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Die halbe Nacktheit

An der Mode City in Paris zeigte die Lingeriebranche am Wochenende, was der Sommer 2012 bringt.

Wer schön sein will muss nicht leiden und erst recht nicht frieren: Dafür sorgt das flauschige Pelzchen über der zart geblümten Spitzenwäsche. (9. Juli 2011)
Wer schön sein will muss nicht leiden und erst recht nicht frieren: Dafür sorgt das flauschige Pelzchen über der zart geblümten Spitzenwäsche. (9. Juli 2011)
Keystone
An der Mode City zeigen Brands aus der ganzen Welt ihre phantasievolle Unterwäsche- und Bademodekreationen für den Sommer 2012. (9. Juli 2011)
An der Mode City zeigen Brands aus der ganzen Welt ihre phantasievolle Unterwäsche- und Bademodekreationen für den Sommer 2012. (9. Juli 2011)
Keystone
Die Designer spielen geschickt mit Gegensätzen und Symbolen: Hier eine Verbindung zwischen keuschem Brautschleier und  sexy Lingerie. 9. Juli 2011.
Die Designer spielen geschickt mit Gegensätzen und Symbolen: Hier eine Verbindung zwischen keuschem Brautschleier und sexy Lingerie. 9. Juli 2011.
Keystone
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Beim Gang durch die Korridore zwischen den Ständen wird schnell klar, dass es hier um das ganz grosse Geschäft geht: das Geschäft mit dem Mainstream. Seit neun Uhr morgens ist die Leitmesse der Lingerie- und Bademodenbranche, die Mode City, in der Messehalle 1 an der Porte de Versailles im Nordwesten von Paris, eröffnet.

Gekommen sind 500 Aussteller, erwartet werden 25 000 professionelle Einkäufer aus der ganzen Welt. Wer Skurriles oder Avantgardistisches sucht, ist hier schlecht bedient, Nischenprodukte sind notorisch untervertreten. Die Lack- und Lederbranche scheint ihre eigenen Messen zu haben, jedenfalls steht der Stand von Patrice Catranzaro recht allein da, mit seinen glänzend schwarzen Ganzkörperanzügen.Dreimal täglich präsentiert die Mode City die Trends für den Frühling/Sommer 2012 in einem schmucklosen weissen Zelt vor der Messehalle. Eine lange Schlange von Menschen bewegt sich entlang der Aussenwand langsam Richtung Eingang – Wartezeit unbekannt. Mit Geschick und Charme schleicht man sich durch den VIP-Eingang ins Zelt, der eigentlich für ausgewählte Einkäufer bestimmt ist. Drinnen herrscht ungewohnte Gleichheit – in der ersten Reihe sitzt, wer am schnellsten war. Die Mode City versucht zwar, einen «Hauch von Fashion Week» an die Porte de Versailles zu bringen, doch Glamour will hier nicht aufkommen.

Verwirrende Trends

Vier grosse Trends fürs kommende Jahr hat die Firma Trend Union im Auftrag von Mode City evaluiert: Erde, Stein, Kristalle und Gold sollen die Saison beherrschen. Entsprechend sind die Defilees in die jeweiligen Trends unterteilt. Doch spürbar werden diese Tendenzen selten: Unter dem Thema Stein läuft beispielsweise ein Badeanzug in blau-weissem Vichy-Karo neben einem knallroten Bikini mit aufgedruckten Flaschen. Die Labels sind bunt durcheinandergemischt, beim Tempo der Show sind sie schwer zu unterscheiden, und die grosse Projektion von Steinen im Hintergrund irritiert zusätzlich. Aber die Message ist klar: Frau hat sexy und fröhlich zu sein, die Wäsche bleibt knapp, daran wird sich so schnell nichts ändern.

Die neue Wäsche- und Bademode bietet vor allem eins: Vielfalt. Jeder Geschmack wird bedient, in jeder Farbe, in jedem Schnitt. Das Gleiche gilt für die Bademode: Alles geht. Obwohl die französische «Vogue» in ihrer aktuellen Ausgabe dem klassischen Badeanzug einmal mehr das Ende prophezeit, ist auch dieser gut vertreten, genauso dessen Mutation, der Monokini oder Trikini – eine Mischform von Bikini und Badeanzug, der in der Körpermitte mehr Haut zeigt als der klassische Badeanzug.

Brust, Bauch, Beine, Po

Aber es ist schwer, in der Wäsche und auch in der Bademode wirklich innovative Trends zu setzen. Denn wenn es um die halbe Nacktheit geht, spielt die Mode kaum noch eine Rolle. Das Ziel ist nicht, ein Image oder einen Look zu kreieren, wie das bei der Mode der Fall ist, sondern es geht darum, vorteilhaft aus der Wäsche zu schauen. Dabei reduziert sich der Fokus auf die wesentlichen Attribute der weiblichen Gestalt: Brust, Bauch, Beine, Po.

Immerhin lässt die Ausrichtung einzelner Marken aufhorchen. Einen eigenen Weg, in der immer gleichen Masse aufzufallen, hat das französische Label Maison Close entdeckt: Das Haus kreiert mit erstklassigem Marketing eine ganze Welt um seine Produkte – verrucht, aber tragbar. Vom Spitzen-Jumpsuit über Augenbinden bis hin zu Massagekerzen bietet Maison Close alles, was das Herz rund um die Lingerie begehrt. Hier kauft man nicht nur Unterwäsche, sondern eine Identität. Ähnlich funktionieren etablierte Marken wie Agent Provocateur und Victoria’s Secret, die einen Messeauftritt offensichtlich nicht mehr nötig haben.

Geschäft mit der Unsicherheit

Spannend bleibt auch die Entwicklung der sogenannten Shape Wear, der körperformenden Unterwäsche. Diese wird an der Messe an zahlreichen Ständen angepriesen. Das Geschäft mit den Unsicherheiten der Frau bezüglich ihrer Figur floriert. Dass sich in Hollywood heute keine Frau mehr «unten ohne» auf den roten Teppich traut, ist bekannt. «Jede Frau will schlank und schön aussehen», sagt die Dame am Stand von Magic Bodyfashion.

Interessant dabei ist, dass die technisch hoch entwickelten Stoffe noch immer fast ausschliesslich in Schwarz oder hautfarben daherkommen. Ästhetisch hat diese Art der funktionellen Wäsche durchaus noch Entwicklungspotenzial.Gut vertreten an der Mode City sind die jungen Labels, die ein eigens gekennzeichnetes Areal besiedeln. Dabei sticht die englische Marke Made by Nikki heraus, die frei hängende Fransen um den Körper drapiert. Das ist nichts für den Alltag, bringt jedoch etwas Avantgarde in die eher angepasste Messe.

Randgruppe Mann

Obwohl an vielen Ecken muskelbepackte Männermodels Badeshorts und Slips präsentieren, ist das Angebot für die Herren spärlich gesät. Und dieses zeichnet sich vor allem durch Uniformität aus: enge, kurze Stretch-Shorts aller Art. Die meisten Anbieter von Männerwäsche und Badehosen bieten parallel dazu auch Lingerie und Bikinis an. Dass das Männermodegeschäft auch in der Wäsche- und Strandmode nicht sehr lukrativ ist, zeigt sich also auch hier: An den Defilees sind die Herren erst gar nicht vertreten.

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