Wenn Studierende ihr Studium abbrechen

Trial and Error: Fast jeder dritte Studierende in der Schweiz hat in den letzten Jahren sein Studium abgebrochen. Fehlende Motivation ist längst nicht der einzige Grund.

Zeichnung: Ruedi Widmer

Zeichnung: Ruedi Widmer

Tina Huber@tina__huber

Männlich, Ende 20, Student der Geisteswissenschaften – wer über ein solches Profil verfügt, hat heute schlechte Aussichten, sein Studium mit Erfolg abzuschliessen. Dies zumindest legt eine Studie der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung nahe. Darin wurden Studienabbrüche an Schweizer Universitäten in einem Zeitraum über 30 Jahre untersucht. Je nachdem, wie alt jemand ist oder welches Fach er belegt, wird ein Studienabbruch wahrscheinlicher. Das sagt Andrea Diem, Soziologin und Mitautorin der Untersuchung.

Auch zwischen den Geschlechtern gibt es Unterschiede: Mitte der 70er-Jahre gab fast jede zweite Frau ihr Studium auf (46 Prozent), 2008 waren es nur noch 29 Prozent. «Der Stellenwert einer guten Ausbildung ist bei Frauen viel grösser geworden», sagt Diem. Bei den Männern reduzierte sich der Anteil der Studienabbrecher nur unbedeutend, von 32 auf 30 Prozent.

Je älter ein Student ist, desto eher gibt er sein Studium auf. Die Verfasser der Studie erklären dies mit den steigenden Opportunitätskosten, die sich durch den entgangenen Verdienst ergeben. Und mit dem höheren Druck, ein Einkommen zu erzielen, etwa wegen familiärer Pflichten. Ebenfalls entscheidend für den erfolgreichen Abschluss eines Studiums: die Noten im Gymnasium. Ein guter Gymischüler zieht später sein Studium eher durch. Die Autoren der Studie konnten nachweisen, dass Kantone mit einer überdurchschnittlich hohen Maturitätsquote später weniger Uniabsolventen stellen. Mit anderen Worten: Je leichter die Schüler zu ihrer Matur kommen, desto eher brechen sie später ihr Studium an der Universität ab.

Stärkere Selektion

Manche brechen nicht freiwillig ab, sondern werden gezwungen, etwa weil sie eine Prüfung wiederholt nicht bestanden haben. In der Schweiz gibt es keine offiziellen Zahlen zur Anzahl dieser unfreiwilligen Abbrecher. Eine Umfrage von DerBund.ch/Newsnet bei den Zürcher Hochschulen zeigt aber (siehe Box), dass diese Zahl im Vergleich zu den freiwilligen Studienabbrechern gering sein dürfte. Nur wenige Studierende verschwenden Zeit mit einem Studium, das ihren Interessen oder Fähigkeiten nicht entspricht: Rund jeder Zweite bricht ab, bevor er die zweite Hälfte des Grundstudiums erreicht.

Im Unterschied zum Ausland, wo technische und wissenschaftliche Studienrichtungen die höchste Abbrecherquote aufweisen, führen diese Rangliste in der Schweiz die Geistes- und Sozialwissenschaften an. Mit der Einführung des Bologna-Systems sind die Unterschiede zwischen den Studienfächern jedoch merklich kleiner geworden: «Eine denkbare Erklärung dafür ist, dass das Studium seither stärker strukturiert ist und die Prüfungen über das gesamte Studium verteilt sind», sagt die Soziologin Andrea Diem. Schwache Studierende werden nun – zum Beispiel durch die Bachelorprüfung – früher ausselektioniert.

Jeder Abbruch ist einer zu viel

Die Schweizer Abbruchquote von 28 Prozent fällt gemäss Andrea Diem im internationalen Vergleich zwar nicht negativ auf. Angesichts der Tatsache, dass die Schweiz eine tiefe Maturitätsquote hat, also nur die Besten für ein Studium zugelassen sind, halten die Autoren der Studie jedoch fest: «Jeder vermeidbare Studienabbruch ist ein Abbruch zu viel.» Eine strenge Selektion vor dem Studienbeginn, zum Beispiel schon in der Mittelschule, würde sich auf jeden Fall günstig auf die Erfolgsquote an den Hochschulen auswirken, ist Andrea Diem überzeugt.

Den Schweizer Universitäten und den beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen sind die Hände gebunden: Sie müssen von Gesetzes wegen – mit Ausnahme der Medizin, wo es den Numerus clausus gibt – jede und jeden prüfungsfrei aufnehmen, der über eine eidgenössische Matura verfügt.


