Weshalb ist Zürich so langweilig?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktoren die am häufigsten gegoogelten Fragen.

Zürich: Stadt, wo niemand zufällig in einer Schiesserei getötet wird.

Zürich: Stadt, wo niemand zufällig in einer Schiesserei getötet wird.

(Bild: Keystone)

Nicola Brusa@tagesanzeiger

Echt jetzt?

Diese Frage ist hart an der Grenze des Zumutbaren. Sie hält den Züri-Fan gefangen in einem Zustand der totalen Hilflosigkeit. So muss sich Schwerelosigkeit anfühlen: Man kriegt einfach keinen Boden mehr unter die Füsse. Was sind das für Menschen, die solche Fragen an Google stellen? Waren die denn noch nie auf dem Üezgi, im Medizinhistorischen Museum, bei den Chagall-Fenstern?

Die hacken sicher mit einer aus der Frustration genährten Urkraft Buchstabe für Buchstabe mit dem Zeigfinger in die Tastatur. Zägg! Zägg! 33 Anschläge auf Zürich (inklusive Leerschläge)! Nimm das, Zürich, nimm das, Zürcher!

Dann kommt einem Alain de Botton in den Sinn, britischer Philosoph von Weltruf, geboren in – ha! – Zürich. Er sprach vor Jahren seiner Geburtsstadt eine «exotische Spiessigkeit» zu. Exotische Spiessigkeit? Das bringt den Züri-Fan ins Grübeln. Ihm kommen Toast und Pizza Hawaii in den Sinn, die er beide so mag … Und die ihn, Gefühlsastronaut, jeweils wieder auf den Boden bringen.

Nach einer Pizza Hawaii (Havelar-Ananas, easy bleiben!) könnte ich nun x Gründe aufzählen, weshalb Zürich so langweilig, so exotisch ist. Zum Beispiel, weil:

  • hier alles funktioniert. Der ÖV, die direkte Demokratie, die Müllabfuhr, sogar von der Motz-App «Züri wie neu» sind noch keine Ausfälle bekannt;
  • hier ganz viele Banker arbeiten. Die haben aufregend viel Geld, aber darüber redet man nicht. Und das wäre das Einzige, das Banker spannend macht;
  • die hier omnipräsente Grossartigkeit eine gewisse Überheblichkeit mit sich bringt, die von aussen oft mit Coolness verwechselt wird, die wiederum den Emotionen abträglich ist;
  • Botox nicht nur in den Augenlidern und unter den Stirnen präsent ist. Auch in der Stadt wird gebotoxt, was das Zeugs hält: Gneis statt Wiese auf dem Sechseläutenplatz, glatter Asphalt statt Risse in der Strasse, Strichbox statt Strassenstrich, Chipperfield statt Meier oder Müller oder Rüdisüli auf dem Heimplatz, Cobra und Haifischchübel und Millenniumpfosten statt Ware ab der Stange. Nicht einmal mehr die Hardbrücke ist hässlich;
  • «weil niemand zufällig in einer Schiesserei getötet wird», um de Botton nochmals zu zitieren.

Aber das mache ich nicht. Ich will Sie ja nicht langweilen.

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