Meer denn je

Kreuzfahrten boomen, in Europa zieht es inzwischen über sechs Millionen Passagiere pro Jahr aufs offene Wasser. Die Klienten werden immer jünger – und kritischer.

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Die beiden Stahlgerippe im Trockendock der auf Kreuzfahrtschiffe spezialisierten Werft in Saint-Nazaire, am Unterlauf der Loire in Nordwestfrankreich, waren beide riesig. Und liessen bereits Monate vor ihrem Stapellauf riesige Unterschiede erkennen: Die MSC Preziosa, die am vergangenen 23. März in Genua getauft wurde, ist mit 18 Decks und 333 Meter Länge eine schwimmende Kleinstadt. Die um ein Drittel kürzere MS Europa 2 wirkt dagegen überschaubar.

Letztere, seit dem 10. Mai für die Hamburger Reederei und TUI-Tochter Hapag-Lloyd im Dienst, ist eine entspanntere Ergänzung ihrer grossen Schwester MS Europa, die als edelstes (und entsprechend teures) Kreuzfahrtschiff gilt. Auf der Europa herrscht traditioneller Dresscode, beim Diner tragen Herren dunkel und Damen lang. Der Slogan für die Europa 2 hingegen lautet in Anspielung an seine Höchstgeschwindigkeit: «21 Knoten, aber keine Krawatte». In den sieben Restaurants gilt für die bis zu 516 Passagiere auch abends «smart casual».

Masse und Klasse

Auf der Preziosa der italienischen Mediterranean Shipping Company (MSC) mit Sitz in Genf ist dagegen alles eine Nummer grösser. Die 3502 Passagiere haben alles an Bord: ein ultramodernes Theater im Bug mit mehr als 1000 Sitzplätzen, ein glitzerndes Foyer, das sich über mehrere Etagen erstreckt, diverse Restaurants und Bars, ein Casino, Läden, Well- und Fitnessangebote, diverse Pools. Als Attraktion für Kinder, die bis 18 gratis mitfahren, gibt es eine 120 Meter lange Wasserrutsche – die längste auf einem Schiff weltweit. Allein die 1370-köpfige Besatzung der Preziosa hätte auf der Europa 2 keinen Platz.

Entsprechend positionieren sich die beiden Schiffe: «Wir operieren im Massensegment, allerdings an dessen oberem Rand», sagt Paul Egli, CEO des Schweizer Ablegers von MSC Kreuzfahrten in Basel. So gibt es auf der Preziosa, im Gegensatz zur Europa 2, noch fensterlose Innenkabinen. Dafür wird hier, wie auf anderen MSC-Schiffen, der sorgsam abgeschottete sogenannte Jacht Club betrieben, wo eine gut betuchte Klientel fern der Massen «sehr gediegen reisen» kann, so Egli.

Schmutziger als eine Boeing 747

Gediegen, aber nicht ganz sauber. Zwar nennt man die mächtigen Schiffe, die bequeme und behäbige Transportmittel sind, die «weissen Riesen der Weltmeere». Doch ganz so sauber wie diese Metapher ist die Realität nicht. Seit einiger Zeit wird heftige Kritik von Umweltverbänden laut: «Pro Passagierkilometer produziert ein typisches Kreuzfahrtschiff mehr als dreimal so viel Treibhausgas wie eine Boeing 747», sagt die Meeresbiologin Antje Helms von Greenpeace Österreich. «Grund dafür ist das Schweröl, mit dem die Schiffe unterwegs sind.»

Der Naturschutzbund Deutschland hat alle Kreuzfahrtschiffe, die bis 2016 für den europäischen Markt vom Stapel laufen sollen, auf ihre Abgastechnik untersucht. Ergebnis: Nur die beiden deutschen Reedereien Hapag-Lloyd (mit der Europa 2) und TUI Cruises (mit Mein Schiff 3 und Mein Schiff 4) setzen mit Stickoxid-Katalysatoren erstmals ein Zeichen. Doch auch sie verzichten auf Russpartikelfilter, wie er bei Autos und Lastwagen üblich ist.

Kreuzfahrten richten mit ihrer schieren Grösse Schaden an – auch an Land: Wenn ein Schiff Tausende von Touristen in ein kleines Fischerstädtchen entlässt oder wenn mehrere Schiffe gleichzeitig anlegen, ist die Umwelt akut gefährdet. Das befand Jonathan Tourtellot, ein amerikanischer Spezialist für nachhaltigen Tourismus, im Frühling am World Tourism Forum in Luzern (WTFL): «Megaschiffe gehören in Megastädte», sagte er. Und meinte damit Hongkong, Singapur, Rio de Janeiro. Und nicht die Häfen um das Mittelmeer, wohin es die Mehrzahl der europäischen Kreuzfahrttouristen zieht.

