Im Ferienhaus durch die Rocky Mountains

Weder fixe Route noch straffer Zeitplan, kein abendliches Einchecken oder morgendliches Kofferpacken – und dennoch täglich unterwegs: Das Reisen im Motorhome ist eine faszinierende Form des Nomadentums.

Berge, Bäume und ein endloses Band Asphalt: Der Icefields Parkway auf dem Highway 93 im Banff-Nationalpark. Foto: Berthold Steinhilber (Laif)

Berge, Bäume und ein endloses Band Asphalt: Der Icefields Parkway auf dem Highway 93 im Banff-Nationalpark. Foto: Berthold Steinhilber (Laif)

«Die Schneeketten finden Sie hier», sagt Sandra und zeigt auf einen Deckel an der Seitenwand des Motorhomes: «Der Winter ist dieses Jahr früh eingetroffen. Ihr gebuchtes Modell taugt wenig bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Wir schlagen Ihnen ein beheizbares vor.»

Da stehen wir neben dem Koloss, 2,4 Meter breit, 10 Meter lang, 3,7 Meter hoch, 6,7 Tonnen schwer. Und die Rocky Mountains liegen vor uns. Knapp anderthalbtausend Kilometer, von Calgary im Westen der kanadischen Ebenen bis nach Vancouver an den Ufern des Pazifiks: über Gebirgspässe, durch Canyons und mit Parkplätzen, auf die das rollende Ferienhaus selten passt.

Nach der Instruktion über die Inneneinrichtung – Toilette und Dusche, Küche mit 3-flammigem Gasherd, Backofen, Mikrowelle und Doppelwaschbecken, die Schlafbereiche im Heck und im Alkoven über der Fahrerkabine sowie dem «Slide-out» fürs knapp einen Meter verbreiterte Wohnzimmer im Stillstand – fassen wir uns ein Herz und stimmen dem Fahrzeugwechsel zu. Wir werden es nicht bereuen – ausser an den Tankstellen, wo die Anzeige der Zapfsäule erst bei gut 200 Litern zum Stehen kommt.

Gewendet wird nicht

Auf der Kartenskizze, die uns aus dem Gelände vom Vermieter Canadream und dem Einkaufszentrum auf dem Trans Canada Highway # 1 den Weg zeigen soll, sieht alles ganz einfach aus. Und doch verfransen wir uns prompt schon an der ersten Abzweigung: Das riesige Fahrzeug will geradeaus rollen, obwohl rechts abbiegen angesagt ist. Nur keine Panik: Ans Wenden wagen wir uns nicht – vorwärtsfahren lautet die Devise. Über eine Schlaufe durch ein nobles Villenquartier wird der Fauxpas gar noch zum unerwarteten Rundfahrtgenuss.

Tagestipp: Für die Fahrzeugübernahme mindestens zwei Stunden einplanen und hemmungslos nachfragen, wenn etwas nicht klar ist.

Im vorabendlichen Verkehrsgewimmel merken wir, wie breit unser Fahrzeug ist. Jeder Blick in die vier Aussenrückspiegel zeigt, wie nah wir den Randstein entlang fahren und wie wenig Raum zum Nachbarn in der linken Spur bleibt. Auf dem breiten Highway #1 nach Westen folgt die Entspannung. Nun fliessen wir mit 80 km/h im Verkehrsstrom mit. Da! Die ersten Bären, allerdings nur auf einem überdimensionalen Plakat am Strassenrand, das die vielen Auto- und wenigen Velofahrer vor Meister Petz warnt.

Tagestipp: Beim ersten Shoppen ein Einkaufskörbchen mitlaufen lassen – es bewährt sich im Wohnmobil als Behälter für alles nicht Niet- und Nagelfeste wie etwa Gewürze, Dosen, Flaschen, Taschenlampe etc.

Die ersten Gipfel der Rockies sichten wir noch am Stadtrand. Nach einer guten Stunde fahren wir nach Canmore in diese kaum enden wollenden Bergketten ein. Der Bonus im Herbst sind die Farben des Indian Summer und die weiss gezuckerten Gipfel: Wir rollen von einer Postkartenszene in die nächste. Der Tunnel Mountain Village Campground II verfügt über 222 Plätze, aber Ende September sind hier nur noch zwei Dutzend belegt.

In Banff beginnt das Abenteuer

Der Blick auf den Cascade Mountain ist überwältigend, und unter uns liegt das Dorf Banff. Dieses ist erst mit dem Bau der Canadian Pacific Railway (1884) und dank seinen warmen Schwefelquellen auf die Landkarte gekommen. Die Bahngesellschaft baute ein immenses Luxushotel aus Stein. Später kam eine Gondelbahn auf den Sulphur Mountain dazu. Die Banff Avenue entwickelte sich zur Flaniermeile mit schicken Geschäften, einladenden Restaurants und Hotels, deren Holzbauweise alpenländische Stimmung verströmt.

Tagestipp: Vor der Abfahrt sicherstellen, dass alles Gepäck rutschfest verstaut ist. Auch das Wasserglas in der Nasszelle und das Abwaschmittel auf der Spüle nicht vergessen.

Lake Louise ist der Inbegriff eines Bergsees: klares Wasser, umrahmt von vergletscherten Dreitausendern. Kurz danach ist das erste Tanken angesagt: Kreditkarte beim Kassier abgeben, Propanflasche unter dem Chassis zudrehen, Zapfhahn einführen und sich in Geduld üben. Einmal leer schlucken ob des Durstes unseres rollenden Ferienhauses. Zahlen müssen wir auch für die Fahrt auf dem 232 Kilometer langen Icefields Parkway.

