Die perfekte Jeans

Jeans müssen «sitzen». Aber wie findet man sie? Bei Jeans.ch in Fällanden kann man die persönliche Vorauswahl am Computer machen.

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Ulrike Hark@tagesanzeiger

Jeans sind die verwaschene Art, Körper zu zeigen. Und damit die hellen Stellen wirklich dort sind, wo sich die interessanten Körperwölbungen befinden, legen wir uns mitsamt der Hose in die Badewanne mit Javelwasser und rubbeln so lange mit dem Bimsstein darauf herum, bis die «Waschung» stimmt. Das war 1975. Das Ding war gnadenlos eng, Stretch gab es noch nicht, aber dafür hatte man nach einiger Zeit seine ganz persönliche Hose eingetragen. Auf gewisse Weise war man ein verschworenes Paar. Es gab Lee und Levi’s, Wrangler mit dem W auf dem Gesäss war bereits ein Fremdgänger, auf den wir leicht verächtlich schauten.

40 Jahre später stehe ich in Fällanden in einem Industriegebäude, dem Geschäft Jeans.ch mit der wohl grössten Auswahl an Bluejeans in der ganzen Schweiz. Vor fünf Jahren von Guido Weltert als reiner Internetstore gegründet, kann man dort seit einigen Monaten mithilfe einer Verkaufsberaterin am Computer seine optimalen Jeans vorsondieren und dann anschliessend konkret anprobieren. Das Computerprogramm ist auch dringend nötig, denn um mich herum lagern 20 000 Paar Jeans, insgesamt 500 Modelle von 13 Firmen in unterschiedlichen Schnitten, Grössen, Waschungen, Beinlängen. Mit verschiedenen Knopfleisten, Seitennähten, Innentaschen. Steppungen, Löchern, Schlitzen, Pailletten. Wer hat da noch den Überblick? Martina Schunk hat ihn. In aller Ruhe fährt sie den Computer hoch.

Personal-Shopping-Beratung

Die Münchnerin ist Personal-Shopping-Beraterin und möchte zuerst meine gewünschte Bundhöhe wissen – Taille und Beinlänge hat sie längst via Auge gecheckt, «ich würde sagen 28/32». Normale Bundhöhe, bitte, sage ich. Das heisst höchstens zwei Finger unter dem Bauchnabel, nicht tiefer, schliesslich will ich mich bücken, ohne die Unterhose preiszugeben. Auf dem Bildschirm erscheint eine Frauenfigur, meine Bundhöhe wird eingezeichnet. «Wie solls an den Oberschenkeln aussehen? Weit, slim oder skinny?» Weit macht breit, skinny erinnert an eine Pellwurst vor dem Platzen – also slim. Die Frauenfigur auf dem Bildschirm nimmt Kontur an. «Beinabschluss unten?» Gerne auch slim, will sagen, gerade. Auch wenn sich für diesen Sommer die Schlaghose mitsamt himmelblauer Waschung zurückgemeldet hat. Wir wollen mit 60 ja nicht übertreiben.

Das Modell im Computer sieht bereits ziemlich angezogen aus, als – zack – eine Seite mit Models aufspringt, die allesamt meine Wünsche punkto Passform erfüllen. Nur die Farben reichen von Hellblau bis Schwarz – da muss noch feinjustiert werden.

Slim ist slimmer als gedacht

Nachdem Dunkelblau als Vorliebe im Filter vermerkt ist, kommen wir der Sache näher. Wenn nur die Models unter den engen Jeans nicht diese Stöckis trügen! So simpel möchte man untenrum nicht aussehen. Man möchte ja nur: die eine, die Perfekte. Die hinten attraktiv macht, vorne am Bauch nicht einengt, beim ­Sitzen keinen Einblick bietet und den richtigen Blauton hat.

«Pepe Jeans». Was ist das? Eine Pfeffersorte? Ich hatte auf Lee oder Levi’s gehofft, aber der Jeansfinder hat anders entschieden. Frau Schunk holt die Pepe aus dem Gestell, ein dunkelblaues Teil mit mässig heller Waschung auf den Oberschenkeln. Sie passt nicht schlecht, hat auch hinten die nötige Höhe, aber der breite Bund mit den beiden Zierknöpfen! Schwierig, schwierig. Ich wünsche mir zum Vergleich eine Levi’s, und Frau Schunk holt behende eine Levi’s Bold Curve Jeans in Dark blue. Mein Gott! Weit wie öppis, das passt ja nun gar nicht, da hatte der Jeans-Finder schon recht. Levi’s ist auch nicht mehr das, was es einem als Teen­ager einst verhiess.

Also wieder zurück zu den Slim-Formen, eine nach der anderen findet den Weg in meine Kabine. Aber die eine ist zu glatt in der Oberfläche, die andere unten zu eng. Slim ist ­slimmer als gedacht, das ist ja schon skinny! Wie kommen die jungen Frauen da bloss wieder raus?, frage ich mich. Und Frau Schunk meint sachlich: Sie rollen sie von oben nach unten herunter.

Ich versuche es mit weiteren Beinen, aber da bollert es dann um die Oberschenkel. Keine Augenweide. Die Mittelblaue sieht zwar knackig aus, aber der Bund ist zu kurz. Bei der nächsten passt der Bund, aber die macht O-Beine, und von hinten sieht man flacher aus, als man es ist. Nach mehr als 20 anprobierten Jeans kommen mir erste Zweifel am Computerprogramm. Auch Frau Schunk zeigt leichte Ermüdungserscheinungen, weil sich die Kundin offenbar nicht entscheiden kann. Die möchte eine «gemütliche Jeans, die trotzdem sexy ist». Frau Schunk schaut mich fragend an. Doch, das gibts, beteuert die Kundin, die Hose muss etwas Spiel haben, dazu körnig in der Oberfläche sein, schliesslich war die Jeans mal eine Arbeiterhose. Und bei aller Rustikalität muss sie einen Tick entspannte Erotik verbreiten, wenn man sich zum Gehen abwendet. Alles klar?

Trotz Computervorauswahl gibt es offenbar immer noch viel zu viele Möglichkeiten, die sich da in den nicht enden wollenden Gestellen verstecken. Neben dem Bildschirm stapeln sich inzwischen vorwurfsvoll die als nicht optimal taxierten Hosen. Es gibt zu viele und doch nicht die Richtige!, denke ich und setze mich ermattet auf einen Stuhl.

Die Erste war die Beste

«Die da sass doch sehr gut, und sie stand Ihnen ausgezeichnet», versucht Frau Schunk einen neuen Anlauf in aller Freundlichkeit. Es ist die Pepe, die Pfeffersorte vom Anfang, dunkelblau, zwei grosse Knöpfe unter dem Bauchnabel, 139 Franken. Versuchen wir es also noch einmal. Doch, doch, Po gut, Beine lang, Farbe i. O., bequem ist sie auch. Die Erste war also die Beste, denke ich und verlasse mit dieser schlichten Einsicht und dem Sack unter dem Arm das Geschäft.

Zu Hause lese ich im Internet unter Pepe Jeans, dass es sich um eine spanische Linie handelt, die zwei Freaks Mitte der 70er-Jahre in London gegründet haben. Auf der Portobello Road verkauften sie damals ihre flippigen, selber genähten Jeans. Eine interessante Vergangenheit hat die Marke also, denke ich mit etwas Wehmut. Mal schauen, ob wir ein gutes Paar werden. Geben wir dem Pfeffer eine Chance.

Beratung nach Voranmeldung (gratis): Jeans.ch, Bruggacherstr. 8, 8117 Fällanden, Tel. 044 533 50 54.

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