Zum Hauptinhalt springen

Wenn Männer aus ihrem Erfahrungsschatz schöpfen

Männer über achtzig können viel erzählen. Susanna Schwager lässt ihnen in einem Buch den Raum dafür, beispielsweise Hans Horn, Bankkassier und Blumenfreund, Jahrgang 1920.

«Ich habe ja im Graubünden hinten und im Wallis drüben und auch droben im Berner Oberland überall Clematis gesetzt, obwohl alle sagten, das geht gar nicht, die verrecken doch in der Höhe. Und jetzt rufen die Frauen immer an: «Herr Horn, Ihr müsst einfach kommen und sehen, wie sie blühen! Das glaubt Ihr nicht!» Sie kommen immer, wenn ich sie pflanze. Manchmal setzen mir die Frauen links und rechts und links einen Muntsch auf, wegen den Blumen, wegen der Freude.

Früher, als ich bei der Nationalbank in Basel arbeitete als erster Kassier, da hatte ich viel Kundschaft. Die kamen nur, weil sie in meinem Garten die Blumen gesehen hatten, die Clematis. Die hatte niemand, und in meinem Garten blühten fünfhundert verschiedene Sorten, nicht alle gleichzeitig natürlich. Als Nationalbankkassier kannten mich die Direktoren von fünf verschiedenen Grossbanken in Basel. Die hatten jeden Monat einmal ihre Bankdirektorenkonferenz, mit Kaffee und Kuchen, immer abwechselnd in einer Villa. Und diese Herren wollten auch Clematis für ihren Villengarten und verstanden die Pflanzen nicht. Gaben ihnen zum Beispiel nur Erde von der Migros oder liessen sie vertrocknen und so weiter. Und standen dann irgendwann bei mir am Schalter.

«Der kam wegen den Blumen»

Ich hatte also ständig diese Direktoren am Schalter, das sprach sich richtiggehend herum. Es ging so weit, dass mein Chef reklamierte: «Loosesi, wie kommt es, dass der Generaldirektor der UBS bei Ihnen am Schalter steht? Was wollte der?» Dann sagte ich: «Es ging gar nicht um Geld, er wollte nichts von der Bank. Der kam wegen den Blumen. Ich müsse ihm neue Clematis setzen in der Villa.» Und später kam wieder einer, der sagte, letzthin sei er eingeladen gewesen beim Direktor der Kreditanstalt, und dort habe er so schöne Blumen gesehen. Und habe den gefragt, woher diese schönen Pflanzen seien. «Vom Kassier der Nationalbank, Schalter eins. Der hat sie gesetzt.» Und so ging das weiter und weiter. Es hat mich nie verwundert, wie viele Männer Blumen mögen, vor allem auch die Clematis. Sie nahmen mich nicht grad an ein Ärfeli vor Freude wie die Frauen, umarmten mich nicht grad. Aber Männer haben Blumen sehr gern. Vielleicht gar nicht in erster Linie für sich selber, sondern weil sie damit anderen, den Frauen zum Beispiel, eine Freude machen können, das denke ich. Männer sehen auch gern die Schönheit der Blüten. Viele Männer haben sehr gern das Schöne, darum haben sie ja auch gern Frauen.

Eine Frau braucht ein wenig etwas, das wusste ich immer. Frauen soll man ein wenig verwöhnen, das brauchen sie. Ich glaube, Männer verwöhnen sich mehr, wenn sie Frauen verwöhnen können, das gibt ihnen mehr. Eine Frau braucht ab und zu etwas Schönes, Schmuck zum Beispiel oder ein schönes Kleid oder auch ein hübsches Tüchlein oder ein Blümchen, es muss ja nicht viel sein. Das tut den Frauen gut, und wenn sie sich freuen, ist das auch schön für einen Mann. Es war mir irgendwie immer ein Bedürfnis, etwas zu schenken. Ohne dass ich mir einbilde, überhaupt nicht, ich sei bräver als andere Männer. Es hat nichts zu tun mit dem. Aber es gehörte zu meinem Leben, anderen eine Freude machen. Dann ging es mir selber auch gut.