Passagiere als Weihnachtsgänse

Der Soziologe Ross A. Klein geht mit der Industrie ebenfalls hart ins Gericht. Der erklärte «Kreuzfahrten-Junkie», der auf seiner Website Cruisejunkie.com «die anderen Informationen» über die Branche verbreitet, wirft ihr vor, «knallhart auf Profitmaximierung» aus zu sein: Passagiere würden mit günstigen Preisen angelockt und, einmal an Bord, «wie Weihnachtsgänse ausgenommen». Das Personal hingegen werde mit viel zu langen Arbeitszeiten und mickrigen Löhnen ausgebeutet.

Vertreter der Kreuzfahrtindustrie verteidigen sich: «Wir sind nicht die Bösen», beteuerte der Chef von TUI Cruises, Richard J. Vogel, in Luzern und zählte auf, was TUI alles in die Nachhaltigkeit investiere. Und bei der MSC, die neben zwölf Kreuzfahrtschiffen eine Flotte von mehr als 300 Frachtern und Tankern betreibt, «steht das Meer im Vordergrund», wie CEO Pierfrancesco Vago anlässlich der Preziosa-Taufe in Genua sagte.Auf der Europa 2 wurden moderne Technologien eingebaut. So verfügt sie über den erwähnten Katalysator oder auch über eine Kläranlage, die Abwasser praktisch zu Trinkwasserqualität aufbereitet, bevor es in das Meer abgelassen wird. Laut Bauleiter Henning Brauer wurde auch der Treibstoffverbrauch gesenkt.

Doch auf das schmutzige Schweröl, mit dem die Schiffe fahren, will man vorerst nicht verzichten. Dieses ist halb so teuer wie Diesel, was bei einem Tagesverbrauch von 40 bis 60 Tonnen schnell zu Buche schlägt. Laut dem Internationalen Kreuzfahrtverband CLIA (Cruise Lines International Association) sollten jedoch bis 2025 alle Kreuzfahrtschiffe auf schwefelarmen Diesel umgerüstet sein. Zudem, hiess es kürzlich in einer Pressemeldung des Verbands, verbrauchten moderne Schiffe 70 Prozent weniger Treibstoff als vor 20 Jahren.

Rasantes Wachstum

Den ökologischen Bedenken zum Trotz: Das Business boomt. Allein 2013 sind in Europa bisher fünf neue Schiffe vom Stapel gelaufen, bis 2016 sollen es zwanzig mehr sein. Laut Paul Egli hatten MSC Kreuzfahrten Schweiz im Jahr 2000 noch 7500 Kundinnen und Kunden, 2012 waren es rund 50'000. Insgesamt transportierten Kreuzfahrtschiffe von MSC im Jahr 2004 rund 120'000 Passagiere, sagte Konzernchef Vago. Und fuhr auf der Wasserstrasse des Erfolgs zuversichtlich weiter: «2013 werden es 1,6 Millionen sein.»

Die offiziellen Branchenzahlen bestätigen den Trend: Laut dem Internationalen Kreuzfahrtverband hat sich der Markt in Europa innert acht Jahren verdoppelt. Im Jahr 2012 wurde erstmals die Grenze von 6 Millionen Passagieren überschritten. «Es war ein starkes Jahr für die europäische Kreuzfahrtindustrie», sagt auch der Verbandsvorsitzende für Europa, Manfredi Lefebvre d’Ovidio. Er ist Mitinhaber und Chef der Silversea Cruises Ltd. mit Sitz in Monaco, die sechs kleine, aber feine Kreuzfahrtschiffe betreibt.

Dabei gab es, neben der Wirtschaftskrise, ein weiteres ungünstiges Omen für das Geschäft: die Havarie der Costa Concordia, die am 13. Januar 2012 vor der Insel Giglio in Italien 32 Todesopfer forderte. Doch der damals befürchtete Einbruch bei den Buchungen blieb aus. Die Kreuzfahrtindustrie ist und bleibt eine Wachstumsbranche: 2012 erwirtschaftete sie in Europa einen Umsatz von mehr als 48 Milliarden Dollar und beschäftigt europaweit direkt und indirekt rund 315'000 Menschen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2013, 17:21 Uhr

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Stapelläufe

Die Aida Stella (2200 Passagiere/ 609 Besatzungsmitglieder), das zehnte Aida-Schiff, wurde am 16. März getauft. Zwei weitere Aidas sollen 2015 und 2016 vom Stapel laufen.
Die MSC Preziosa (3502/1370) wurde am 23. März von Sophia Loren getauft. Sie kreuzt im Mittelmeer.
Die MS Europa 2 (516/370) von Hapag-Lloyd ist seit Mai in Betrieb.
Die Norwegian Breakaway (4000/1595) wurde am 10. Mai in New York getauft. Sie wird in Europa und in Nord- und Mittelamerika kreuzen.
Die Royal Princess (3600/1300) hat im Juni ihre Jungfernfahrt absolviert. Getauft wurde sie von Kate, der Herzogin von Cambridge.
Bis 2016 sind 20 weitere Schiffe mit rund 60 000 Passagierplätzen geplant.

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