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Gibt es Sicherheit im Sichverlieben?

Wie verhindert man eine Enttäuschung in der Liebe? Oder, anders gefragt: Wie kann man sich in jemanden verlieben, ohne das Gegenüber bereits richtig gut zu kennen?

Meine Ehe ist vor einiger Zeit zerbrochen, und ich erlebe einen zermürbenden Scheidungskampf. Die Ehe ist gescheitert wegen fehlender Treue (nicht sexuell; es waren Vertrauensmissbräuche und Illoyalität mir gegenüber). Jetzt ist es durchaus möglich, dass ich mich wieder verliebe. Aber ist es möglich, sich zu verlieben, ohne dass man das Gegenüber genau kennt und ohne dass man sicher sein kann, bei ihm unter anderem die Loyalität und die anderen Werte zu finden, die ich in meiner Ehe so vermisst habe? Z. W.

Lieber Herr W.

Ihnen auf diese Frage eine Antwort zu geben, fällt mir schwer. Und zwar, weil das, was ich dazu sagen kann, so furchtbar trivial ist. Seis drum: Man kann sich auf sehr unterschiedliche Arten verlieben, Knall auf Fall oder bedächtig und langsam (Stück für Stück sozusagen), es können ganz unterschiedliche Züge oder Eigenschaften beim andern sein, die zum Auslöser der Verliebtheit werden: das Lachen, die Stimme, der Mund, ein breiter Hintern, ein schmaler Hintern, die Art zu denken – jedes für sich oder auch alles miteinander, inklusive der sogenannten «inneren Werte».

Wenn man von diesen ganz besonderen «Werten» spricht, tut man allerdings häufig so, als seien sie zwar der Wesenskern eines Menschen, der aber leider unter einer Hülle von vergänglichen, täuschenden, künstlichen (you name it) Äusserlichkeiten verborgen ist, die man erst mit der Zeit durchdringen kann. Verliebtheit steht unter dem Verdacht, sich voreilig an solchem Schein zu entzünden; während die wahre Liebe die Oberfläche geringschätzt und ganz auf die inneren Werte gerichtet ist.

Ich halte das für Unfug. Die Hochachtung vor den «inneren Werten» beruht auf dem platonischen Gegensatz von Schein und Wesen, der so tut – Achtung, Kalauer! –, als ob das Wesen nicht scheine und der Schein nicht wese. Oder, um mit Karl Kraus über die inneren Werte zu spotten: Es kommt nicht nur auf das Äussere einer Frau an, auch die Dessous sind wichtig. Die ominösen «inneren Werte» sind nämlich gar nichts Innerliches; man findet sie nicht im tiefsten Herzen eines Menschen, sondern schlicht in seinem Verhalten.

Also in etwas, das dem verliebten Blick im Prinzip genauso zugänglich ist wie die Augenfarbe. Man kann sich täuschen, und die wunderbaren grünen Augen sind bloss farbige Kontaktlinsen; und die Loyalität, die man aus den Bemerkungen der Geliebten herausgehört hat, ist bloss konventionelles Nach-dem-Munde-Reden. Aber in welcher Angelegenheit kann man sich nicht täuschen? Warum sollte man ausgerechnet in Liebesdingen mehr Sicherheit verlangen als sonst im Leben? Manchmal wird man aus Schaden ja auch wenigstens etwas klüger oder nimmt die Welt immerhin differenzierter wahr. Warum soll das nicht auch beim Sichverlieben gelten?

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