Wenn Philosophen sich zoffen

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Anstand unter Intellektuellen.

Solange man sich im Ring die Fresse poliert, ist alles okay. Ehren­rührig wird es erst, wenn der eine dem anderen im Dunkeln auflauert: David Diaz (l.) schlägt Erik Morales. (4. August 2007) Foto: Nam Y. Huh (AP, Keystone)

Solange man sich im Ring die Fresse poliert, ist alles okay. Ehren­rührig wird es erst, wenn der eine dem anderen im Dunkeln auflauert: David Diaz (l.) schlägt Erik Morales. (4. August 2007) Foto: Nam Y. Huh (AP, Keystone)

Peter Schneider@PSPresseschau

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat über den Philosophen Richard David Precht gespottet, dessen Klientel bestehe vor allem aus André Rieu hörenden Damen über fünfzig in spätidealistischer Stimmung. Abgesehen davon, dass ich über die Boshaftigkeit zunächst schmunzeln musste, habe ich mich doch gefragt, ob der clevere Mensch ein bedingungsloses Recht hat, seine subjektive Verachtung des weniger cleveren Menschen zu veröffentlichen. Für mich büsst die clevere Person an Souveränität ein, wenn sie die Contenance verliert und andere diffamiert.
H. S.

Lieber Herr S.

Wenn Intellektuelle Intellektuelle verspotten, kann das sehr lustig sein. Ausserdem hat dies eine lange und seriöse Tradition. In Steffen Dietzschs Buch «Philosophen beschimpfen Philosophen» (Reclam, 1995) können Sie die schönsten Invektiven der Philosophie­geschichte nachlesen. Manche der in Bonmots gepackten Urteile sind heillos ungerecht; manche sind sehr präzise und entlarvend. Welche in welche Kategorien fallen, hängt wiederum von den eigenen philosophischen Vorlieben ab. Und manchmal ist man auch verwirrt, weil man sowohl den Beschimpfer als auch den Beschimpften eigentlich immer geschätzt hat.

In dem von Ihnen angeführten Fall gehören beide Autoren nicht zum Personal meines persönlichen Pantheons. Von mir aus hätte Herr Precht auch den Spiess umdrehen und Herrn Sloterdijk ein umtriebiges Intellektuellen-Simulacrum für «Zeit»-Leser nennen können. Man könnte auch beide zusammen in einen Migros-Sack stecken: Precht wäre dann die Budget-, Sloterdijk die Sélec­tion-Linie der schwadronierenden Philosophie.

Was meint der Provinzdenker, wer er sei?

Ich muss aber zugeben, dass meine hier auf die Schnelle improvisierten ­Beleidigungen weit weniger lustig sind als die Bemerkung Sloterdijks. Denn jene ist genau mit jener Portion ­Arroganz ­gewürzt, welche die Beleidigung erst so richtig schön fies, aber eben auch angreifbar macht: Was hat Herr Sloterdijk gegen philosophieinteressierte Frauen jenseits der Wechseljahre? Würde er so auch über gleichaltrige Männer spotten? Oder eben: Look who’s talking. Was meint der Karlsruher Provinzdenker eigentlich, wer er sei?

Der Witz ist, dass der Kicher-Effekt von Sloterdijks Seitenhieb durch alle ­berechtigte Kritik nicht gemindert wird. Und einen Souveränitätsverlust kann ich auch nicht ausmachen. Dieser träte erst ein, wenn Sloterdijk sein Verdikt umständlich erklärt und gerechtfertigt hätte. So aber bleibt es bei einer flüchtigen, aber doch eingängigen Pointe. Und gerade weil sie öffentlich geäussert wird, scheint sie mir (man könnte meinen: paradoxerweise) auch nicht im alltäglichen Sinne des Wortes «beleidigend». Sie ist eher Teil jenes Klapperns, das zum intellektuellen Handwerk gehört wie der überraschende linke Haken zum Boxsport. Solange man sich im Ring die Fresse poliert, ist alles okay. Ehren­rührig wird es erst, wenn der eine dem anderen im Dunkeln auflauert.

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