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In den Alpen glühen die Hütten

Zum 150-Jahr-Jubiläum des Schweizer Alpen-Clubs beleuchtet der Künstler Gerry Hofstetter 26 SAC-Hütten. Er setzt ihnen ein «flüchtiges Denkmal».

Lichtkunst ist nicht leicht: Gerry Hofstetter und einheimische Helfer buckeln 250 Kilogramm Material zur Kröntenhütte hinauf.
Lichtkunst ist nicht leicht: Gerry Hofstetter und einheimische Helfer buckeln 250 Kilogramm Material zur Kröntenhütte hinauf.
Mike Kessler
Hofstetter geht voran – den schweren Projektor auf ein Traggestell gebunden.
Hofstetter geht voran – den schweren Projektor auf ein Traggestell gebunden.
Mike Kessler
Ohne schwere Last auf dem Rücken ist Lichtkünstler Gerry Hofstetter beim Abstieg von der Hütte zu Spässen aufgelegt.
Ohne schwere Last auf dem Rücken ist Lichtkünstler Gerry Hofstetter beim Abstieg von der Hütte zu Spässen aufgelegt.
Mike Kessler
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Der Schweiss rinnt Gerry Hofstetter über die Stirn. Er ringt nach Atem, als er das Traggestell mit dem 35 Kilogramm schweren Projektor behutsam auf ein Mäuerchen vor der Kröntenhütte absetzt. «Dieses Material auf 26 SAC-Hütten hinaufzuschleppen, war meine bisher dümmste Idee», seufzt er. Aber Hofstetter, der die Lizenz für Helikopterpiloten besitzt, kann es nicht ändern. Denn gemäss dem Vertrag über die Aktion «Hütten im Alpenglühn», den der Lichtkünstler, Gestalter von Events und Marketingprofi aus Zumikon mit dem Zentralvorstand des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) abgeschlossen hat, muss er das Material «natur- und umweltschonend» zu den Hütten transportieren.

Fünf Stunden hatte der Aufstieg vom Weiler Bodenberg im Erstfeldertal zur 1903 Meter hoch gelegenen Kröntenhütte gedauert. Die Geräte für die nächtliche Beleuchtung und die Ausrüstungen der zwei Fotografen und des Dokumentarfilmers wiegen zusammen 250 Kilogramm. Die SAC-Sektionen, welche die beleuchteten Hütten besitzen, müssen allerdings acht «Sherpas» stellen und den Lichtkünstler und sein Team gratis beherbergen. So viel trägt der SAC, der das Patronat über Hofstetters Hüttentour übernommen hat, zu dieser Aktion bei. Finanziert wird sie hauptsächlich durch den deutschen Pharmakonzern Bayer und den Autohersteller Audi. Bayer feiert 2013 ebenfalls sein 150-jähriges Bestehen. Nächstes Jahr will Hofstetter einen Bildband und einen Dokumentarfilm über «Hütten im Alpenglühn» publizieren.

«Unbezahlbare Werbung»

«Das ist unbezahlbare Werbung für die Kröntenhütte», freut sich der langjährige Hüttenwart Markus Wyrsch über die Beleuchtung. Sie fällt mit dem Spatenstich für die Sanierung und Erweiterung der 1920 erbauten Hütte der SAC-Sektion Gotthard zusammen. Als die Familie des Hüttenwarts den Gästen Weisswein und leckere Häppchen serviert, verfliegt die Erinnerung an den kräfteraubenden Aufstieg. Auch Hofstetter findet nach dem ersten Gläschen seine Idee nicht mehr «dumm», sondern «genial». In der Abend- und der Morgendämmerung projiziert er Schweizer Kreuze, Kantonswappen, Logos des SAC, Fotos und selbst entworfene Sujets während je einer Stunde auf die ausgewählten Hütten. «Ich stelle die kleinen Schutzhütten in ihrer grossartigen Umgebung für einen kurzen füchtigen Moment ins Rampenlicht und erinnere so an den Ursprung des Hüttenbaus durch den SAC», sagt Hofstetter.

Um 10 vor 10 startet der Künstler seine Lichtinstallation, bevor die Nacht über der von Felswänden 3000 Meter hoher Gipfel gesäumten Arena ganz hereinbricht. Hofstetter hat eine Folie mit dem Urner Wappen zwischen zwei Glasplatten geklemmt und schiebt dieses Clichées in den Projektor. Nun leuchten die Natursteine der Fassaden in sattem Gelb, und mittendrin blickt der grimmige Uristier. «S Ziriwappe müesch ys nid unbedingt zäige», flachst der Bauchef der Sektion Gotthard, Lukas Brücker, in kernigem Urner Dialekt. Der Zürcher Lichtkünstler lacht und klaubt anstelle des Zürcher Wappens das Foto eines blau-weissen Cobra-Trams vor einer Wohnsiedlung aus seiner Sammlung an Projektionsfolien.

In Hofstetters Wuschelkopf zündete vor drei Jahren die Idee, zum SAC-Jubiläum die Hütte einer Sektion aus jedem der 26 Kantone zu beleuchten. Am 1. August 2010 projizierte er für die Werbekampagne eines Milchverarbeiters das Schweizer Kreuz und eingängige Symbole aus der Bilderwelt der Alphirten auf die Terrihütte am Rand der Greina-ebene. Den Durchbruch als national und international gefragter Lichtkünstler hatte der clevere Verkäufer von Marken, Emotionen und sich selbst allerdings bereits 2002 geschafft: Zum 100-jährigen Bestehen des Bundeshauses liess er den Sitz der eidgenössischen Räte und des Bundesrats in frohen patriotischen Farben erstrahlen.

Nur wenig Ruhezeit

In der Kröntenhütte gönnt sich das Beleuchtungsteam nur wenige Stunden Ruhe. Um vier Uhr früh starten Hofstetter, die beiden Fotografen und der Filmer ihre zweite einstündige Lichtinstallation. Die Stimmung ist magischer als am Vorabend. Das Rauschen des Baches, der neben der Hütte durch ein Hochmoor von nationaler Bedeutung fliesst, übertönt die knappen Befehle des Lichtkünstlers an sein Team.

Kurz nach sieben Uhr landet ein Helikopter mit Proviant und Baumaterial an Bord vor der Kröntenhütte. Nun darf Hofstetter eine Ausnahmebestimmung im Vertrag mit dem SAC nutzen. In Verbindung mit einem regulären Versorgungsflug ist es ihm erlaubt, schweres Gerät per Helikopter zu transportieren. Hofstetter wuchtet den 35 Kilogramm schweren Projektor hinter den Sitz des Piloten und schliesst erleichtert die Seitentüre des Gefährts.

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