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Wie sinnvoll sind Kategorien?

Zur Einteilung von psychischen Störungen.

In der Kategorie «Autismus» steckt tatsächlich ein ganzer Rattenschwanz an Vorurteilen und Annahmen.
In der Kategorie «Autismus» steckt tatsächlich ein ganzer Rattenschwanz an Vorurteilen und Annahmen.
Peter Komka, Keystone

Als Autist frage ich mich, was der Sinn und Unsinn ist von Kategorisierungen wie «neurotypisch» oder «autistisch» und dergleichen. Ich frage mich, wie wir etwas benennen können, um überhaupt Unterscheidungen machen und über etwas reden zu können, ohne aber immer mit dem Begriff auch schon zu werten und einen Rattenschwanz an Annahmen aufzurufen, die wir gar nicht meinen. Gibt es da einen Weg, ohne mir den Mund fusselig zu reden? Denn das kann ich nicht.H. K.

Lieber Herr K.

Es ist klar, dass bei Kategorien immer ein Teil – das Individuelle, nicht Verallgemeinerbare – unter der Tisch fällt. Dafür sind Kategorien allerdings auch gemacht. In der Taxonomie der Pflanzen durch das Linné’sche System funktioniert das erstaunlich gut. Jedes einzelne Gänseblümchen hat seinen eigenen Charme, aber der wird ihm durch seine Einordnung in die Familie der Korbblütler auch nicht genommen. Dieses System hat sich auch unter modernen genetischen Gesichtspunkten als ziemlich stabil erwiesen. Das Raster der sprachlichen Kategorien bildet die Wirklichkeit offenbar gut nach.

Die Kategorisierung der Geisteskrankheiten, der psychischen Krank­heiten, der psychischen Störungen (so die Terminologie in chronologischer Reihenfolge) hingegen unterliegt weitaus grösseren Änderungen. Hier bildet die Sprache Unterschiede nicht nur ab, sondern schafft auch Differenzen, ­welche auch anders kategorisiert werden können. Trotzdem sind die dies­bezüglichen ­Kategorien nicht einfach nur willkürlich und auch nicht bloss ­stigmatisierend.

Sie kennen gewiss den Spruch «Wenn du einen Autisten kennst, kennst du einen Autisten». Ich glaube, dass diese Individualisierung des Autismus auf eine paradoxe Weise eine Folge gerade seiner Kategorisierung darstellt. Die Diagnose «Autismus» ist ja relativ neu. Sie stammt aus den 40er-Jahren von Kanner und Asperger, aber meiner Meinung nach hat sie sich erst um einiges später wirklich durchgesetzt und ist erst in den 80er-Jahren ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen.

In der Kategorie «Autismus» steckt tatsächlich ein ganzer Rattenschwanz an Vorurteilen und Annahmen. Aber nicht alle sind zwingend dumm. Zum Beispiel gehört zu der Kategorie «Autismus» auch die Einsicht, dass autistische Menschen nicht «geistig minderbemittelt» sind, sondern dass dieser Eindruck lediglich ein Effekt der Art und Weise ist, wie man sie behandelt hat, nämlich in psychiatrischen Institutionen weggesperrt und aufbewahrt. Mit der neuen Diagnose des «Autismus-Spektrums» wird zudem anerkannt, dass es keine exakte Grenze zum Neurotypischen gibt, sondern Übergänge. ­Dadurch wird zwar nicht jede Wertung ausgeschlossen, aber die Autisten und Autistinnen erscheinen nicht mehr als die Aliens, als die sie zuweilen beschrieben wurden, sondern als Wesen von ein und derselben Welt.

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Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

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