Rücksicht nehmen auf Beeinträchtigte, Teil 2

Die zweite Antwort auf die Leseranfrage, warum ein Sonderzug nicht immer gerechtfertigt ist.

Woher die Zeit nehmen, wenn nicht Mitbewohnern stehlen? Eine Betreuerin hilft beim Anziehen der Schuhe. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Woher die Zeit nehmen, wenn nicht Mitbewohnern stehlen? Eine Betreuerin hilft beim Anziehen der Schuhe. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Letzte Woche fragte eine Lesergruppe:

Ein Freund von uns, ein Idiot («Mensch mit schwerer kognitiver Beeinträchtigung») wie wir, soll in ein anderes Heim umziehen. Die Heimleitung hat Eltern und Betreuer konsultiert. Ihn nicht. Er kann nicht sprechen, sich aber äussern. Warum also fragt man ihn nicht nach seiner Meinung? Das wäre doch normal bei Normalen.

Gruppe Idiotenspeak

www.idiotenspeak.blogspot.ch

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

mit meiner letzten Kolumne habe ich ­Ihnen, meinen Redaktionskollegen und mir schwer etwas eingebrockt. Es handelte sich um meine Antwort auf die Frage der Gruppe Idiotenspeak, wie es wohl komme, dass man einen ihrer Freunde nicht selbst befrage, wenn es um die Verlegung in ein anderes Heim gehe. Meine Antwort bestand in einer Art Rollenprosa, die im folgenden Satz mündete: «Beggars can’t be choosers.»

Mindestens mit dieser zitierten Redensart, so dachte ich, hätte ich den (wenn auch von mir gut «realistisch» verpackten) Sarkasmus meiner Ausführungen ausreichend signalisiert – einer Kaskade von Argumenten und Gründen, die jedes und jeder für sich als durchaus nachvollziehbar erscheinen konnte, letztlich aber auf eine Legitimation der Entmündigung der «Idioten» hinauslief.

Manche Leser haben meine Ausführungen für bare Münze genommen. Ebenso zwei meiner (leicht entsetzten) Redaktionskollegen, die den letzten Satz gestrichen haben, weil sie wenigstens nicht noch die Gleichsetzung von Behinderten mit Bettlern mitmachen wollten. Immerhin hatten die «Idiotenblogger», die mir die Frage gestellt hatten, die zartbittere Ironie meiner Pseudoargumentation, dass man nicht für jeden ­Behinderten ein Sonderzüglein fahren könne, auf Anhieb verstanden.

Aber so eine Kolumne soll ja keine Privatkorrespondenz sein, sondern allgemein verständlich. Deshalb hier noch mal im Klartext: Ich bin ganz entschieden der Ansicht, dass es überhaupt nicht angeht, Behinderte als unmündige Objekte von Entscheidungen zu behandeln. Und ich wollte zeigen, wie einfach in Institutionen diese Entmündigung vonstattengehen kann – ganz ohne bösen Vorsatz. Wie die Vernunft bei helllichtem Tag Monster gebiert, wenn sie sich von einem vernünftigen Argument zum nächsten hangelt, bei dem die Voraussetzungen vielleicht etwas (aber auch nicht völlig) schief erscheinen mögen – aber man kann doch auch nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, oder?

Und am Schluss steht man vor einem Ergebnis, das man eigentlich nicht haben wollte, aber man kann nicht mehr genau so sagen, wo man die falsche Abbiegung genommen hat, weil doch jeder Schritt für sich genommen eigentlich so unlogisch nun auch wieder nicht gewesen ist und man schliesslich auch kein unrealistischer Utopist sein wollte, und wer von uns kann schon ein selbst­bestimmtes Leben führen, selbst wenn er reden kann und (je) zwei gesunde Arme und Beine hat, und da könnten doch auch die Behinderten eigentlich einsehen, dass auch für sie nicht immer eine Extrawurst drinliegen . . .

So geht das. Wüssed Si, wieni mein?


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.12.2016, 10:05 Uhr

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