine wahre Parfümwolke gehüllt gewesen sein. Denn die adelige Gesellschaft rund um den Sonnenkönig überlagerte ihren strengen Körpergeruch gern mit schweren, gleichzeitig aber als aphrodisierend geltenden Düften aus dem Tierreich — mit Ambra aus dem Darm von Pottwalen, Moschus aus einer Drüse am Bauch des Moschustiers und Zibet aus der Analdrüse der Zibetkatze.

Der italienische Parfümeur Johann Maria Farina schuf 1709 dann in Köln aus Ölen von Zitrone, Orange, Bergamotte, Mandarine, Limette, Zeder und Pampelmuse sowie Kräutern das berühmte Duftwasser Eau de Cologne, das danach stark in Mode kam. Napoleon Bonaparte scheint diesen Duft über alles geliebt zu haben und soll monatlich 60 Liter verbraucht haben. Denn er sprühte nicht nur sich selbst damit ein, sondern auch seine Zimmer und sogar sein Pferd. Der spätere und bis heute berühmte Duftklassiker Chanel No. 5 wurde dagegen von dem Franzosen Ernest Beaux erfunden. Er interessierte sich Anfang des 20. Jahrhunderts für die chemische Synthese von Aldehyden, die dem Parfüm zur damaligen Zeit seinen äusserst ungewöhnlichen, mythischen Charakter verliehen.

«Ein Duft muss zur Person passen und eine Geschichte erzählen», sagt Bisch, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat. Zuerst hat er eine kurze Zeit als Parfümassistent bei Robertet in Grasse gearbeitet, bis er dann bei Givaudan die Aufnahmeprüfung für die weltweit älteste Parfümschule geschafft hat, die sich seit 1997 in Argenteuil bei Paris befindet, rund 15 Kilometer von seinem jetzigen Büro entfernt. Es sei ein knallhartes Selektionsverfahren, da von mehr als tausend Bewerbern jedes Jahr nur einer oder zwei für die vierjährige Ausbildung ausgewählt würden.

In einem modernen, lichtdurchfluteten Raum auf einem eher unspektakulären Industriegelände in Argenteuil wird nun die nächste Generation von Parfümeuren ausgebildet. «Wer es werden will, muss nicht unbedingt Chemiker sein», sagt Alain Alchenberger, der Direktor der Ecole Givaudan. Wichtig sei vielmehr, dass jemand die Leidenschaft für Düfte mitbringe und den notwendigen Ehrgeiz. Denn auch wenn man eine gute Nase habe, müsse man diese zuerst trainieren wie einen Muskel. Das Mischen der richtigen Duftstoffe sei eine hohe Kunst, da sich ein Parfüm im Laufe des Tages verändere. Dies liegt daran, dass die einzelnen Komponenten sich unterschiedlich schnell verflüchtigen. Dennoch muss es bis zum Schluss stimmig sein, was eine stetige Herausforderung für ­jeden Parfümeur darstellt.

Das Parfüm von Mama geklaut

In Argenteuil reihen sich dicht an dicht Hunderte von Duftessenzen auf dem persönlichen Tisch der insgesamt vier Schülerinnen, die sich zu jedem Geruch fleissig Notizen machen. Die Biochemikerin Regina Tie Goto aus São Paulo sagt, dass es für sie am Anfang schwierig gewesen sei, zum Beispiel die beiden synthetischen Moschus-Duftstoffe Ethylenbrassylat und Galaxolid auseinanderzuhalten. Schon als Kind zogen Düfte sie magisch an. Als Sechsjährige habe sie die Yendi-Parfümflasche ihrer Mutter heimlich geklaut und den Inhalt in ihre Shampooflasche umgefüllt. Neben ihr studiert die Kunsthistorikerin Roxanne Kirkpatrick den Duft ­eines anderen Fläschchens. Sie nahm 2002 noch beim 1000-Meter-Qualifikationsrennen der USA im Speedskating für die Olympischen Winterspiele teil. Doch ihr Sprunggelenk hätte dies auf Dauer nicht mitgemacht. Nun sei sie froh, eine ganz ­andere Welt entdeckt zu haben.

Amélie Jacquin aus Paris steht im Labor in einem Dickicht aus Trichtern, Messbechern, Behältern und Destillationsgeräten. Im Gegensatz zu den beiden Kolleginnen hatte sie schon in ihrer Familie immer mit dem Parfümgeschäft zu tun. Ihr Grossvater besass die Parfümfabrik Lautier in Grasse, und ihre Mutter arbeitete als Marketingstrategin beim Parfümhersteller Roure. «Hier riecht es jetzt sehr stark nach Fougère und Chypre», sagt die 27-jährige Biologin. Es seien die typischen Männerdüfte mit Patschuli, Eichenmoos, Bergamotte, Rose und Zistrose. Die Herstellung solcher Duftstoffe ist aufwendig und die Ausbeute relativ gering. So ­erhält man etwa von einer Hektare angebauten ­Lavendels letztlich nur zehn Kilogramm Öl.

Für ihre eigenen Duftkreationen lässt sie sich unter anderem auch von Reisen inspirieren. Zum Beispiel in Usbekistan, wo Basilikum am Strassenrand wächst. Da sie meist ihre eigenen Proben nach der Arbeit ausprobiere, um festzustellen, wie diese sich auf der Haut entfalten, vergesse sie meistens, abends im Ausgang gekaufte Parfüms zu verwenden. «Une déformation professionnelle!», lacht sie. Gross in Mode seien momentan die süssen «Gourmand»-Düfte, die nach Lollipop und Bonbons riechen.

Versuch und Irrtum

Von 1200 Rohstoffen, die ein Parfümeur normalerweise verwendet, ist etwa ein Drittel natürlich. Oft hilft bei der Suche nach neuen Duftstoffen der Zufall. So fand der Chemiker Albert Bauer in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts, als er mit TNT-haltigem Sprengstoff experimentierte, dass es im ­Reagenzglas plötzlich verblüffend nach dem Sekret des Moschustiers rieche. Weil er eine Marktlücke ­witterte, verkaufte er das Molekül an Parfümeure. Die ersten Flaschen Chanel No. 5 wurden damals noch grosszügig mit synthetischem Moschus gefüllt, ­später aber durch andere, verträglichere Substanzen ersetzt.

Auch bei der Jagd nach dem ultimativen Duftcocktail ergeben sich Glücksmomente einer Entdeckung. «Man kann es nicht im Voraus sagen, wie sich die neue Kombination an Stoffen entwickelt», sagt Quentin Bisch, der gerade an einem Mitarbeiter vier Proben testet und diese mit je einem roten, einem blauen, einem weissen und einem gelben Klebepunkt auf dessen ausgestreckten Armen kennzeichnet. Jetzt schnüffelt er konzentriert an jedem markierten Fleck. Der blaue sei nicht schlecht, sagt er selbstkritisch. Versuch und Irrtum gehörten zum Duftgeschäft. ­Demonstrativ zeigt er auf den mit ein paar Dutzend Fläschchen gefüllten Abfallkorb unter seinem Schreibtisch. Umso mehr freue er sich dann aber über einen Volltreffer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2015, 18:37 Uhr

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