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Spieglein, Spieglein

Die Eitelkeit im Netz hat einen neuen Hashtag: Wer sich bei einem geposteten Foto von sich selbst nicht sicher ist, schreibt #mightdeletelater dazu.

Wow, bin ich sexy: Model Cara Delevingne im Selfiefieber. Foto: WireImage
Wow, bin ich sexy: Model Cara Delevingne im Selfiefieber. Foto: WireImage

Man könnte jetzt weit ausholen und schreiben, dass Eitelkeit schon seit Jahrtausenden als lästerlich bis sündhaft gilt. Oder man könnte über die Scham referieren, die in Zeiten der Klimakrise als Flug- und Autoscham gerade ganz neue Lebensbereiche erschliesst. Wichtig ist hier aber nur, dass beide Regungen – Eitelkeit und Scham, oder besser: die Behauptung von Scham – seit einer Weile im Hashtag #feltcutemightdeletelater zusammenfinden. Auf Instagram. Auf der Kurzvideo-Plattform Tiktok. Im Grunde überall im Netz.

Mit «felt cute» ist gemeint, dass die Person, die gerade ein Selfie gepostet hat, sich selbst im Moment des Fotografierens hübsch, sexy, herzig, vielleicht sogar verrucht fand. Entsprechend wimmelt es auf vielen Posts mit besagtem Hashtag nur so vor lasziven Boyband- und Girlband-Blicken, geschürzten Lippen, eingesaugten Backen, genannt duck faces. Die Bäuche werden bis zur Schmerzgrenze eingezogen, die Hüften maximal ausgestellt, die Hände kokett abgestützt. Huhu, digitale Welt, findest du nicht auch, dass ich hier total super aussehe?

Ironie ist hier das Stichwort

Zugleich scheint den Netzironikern ihr digitaler Narzissmus ein bisschen peinlich zu sein, weswegen sie unter das Foto den Hinweis schreiben: «might delete later», also: Vielleicht lösch ich das gleich wieder. Mit der Formulierung legt man seinen Zweifel offen, ob man das Foto überhaupt hätte hochladen sollen – aber man hat es halt trotzdem getan. Immerhin könnten die Likes und Herzchen, die man nun hoffentlich erntet, einen darin bestätigen, dass der Upload genau die richtige Entscheidung war. Oder das Ausbleiben von Reaktionen könnte beweisen, dass das Foto wirklich total peinlich ist. Oder: Das Ganze könnte ein Witz sein. Kompliziert? Nur für Leute, die nicht so viel in sozialen Medien herumhängen.

Ein Blick auf Instagram verrät jedenfalls, dass knapp 74'000 Posts mit dem Hashtag #mightdeletelater und 90'000 mit dem Hashtag #feltcutemightdeletelater dann doch nicht gelöscht wurden, Stand: Ende Dezember 2019. Da war die Eitelkeit dann anscheinend doch stärker als die Scham. 2017 jedenfalls tauchte der Hashtag zum ersten Mal auf, im sich neigenden Jahr 2019 ist er plötzlich überall. Das amerikanische Magazin für Netzkultur «The Daily Dot» schrieb schon im April, #feltcutemightdeletelater sei «zur bevorzugten ironischen Weise geworden, wie man ein hemmungsloses Selfie mit einer Unterzeile versieht».

Die Veralberungen des albernen Trends

Ironie ist hier das Stichwort, denn es kann doch wohl kaum ganz ernst gemeint sein, dass man das mögliche Löschen eines Fotos oder Videos vorher schon ankündigt? «Es ist ja fast eine Einladung zum Screenshot, denn nichts ist wirklich löschbar im Netz, wie wir alle wissen», meint der deutsche Beauty-Blogger und «Vogue»-Kolumnist Fabian Hart. Mit anderen Worten: Eigentlich wissen ja alle, dass jedes Foto und Video, das einmal ins Netz geladen wurde, kaum mehr aus diesem wegzubekommen ist. Das Drücken eines Löschknöpfchens ist da eher ein Selbstbetrug. Aber ein Herzchen dafür, dass man sich getraut hat, aus dem Affekt heraus etwas zu posten, das will man schon auch mitnehmen.

Natürlich gibt es längst, wie bei fast allen Erscheinungen in sozialen Netzwerken, die Veralberungen des albernen Trends. Etwa die #FeelingCuteChallenge, bei der Paketboten süsse Selfies von sich posten und vielleicht später dann auch mal daran denken, das Paket auszuliefern.

Oder Feuerwehrmänner üben sexy Blicke und eingesaugte Backen und löschen später vielleicht auch mal den Brand. Das ist ganz lustig. Aber vielleicht sollte man doch noch einmal zurück zur Eitelkeit kommen – und dazu, wie sie im Netz ihren unersättlichen Spiegel findet.

So tun, als wäre man spontan

Eigentlich wäre es ganz einfach: Man könnte ein peinliches Selfie auch gar nicht posten. Die meisten Menschen überlassen in ihrer digitalen Selbstdarstellung nichts dem Zufall. Und doch bleibt offenbar die Sehnsucht, einfach mal so zu tun, als wäre man total spontan. So sieht Fabian Hart den Hashtag #mightdeletelater auch als Versuch, «vermeintliche Unüberlegtheit in einem so oft streng kuratierten Feed» zu beweisen.

Man könnte auch sagen: Es ist eine Sucht. Man könnte an den Alkoholiker denken, der sich den angeblichen Abschied vom Suff mit einem letzten Glas schön trinkt. Oder an Leute, die morgen mit der Diät anfangen und sich dafür noch mit einem Stück Schokokuchen belohnen. Klingt gemein? Upps, #mightdeletelater.

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