Wie Lego seine Unschuld verliert

Christoph Bartneck zählt die Waffen in den Legoschachteln. Es würden immer mehr, sagt der Wissenschaftler.

Ein grosser Bub: Christoph Bartneck mit seiner «Unikitty». Foto: PD

Ein grosser Bub: Christoph Bartneck mit seiner «Unikitty». Foto: PD

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Es wird gestochen und geknüppelt im Kinder­zimmer, mehr als früher. Auch die Legomännchen machen mit: «Die Produkte der Firma Lego sind nicht mehr so unschuldig, wie sie einmal waren», schreibt Wissenschaftler Christoph Bartneck in der Fachzeitschrift «PLOS One». Sein Team hat die Lego-Produktkataloge des Zeitraums 1978 bis 2014 auf brutale Bilder hin untersucht und festgestellt: «Die Gewalt hat zugenommen.»

Bartneck ist ein Legofanatiker. Seit Jahren veröffentlicht er Figürchenkataloge. Sein Band zur Harry-Potter-Sonderreihe gilt Sammlern als Standardwerk. Es ist eben schwer, den Überblick über die wachsende Legowelt zu bewahren. Allein 2015 gab die Firma mehr als 700 neue Figuren heraus, viele davon in Kleinstauflagen. Bei den Fanartikeln sieht es noch ärger aus: «Ab einem gewissen Punkt werden wir aufhören müssen, jedem Sticker und Bleistift hinterher­zujagen», schrieb Bartneck schon 2011.

In den 90er-Jahren hat er selber an der Quelle gearbeitet: in Billund, Dänemark, dem Lego-Hauptsitz. Das war nach dem Industrie­design­studium in Hannover. Dann zog er weiter, promovierte in Eindhoven, forschte in Japan und lehrt nun seit 2010 an der Universität Canterbury im neuseeländischen Christchurch – derzeit am HIT-Lab, einem Laboratorium für «Human Interface Technology». Er ist Fachmann für Kommunikation zwischen Mensch und Maschine.

Daneben bleibt Zeit für Lego. Bartneck hat in Christchurch die «Imagination Station» gegründet, einen Raum, in dem Kinder umsonst mit Lego spielen können. Er braucht das selber: Eben hat er die rosa Einhorn-Katze «Unikitty» aus dem Legofilm nachgebaut – mannshoch, mit drehendem Kopf und LED-Augen. Er will sie nun an einer «Brickshow» zeigen, einem Treffen der Legobastler. Auf Fotos sieht man Bartneck, Vater zweier Mädchen, mit seinem rosa Riesentier. Ein grosser Bub mit Brille, stolz und in Socken.

Auf das Thema Gewalt kam er im Spielwarengeschäft: So viele Waffen! Sind das mehr als früher? Bartneck hat nachgezählt und findet: Ja. 30 Prozent der Legoschachteln enthielten heute ein Waffenelement. Schiff, Traktor, Auto – das war früher. Heute brauche es Gangster, Monster. «Der Fokus auf Konflikt ist stärker», sagte er dem neuseeländischen Radio NZ. An Lego lässt sich Veränderung gut ablesen, denn die Firma besteht schon seit 1932. Anfangs produzierte sie noch Holzspielzeug, die koppelbaren bunten Plastikblöcke gibt es seit 1958. Proportionen und Dimensionen sind dieselben wie damals. Nur eben: Die Bewaffnung ist schärfer.

Lego sei keine Ausnahme, sagt Bartneck. Alles Spielzeug werde actiongeladener, weil es in Konkurrenz stehe mit Filmen und Videospielen. Lego muss mithalten. Bleibt nur der Trost der Rekombinierbarkeit: Eine Lego-Laserkanone kann im Spiel auch eine dekorative Antenne sein. Oder die Wimper einer Einhorn-Katze.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2016, 22:16 Uhr

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