Bänz Isler (29), BernStudienfachwechsel nach drei Semestern: von Jus zum MA in Filmmusik (ZHDK)

«Wieso ich plötzlich die Freude an meinem Jusstudium verlor? Ich kann es nicht sagen. Bereits im Gymer wusste ich, dass ich später Jus studieren würde. Das war keine Entscheidung aus Not. Im ersten Jahr war ich zufrieden, alles war spannend. Erst im dritten Semester kamen die Zweifel. Ich konnte mich nicht mehr motivieren, fragte mich, wozu ich in diesem Hörsaal mit 100 anderen sass. Als ich vom Studiengang Musik und Medienkunst in Bern erfuhr, brach ich Jus ab – das letzte bisschen Motivation war weg. Das neue Studium war genau das, was ich suchte: Es kombinierte den theoretischen Aspekt mit dem technischen und dem künstlerischen. Ich hatte nie geglaubt, mein Hobby Musik zu meinem Beruf machen zu können. 2011 schloss ich den Bachelor ab und hängte ein Masterstudium in Filmmusik an der Zürcher Hochschule der Künste an. Heute bin ich selbstständiger Filmkomponist und arbeite daneben als freier Tontechniker. Ich habe das Gefühl, das gefunden zu haben, was mich erfüllt. Mir kam es auch nie vor wie ein Abbruch, sondern eher wie ein Wechsel – ich habe das Jusstudium ja mit einem neuen Ziel vor Augen aufgegeben.»


Sergio Bergamin (20), Zürich
Studienfachwechsel nach einem Semester: von Jus zu Wirtschaft (UZH).

«In meinem Freundeskreis ist ein Studienabbruch nichts Aussergewöhnliches. Etwa die Hälfte meiner Bekannten hat abgebrochen. Auch ich stellte nach einem Semester Jus fest, dass es nicht das Richtige ist. Nicht weil es mir nicht gefallen hätte; Wirtschaft und Recht war mein Schwerpunktfach im Gymi. Aber ich sehe mich weder als Rechtsanwalt noch als Jurist. Durch ein Seminar kam ich mit dem Thema Management in Berührung, das hat mir die Augen geöffnet. Im Herbst werde ich an der Universität Zürich mit Wirtschaft beginnen, bis dahin möchte ich ein Praktikum absolvieren. Meine Eltern haben viel Verständnis. Ich sehe dieses Jahr nicht als verloren an, verglichen mit dem ganzen Berufsleben ist das eine kurze Zeit. Ich kenne Fälle, in denen Leute nach mehreren Jahren ein universitäres Studium abgebrochen haben. Da stelle ich lieber schon nach kurzer Zeit fest, dass ich nicht zufrieden bin. Ich finde auch nicht, dass die Uni zu wenig über das Studium informiert hat: Es gehört zum Selbstständigwerden, dass man sich die Informationen selber holt. Trotz allem möchte ich das Wirtschaftsstudium jetzt durchziehen.»


Wendelin Gisler (30), Basel
Zwei Studienfachwechsel: von Architektur über Primarlehrerausbildung zu einer Lehre als Goldschmied.

«Ich habe zweimal abgebrochen: erst ein Architekturstudium, dann die Primarlehrerausbildung. Und das, obwohl mir beide Fächer gefielen. Schon im Gymi interessierten mich Musik und Architektur. Doch das ETH-Architekturstudium überforderte mich, und ich wechselte an die Fachhochschule nach Luzern. Auch dort reichte es nicht, und ich beschloss, einen Schlussstrich zu ziehen. Ein halbes Jahr lang arbeitete ich als Croupier in einem Casino. Ich wusste, dass ich wieder studieren wollte. Innerhalb von zwei Wochen entschied ich mich für das Primarlehrerstudium. Auch hier lief alles gut, bis ich nach den Praktika von der Schulleitung eine negative Beurteilung erhielt. Es war unsicher, ob ich das Lehrdiplom erhalten würde. Also gab ich das Studium auf und arbeitete einige Jahre als Flight Attendant. Und nun beginne ich im Sommer eine Lehre als Goldschmied. Für mich stimmt das, auch wenn ich schon 30 bin. Ich glaube, dieser Beruf entspricht meinen Fähigkeiten sehr gut. Was Gleichaltrige bisher erreicht haben, ist für mich kein Massstab. Es braucht Energie und Zeit, sich umzuorientieren. Aber es lohnt sich.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt