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Das Lumpenpack

Die Catwalks feiern einen neuen Typ Model – abseits des klassischen Schönheitsideals.

Moskau im Spätsommer, ein Spielplatz am Rande einer Plattenbausiedlung. Der Himmel ist grau. Die perfekte Vorstadt-Tristesse: utopische Sowjetarchitektur, daneben ein Skaterpark, halbstarke Graffiti überall. Alexei und Yulia, beide 17 Jahre alt, lungern herum und rauchen billige Zigaretten. Alexeis blasses Gesicht hat slawische Züge: hohe scharfe Wangenknochen, tief liegende blaue Augen, dunkle Brauen. Yulia trägt dünnes, langes Haar, das ihr über die flache Stirn und die spitze Nase fällt. Beide sehen nicht danach aus, aber sie arbeiten gelegentlich als Models und wurden gerade für ein Londoner Independent-Magazin abgelichtet. Ihr Aussehen gibt der russischen Jugendkultur zurzeit ein Gesicht – im eigenen Land ebenso wie in London, Paris oder Mailand. Auf Modeschauen und in Magazinen tauchen sie neben den klassisch schönen Models als neue, heiss begehrte Akteure auf.

Auch bei der New Yorker Fashion Week, die vor zwei Wochen zu Ende ging, war das Laufsteg-Casting ein wichtiges Thema: Bei Hood by Air lief Fotograf Wolfgang Tillmans, J. Crew schickte seine Angestellten über den Catwalk, Eckhaus Latta Freunde, Familie und Künstler – «Nodels» (no models), wie das Designerduo sie nennt. Supermodels sind derzeit keine Zeile Aufmerksamkeit wert, spezielle Typen dafür umso mehr. Fand man Models wie Alexei und Yulia anfangs nur vereinzelt über Street­castings, gibts inzwischen eigene Agenturen, die sich auf Charaktergesichter spezialisiert haben. Tomorrow Is An­other Day in Düsseldorf etwa, oder im Moment am allerheissesten: die russische Agentur mit dem provokativen ­Namen Lumpen, ein deutsches Lehnwort, das im Englischen so viel wie «ungebildet», «hässlich», «Aussenseiter» heisst.

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