Wieso sind fast alle Schweizer Städte links regiert?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktoren die am häufigsten gegoogelten Fragen.

Präsidentin der rot-grünen Stadt Zürich: Corine Mauch (2015 im Opernhaus)

Präsidentin der rot-grünen Stadt Zürich: Corine Mauch (2015 im Opernhaus)

(Bild: Urs Jaudas)

Philipp Loser@philipploser

Früher, da waren die Schweizer Städte ein Problem, das man mit der Abkürzung AAA zusammenfasste: Arme, Alte, Ausländer. Früher, da waren die Schweizer Städte die Moloche des industriellen Zeitalters. Dampfend, stinkend, eng, hektisch. Sie waren aber auch Verheissungen für möglichen Reichtum und Aufstieg. In der Nachkriegszeit, den Boomjahren, brach in der Schweiz der grosse soziale Frieden aus. Es war die Zeit der grossen Versöhnung, und in den Städten, die bis in die 30er-Jahre oft rot regiert waren, übernahmen die Bürgerlichen wieder das Kommando. «Aus Arbeitern wurden Kleinbürger», beschrieben es die Sozialgeografen Michael Hermann und Heiri Leuthold vor fünfzehn Jahren im «Tages-Anzeiger». Das war aber auch der Anfang vom Ende der bürgerlich dominierten Städte. Die Demokratisierung der Mobilität erlaubte es dem Mittelstand, den Traum vom Hüsli im Grünen zu verwirklichen. In den Städten blieben die AAAs zurück. Es war linke Politik, die Antworten auf deren Probleme lieferte, etwa im Drogenbereich. Gleichzeitig veränderte sich das berufliche und gesellschaftliche Milieu in den Städten, und eine neue, urbane Mittelschicht entstand.

Das hatte entsprechende politische Konsequenzen. Die Städte wurden wieder links. Schneller an jenen Orten, wo es traditionell viele Staatsangestellte und Wissensarbeiter gab (wie etwa in Bern). Langsamer an jenen Orten, wo die Industrie noch immer eine grosse Rolle spielte (wie etwa in Basel).

Im Ergebnis blieb es aber überall dasselbe: Das links-grüne Milieu in den Städten wurde grösser und grösser. Im Gegenzug rückten die Agglomerationen rund um die Städte nach rechts. Die grossen Brüche im politischen System – sei es in der Klimafrage, der Europapolitik oder der richtigen Bemessung der Unternehmenssteuern – verlaufen heute alle zwischen Stadt und Land. Vergesst den Röstigraben!

Das hat Konsequenzen für die politische Debatte und die Ausrichtung der Parteien. Links-Grün liefert Lösungen für die Stadt. Rechts liefert Lösungen für das Land. Man entfernt sich. Schon 2004 schrieben Hermann und Leuthold: «Die ideologische Entfremdung zwischen Kernstadt und Umland verheisst auf den ersten Blick wenig Gutes für die Zukunft der grossen Agglomerationen.»

Fünfzehn Jahre später muss man sagen: Die Prognose war sogar noch etwas verhalten. Dass die Schweiz heute so polarisiert ist wie noch selten in ihrer jüngeren Geschichte, hat auch mit der klaren linken Dominanz in den Städten und dem Rechtsrutsch in der Peripherie zu tun.

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