Wo kippt Konsequenz in Sturheit um?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Umgang mit anderen Meinungen.

Konsequenz ist nicht immer besser als Sturheit. Foto: iStock

Konsequenz ist nicht immer besser als Sturheit. Foto: iStock

Peter Schneider@PSPresseschau

Woran lässt sich festmachen, ob etwas (noch) eine konsequente Haltung oder (bereits) Sturheit ist – bei mir selber und bei anderen?I. F.

Liebe Frau F.
Sehr bequem kann man es sich natürlich dadurch machen, dass man die Unbeweglichkeit in manchen Angelegenheiten des Lebens bei anderen für stur und bei sich selber für konsequent hält. Aber Sie wollten ja nicht wissen, wie man sich am einfachsten und selbstgerechtesten durch den Alltag schummelt, sondern was Sturheit und Konsequenz an und für sich unterscheidet.

Nähern wir uns dem Problem also als Erstes mit dem Versuch einer Definition: Sturheit ist übertriebene Konsequenz, so, wie Geiz übertriebene Sparsamkeit ist. Das jeweils eine stellt ein Laster dar, das jeweils andere eine Tugend. Daraus ergibt sich eine nicht ganz unbrauchbare Abgrenzung.

Dennoch ist sie nicht über jeden Zweifel erhaben. Ist Sparsamkeit wirklich immer gut und Geiz tatsächlich grundsätzlich schlecht? Kann nicht auch Verschwendung hin und wieder etwas Wunderbares sein? Und ist demzufolge nicht nur Nicht-Sturheit, sondern auch zeitweilige Inkonsequenz begrüssenswert? Könnte es unter dem Gesichtspunkt des sozialen Miteinanders nicht wünschenswert sein, dass jeder auch mal fünfe gerade sein lässt (ohne damit auch schon eine neue Form der Mathematik gründen zu wollen)?

Sturheit ist unbestreitbar ein Laster, weil zu ihr die Unbelehrbarkeit gehört.

Der Sture sagt: Das haben wir immer so gemacht, das machen wir auch in Zukunft so. Der Konsequente fragt: Wo kämen wir hin, wenn das jeder so machte? Ins Chaos. Also machen wir das nicht. Man könnte freilich auch so argumentieren: Wenn das jeder so machen würde, wäre das gewiss nicht gut. Allerdings schaut es nicht danach aus, als ob wirklich jeder das so machen wollte. Schauen wir doch erst mal, was geschieht, wenn diese paar wenigen es so machen.

Es sieht nun so aus, als ob «stur» und «konsequent» nur zwei verschiedene Wörter für Unflexibilität wären, das eine mit negativer, das andere mit positiver Konnotation. Gewiss ist «Sturheit» ein Kampfbegriff, Konsequenz aber nicht; der Sture führt schlechte, der Konsequente gute Argumente für seine Haltung ins Feld. Aber eben auch die guten Argumente für die Konsequenz in einer bestimmten Frage sind nicht rundweg so unbestreitbar, wie der Konsequente oft selber glaubt.

Sagen wir also so: Sturheit ist unbestreitbar ein Laster, weil zu ihr die Unbelehrbarkeit gehört. Konsequenz ist darum aber noch keine Tugend, und zwar, weil sie sehr leicht in Sturheit umschlagen kann. Nämlich deshalb, weil sie eine Neigung zum Generalisieren und Universalisieren hat, der gegenüber man getrost skeptisch sein darf.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

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