Das Messer abschlecken?

Grobheit fängt im Kleinen an. Die Antwort auf eine Stilfrage zum Anstand.

Foto: Orin Zebest (Flickr)

Foto: Orin Zebest (Flickr)

Bettina Weber@sonntagszeitung

Schon lange beobachte ich in Restaurants und auch bei Einladungen immer wieder, dass die Gäste das Messer abschlecken. Als Kind wurde uns gesagt – auch wegen der Gefahr, sich zu schneiden –, dass man das nicht mache, es galt als No-go. Was meinen Sie dazu?
E. S.

Liebe Frau S.,
Ich bin gerade düsterer Stimmung. Da kommen mir solche, die Messer abschlecken, gerade recht.

Herrgottnochmal, natürlich tut man das nicht. Man tut es dermassen nicht, dass man es nicht einmal allein daheim tut, wenn einen niemand sieht. Man. Tut. Es. Einfach. Nicht. So wenig, wie sich ohne Taschentuch die Nase zu schnäuzen (überaus beliebt bei Männern, wie ich feststellen muss, weil ich nämlich daheim auf dem Balkon im vierten Stock rauche und damit über eine Art geheimen Beobachtungsposten verfüge und von dort aus das mit dem Freestyle-Schnäuzen präsentiert bekomme, und es schockiert mich nicht einmal mehr, derart abgestumpft bin ich schon, wobei sich die Frage stellt, was nun besorgniserregender ist).

Item. Jetzt gibt es den Mitmenschen, der das nicht weiss, der also nicht in Kenntnis ist von dem, was Sie bereits als Kind lernten, liebe Frau S. – nämlich, dass sich das Besteck aus dreierlei Gerätschaften zusammensetzt, von denen aber nur zwei davon in den Mund gehören. Er ist diesbezüglich vollkommen ahnungslos, der arme Tropf, aus Gründen, denen wir hier in dieser kleinen Rubrik nicht auf den Grund gehen wollen, vermutlich war die Kindheit schwer oder irgendwie so. Da wollen wir Milde walten lassen, weil da jemand sozusagen edukatorisch auf der Strecke geblieben und damit gewissermassen auf dem gesellschaftlichen Parkett handicapiert ist, und wir gehören hier zur Sorte, die dann verständnisvoll dreinschaut.

Anstand ist zeitlos und damit immer modern.

Aber da ist eben auch der Mitmensch, der das alles nicht so eng sieht. Er hält sich für sehr progressiv und Anstand für eine Angelegenheit, die dem Zeitgeist unterliegt, einerseits, und für total reaktionär andererseits; er gefällt sich, kurz gesagt, darin, auf die Etikette zu pfeifen.

Das spricht nicht nur für die Abwesenheit von Kultiviertheit. Es wird vor lauter Ignoranz auch die Sachlage verkannt. Erstens ist Anstand zeitlos und damit immer modern. Zweitens hängt dieser Anstand eng zusammen mit Respekt und Höflichkeit und Umsicht und damit mit einem ganz allgemeinen Sinn für Feinheit. Wer das nicht kapiert, darf sich nicht über den Mann im Weissen Haus echauffieren. Grobheit fängt im Kleinen an.
Bettina Weber


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