Der erste Schneesturm

Dafür gibts zusätzlich zur laufend wechselnden Szenerie unseren ersten Schneesturm der Saison. Die Schneeketten müssen wir zwar nicht montieren, aber auf dem vereisten Weg durch den weihnächtlich verschneiten Tannenwald zur Aussichtsplattform für den Lake Peyto mit seiner unergründlich intensiv milchigen Alabasterfarbe wären wir um zackige Schneeschuhe dankbar gewesen. Der Höhepunkt des Abschnitts ist der Blick auf den immensen Columbia-Gletscher, der sich zu Fuss oder im geheizten Raupenbus erobern lässt.

Tagestipp: Am Morgen vor dem Wegfahren einen Kontrollgang ums Fahrzeug machen – da könnte noch das Stromkabel in der Anschlussbuchse stecken.

Jasper ist das nördliche Eingangstor der Rockies. Das Dorf hat auch schon bessere Zeiten erlebt; selbst auf der Suche nach einem Lebensmittelgeschäft werden wir auf Anhieb nicht fündig. Der Tankwart hilft uns weiter: Hinter einer Blockhausfassade verbirgt sich der einzige «Supermarkt». Teuer sind Milchprodukte, dafür umso billiger Rindfleisch; die Auswahl an Fertiggerichten ist überwältigend. Doch unser Gasbackofen ist etwas schwach auf der Lunge. Schliesslich landen die Pizzas in der zu Hause verschmähten Mikrowelle.

Tagestipp: Hygiene braucht auch das Motorhome. Spätestens nach drei Tagen sind die Abwassertanks voll. Es wird zwischen Grey Water (Küche und Dusche) und Black Water (Toilette) unterschieden. Die meisten Campingplätze verfügen über Dumps, an die man den mitgeführten Schlauch schraubt und das Schmutzwasser im Nu ablaufen lässt.

Der Whistler's Mountain (2277 m ü. M.) hüllt sich in Nebel. So verzichten wir auf die Fahrt in der bald 50-jährigen Luftseilbahn – Tramway genannt – und fahren weiter nach Norden, zum Fuss des Mount Robson, dem mit 3954 Metern höchsten Gipfel der kanadischen Rockies. Im Weiler Tête Jaune Cache ändern wir die Fahrtrichtung um fast 180 Grad und folgen dem Thomson River nach Südwesten. Das Tal teilen wir mit Fluss und Bahngleis, auf dem wir hin und wieder einen meilenlangen Güterzug mit drei Lokomotiven an der Spitze und Doppelstock-Containerwagen am Haken begegnen. Hier sehen wir vor lauter Bäumen den Wald kaum mehr. Umso attraktiver ist dann der offene Zeltplatz am Dutch Lake in Clearwater.

Die Stadt zwischen den Bergen

Kamloops ist die einzige Stadt auf unserer Route und eine quirlige dazu, obwohl sie zwischen den Gebirgsketten in der Mitte von nirgendwo liegt. Wir wagen es mit dem Motorhome bis ins «historische Zentrum» mit einigen hübschen Häusern aus der Gründerzeit. Wir parken mutig vor der Shoppingmall. Dazu benötigen wir vier Felder

Tagestipp: Topografie und Fahrzeuggewicht begrenzen die Durchschnittsgeschwindigkeit. Mehr als 50 km/h liegen nicht drin. Also Etappen vorausplanen, um noch bei Tageslicht seinen Platz zu erreichen und sich ohne Taschenlampe (und Bärenbesuch) einzurichten.

Nach Kamloops verlassen wir das Central Plateau und nähern uns der Kette der Costal Mountains. Nun fehlen die Bäume, sandige Hügel riesigen Ausmasses prägen die Landschaft. Noch geht es zügig voran, doch in der Ferne zeichnet sich die nächste Herausforderung ab. Wir folgen der Route # 99, die uns aus dem Himmel an den Pazifik führt. Auf den knapp 100 Kilometern zwischen Lillooeet und Pemberton reiht sich Kurve an Kurve, Steigungen und Abfahren folgen sich unablässig. Der Raum für Strasse und Fluss ist eng, Erdrutsch-, Steinschlag- und Lawinensignale warnen vor den lauernden Gefahren.

Drastische Szenenwechsel

Am Ende des Cayonees Canyon liegt das armselige Dörfchen Mount Currie. Es ist Zentrum eines Indianerreservats. Wenige Minuten später kündigt der Ort Pemberton mit herausgeputzten Gebäuden einen drastischen Szenenwechsel an. Es folgt das mondäne Whistler, der Wintersportort, in dem die alpinen Disziplinen der Olympischen Winterspiele 2010 stattfanden. Er ist auf dem Reissbrett Mitte der Sechziger entstanden und fügt sich harmonisch in die Landschaft ein, da die Gebäude weniger hoch sind als die Vegetation. Der RV Park von Riverside ist ebenso eingebettet und erstklassig ausgestattet.
Der letzte Abschnitt unserer einwöchigen Trans-Rocky-Fahrt führt durch eine fjordähnliche Landschaft, teilweise hoch über dem Pazifik. Der Verkehr wird dichter. Hochhäuser am Horizont signalisieren den Abschied von der Natur und künden das Eintauchen in die Zivilisation an – immerhin mit der Lebensfreude des kosmopolitischen Vancouver.

Canadream und ihr Schweizer Vertreter Tourlink haben diese Reportage unterstützt. www.tourlink.ch

DerBund.ch/Newsnet

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