«Aus purer Freude, nicht wegen einem Verdienst»

Eine kam dann auch manchmal kurz vor Feierabend an den Schalter und sagte, sie würde sich freuen, wenn ich mich entschliessen könnte, Feierabend zu machen. Sie würde mich gerne einladen zu einem «Zvieri», in das Tea Room. Und der Direktor wollte am nächsten Tag wieder wissen, was das für eine Dame gewesen sei, die da vor dem Portal mit Sportwagen auf mich gewartet habe. Und ich antwortete: «Eine wichtige Kundin, Herr Direktor.» Und er meckerte, er habe mich doch schon darauf aufmerksam gemacht, dass er den Eindruck habe, es kämen zu viele Frauen mit ihren Gartensorgen an den Schalter eins. Da erklärte ich, dass ich halt da und dort setzen gehe nach Feierabend. Oder am freien Samstag. Das bringe das mit sich, aus purer Freude, nicht wegen einem Verdienst. Es seien übrigens auch Männer und hohe Persönlichkeiten dabei, nicht nur von Banken, auch andere. Denen könne ich doch nicht sagen: «Herr Direktor, Sie dürfen nicht so oft zu mir kommen.»

Der Kontakt mit den Leuten und meine Pflanzen waren mir einfach wichtig. Irgendwie war das in mir verankert und nicht zu ändern. Wenn jemand Pflanzen gern hat, ist er meistens kein schlechter Mensch, habe ich die Erfahrung gemacht. Ich bin sehr gut gefahren mit dem guten Glauben an die Leute, den ich immer hatte. Sicher machte ich auch Fehlgriffe, das gab es. Aber oft war es nicht. So dass ich immer dachte, du hast doch viel Glück gehabt im Leben.

«Dann ist der Wurm drin»

Wisst Ihr, heute wäre das nicht mehr möglich. Einer wie ich in einer Bank - undenkbar. Es hat sich sehr viel verändert. Die alten Patrons waren ja nicht immer einfach, aber es waren immer Persönlichkeiten mit Hand und Fuss, wenn man dem so sagen kann. Heute bin ich von den Banken nur noch enttäuscht. Sicher nicht alle sind so, ich will nicht ungerecht sein. Aber viel zu vielen geht es nur noch um den eigenen Vorteil. Sie stellen sich nicht in den Dienst des Berufes und der Firma, sondern ihres eigenen Kontos. Und wenn das zuoberst am Stängel so ist, dann ist es bald auch zuunterst faul und auch zwischendrin, dann ist der Wurm drin. Dann geht die ganze Pflanze ein.

«Keinen so gesunden Baum fällen»

Es hätte mir vor kurzem beinahe gelangt. Ich meine, dass ich fast den letzten Sturz getan hätte und abgereist wäre. Dort drüben am Töbeli, das zum Bach hinuntergeht, war es, auf den grossen Flusssteinen, aus denen ich mir ein Treppchen baute. Ich machte mir nachher ein bisschen Vorwürfe, weil die Leute manchmal fanden, wenn sie mich von der Strasse her dort unten sahen, ich solle doch den Nussbaum neben der Treppe besser umtun. Der lasse so viel Laub fallen, das sei glitschig, auch auf der Strasse, und drum gefährlich. Auch für die Autos sei das gefährlich, wenn sie Gas geben wollen dort im Rank, würden sie schleudern auf den Blättern. Ich sagte aber, das sei mir gleich. Dann solle der Werkmeister von der Gemeinde ein wenig öfter wischen, wenn das Laub störe. Wegen dem würde ich keinen so gesunden Baum fällen.

Aber dann machte ich eben selber den Fehler auf dem nassen Laub, dass ich auf einen gewölbten Flussstein trat mit dem Stiefel, und schon jättete es mich ins Töbeli hinunter gegen den Bach, kopfvoran. Die Frau, die mich von der Brücke aus dort unten liegen sah - ich hatte mich noch gar nicht aufraffen können, war grad noch ein wenig am Sinnieren über den Schutzengel und war noch ganz sturm -, die Frau rief herunter: «Jesses, Herr Horn! Ums Gotts willen! Das sollten Sie doch nicht machen, dort zum Bach hinunter mit dem vielen Laub!» Ich rief zurück, das Laub sei gut, das habe den Sturz gepolstert. Und ich sei ja selber schuld. Mein Fehler, nicht der vom Baum. Sie half mir dann, mich auf die Seite zu drehen, wo mir die Rippli weniger wehtaten, nur die Wirbelsäule. Und dann ging es ja wieder.

Vor sechs Wochen war das, ich merke es schon noch, auch die Hand ist immer noch blau. Irgendwie habe ich den Eindruck, das war knapp. Zwanzig Zentimeter weiter waren die grossen Steine von der Mauer, und dort hätte es dann ganz gelangt. Janu, warum auch nicht. Ich habe so viel bekommen, bekomme immer so viel. Das ist vielleicht deshalb so, weil die Menschen merken - wie die Pflanzen -, der hat noch etwas anderes hinter den alten Rippen als einen Tresor.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch