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Wenn jeder einzelne Tag zur Qual werden kann

Dass sie noch lebt, ist erstaunlich. Seit Jahren hat sie schwere Depressionen. Sie war gegen 40-mal in der Klinik, hat zig Suizidversuche hinter sich – und einen Mann, der zu ihr steht.

Hund Bond zuliebe zwingt sich B. manchmal zu einem Spaziergang. Allein das Aufstehen am Morgen aber kostet sie sehr viel Zeit und Kraft.
Hund Bond zuliebe zwingt sich B. manchmal zu einem Spaziergang. Allein das Aufstehen am Morgen aber kostet sie sehr viel Zeit und Kraft.
Thomas Burla

B. will in die Medien. Sie schreibt in einem Mail: «Ich bin eine 52-jährige Frau mit schweren Depressionen und Borderline, in den letzten vier Jahren war ich insgesamt 35-mal in der Psychiatrie. (...) Seit über 25 Jahren komme ich immer wieder wegen Depressionen auf die geschlossene Abteilung.» Was erhofft sich diese Person von einem Artikel im «Tages-Anzeiger»? «Ich möchte anderen Menschen die Augen öffnen, ihnen erzählen, was es heisst, depressiv zu sein», erklärt sie gleich selbst.

Nun sitzt sie mir gegenüber. Eine schmale Frau, kurze Haare, ungeschminkt, der Blick schwer, das Gesicht bewegungslos, selbst wenn sie spricht. Und sie spricht viel. Eher langsam zwar, aber sehr verständlich, klar und überraschend direkt. Seit vier Jahren laufe sie «verladen» herum, vollgestopft mit Medikamenten. Die sollen verhindern, dass sie sich das Leben nimmt, obwohl sie sich oft nichts sehnlicher wünscht. Die Medikamente machen auch, dass sie stets einen ausgetrockneten Mund hat, viel vergisst und dauernd müde ist. «Abends ist sie um acht im Bett, einfach weg vor Müdigkeit», wird später ihr Mann sagen. B. ist zum zweiten Mal verheiratet.

Mit ihrem heutigen Ehemann ist sie seit 13 Jahren liiert. Er war Programmierer bei einer Versicherung und ist seit fünf Jahren in Pension. Eine der Personen, die sie vor ihrem «endgültigen Schritt» abhalten. «Wenn ich gar nicht mehr mag, denke ich immer, dass ich das diesen Menschen nicht antun kann, einfach zu gehen. Also bleibe ich. Aber es ist nur noch ein Vegetieren, Leben würde ich das nicht nennen. Ich empfinde nichts.»

Duschen ist fast unmöglich

B.s Leiden ist nicht selten – die Zahl Depressiver nimmt zu in der Schweiz (siehe Kasten). Ihre Geschichte bewegt: Der Vater, Alkoholiker, quälte die ganze Familie. Als B. 12 war, liess sich die Mutter scheiden, fünf Jahre später versuchte sich B. das Leben zu nehmen, kurz darauf lernte sie ihren ersten Ehemann kennen. Es folgten drei Kinder und die erste schwere Depression. Ihrem damaligen Mann musste sie versprechen, nie mehr in einer psychiatrischen Anstalt zu landen. Die Beziehung scheiterte nach dem zweiten längeren Aufenthalt in der «Irrenanstalt», wie B. die Klinik selber bezeichnet, wenn ihr zynischer Humor kurz aufblitzt. Während sieben Jahren war sie anschliessend alleinerziehend mit ihren drei Kindern und nur «leicht depressiv». Mit 40 machte sie die Lastwagenprüfung – und lernte ihren heutigen Gatte kennen. Diesem sagte sie von Anfang an, dass sie Depressionen habe. «Für mich war das ein Fremdwort», erinnert er sich. Und hängt an: «Sie war einfach eine Bombenfrau.»

Und die lebt nun mit ihm in einem St. Galler Einfamilienhausquartier. Auf der Terrasse kauert Hund Bond unter dem Tisch, der Gemahl sitzt neben ihr. Er streichelt ihr die Hand, hört zu, wie sie von ihrem Alltag erzählt, schaut lange auf den Tisch, dann wieder auf sie. Seit vier Jahren plagen sie massivere Depressionen denn je. Warum? Sie weiss es nicht, die Ärzte können es nicht erklären. «Es gibt keinen bestimmten Auslöser, die Wellen kommen über mich wie Migräne.» Um sieben Uhr morgens erwacht sie normalerweise und fühlt sogleich, ob der Tag ein schwarzer wird. «Dann kann ich im Kopf nichts steuern. Habe eine Schwere ums Herz. Wie wenn eine Bremse angezogen wäre. Muss mich wahnsinnig zwingen, aus dem Bett zu steigen. Duschen ist fast unmöglich, der Tag eine Qual.» Hund Bond zuliebe zwingt sie sich manchmal zu einem Spaziergang. Den Haushalt erledigt ihr Mann. Sie hilft, so weit sie es schafft. Die kleinste Verrichtung kostet Zeit, ist ein Kampf. Oft legt sie sich schon vormittags wieder zu Bett.

B.s Mann will erklären, was für Aussenstehende schwer nachvollziehbar ist. Es sei, wie wenn man hohes Fieber habe und duschen sollte: «Man schafft es einfach nicht.» Er stützt seine Gemahlin an solchen Tagen, wo er kann. «Wie eine Krankenschwester, die ohne Anweisungen merken muss, was die Patientin braucht.» Am wenigstens braucht seine Frau Ratschläge wie «Reiss dich zusammen» oder «Morgen ist alles besser». B.: «Es ist sehr mühsam, wenn er versucht, mir zu helfen. Das zieht mich noch mehr herunter, es beweist ja nur, dass ich versage.» Oft denke sie, es wäre einfacher, wenn niemand da wäre.

Die Einsamkeit des Ehemanns

B.s Mann kennt seine Frau und deren Krankheit zu gut, um beleidigt zu sein durch solche Aussagen. Seit Jahren lebt er mit dem Wissen, dass sie keine Lust am Leben hat, und mit der Angst, sie nach dem Einkaufen mit aufgeschnittenen Armen zu finden, die Wohnung voller Blut. B. ritzt sich nämlich, das heisst: Sie schneidet sich mit der Rasierklinge, «um die irrsinnigen Spannungen zu entladen». Von da all die Narben; heute trägt sie einen hautfarbenen Verband, der die jüngste Wunde verdeckt.

Wie kann man leben mit einer Frau, die mit sich und der Welt scheinbar abgeschlossen hat? «Es ist nicht einfach. Es gibt Momente, die lassen mir das Blut gefrieren. Aber es bleibt mir nichts anderes, als zu akzeptieren, dass sie an dieser Krankheit leidet. Sie macht es ja nicht absichtlich.» Selbst an den Gedanken des möglichen Suizids seiner Frau hat er sich gewöhnt. «Ich bilde mir nicht ein, dass sie sich wegen mir das Leben nicht nimmt.» Es klingt nach echter Gelassenheit – oder ist es Fatalismus?

Was hilft, ist die unerschütterliche Hoffnung, B. werde die Krankheit überwinden. Genährt wird diese durch einen Arzt, der überzeugt ist, man werde B.s Krankheit in den Griff bekommen. «Das ist für mich keine Frage: Sie wird wieder gesund! Blöd nur, wenn ich bis dann ein alter Sack bin und sie locker auf Töfftouren geht.» Der Mann hat Humor. Und entlockt seiner Frau den Hauch eines Lächeln. Dass er sich derzeit oft einsam fühlt, verheimlicht er indes nicht. Abends schaut er fern. «Reden kann ich mit niemandem.»

Psychi-Freunde und Todesanzeigen

Auch B. leidet unter der Isolation. Es hätten sich – mit der Ausnahme einer einzigen Person – sämtliche Bekannten «dünngemacht», wie sie es ausdrückt. Sie habe nur noch Freunde aus der Psychi; die «normalen» meldeten sich nicht mehr. Zu sehr seien sie überfordert mit der Situation, zu unsicher, wie sich verhalten. B.s Mann wurde schon gefragt, ob man mit seiner Frau überhaupt noch normal reden könne. «Das ist doch unglaublich! Die Vorurteile, die noch immer vorhanden sind!»

Selbst die Familie tabuisiert die Depression. B.s Mutter wollte jahrelang nicht einsehen, dass ihre Tochter psychisch krank ist. Ihre Söhne – 25 und 23 Jahre alt – kümmern sich kaum um sie, die Tochter dagegen meldet sich jeden zweiten Tag per Telefon. B. schätzt das sehr – ebenso den Kontakt zu den Enkelkindern. «Freude kann ich selten empfinden. Aber es lenkt mich ab.» Wie das kreative Schaffen auch. Ihr Einfamilienhaus ist voller Gemälde und Töpfereien, die B. in der Klinik kreiert hat. Das halbe Klinikpersonal habe sie beschenkt, sagt die Depressive. Aber eben: Auch das Kreativsein werde nach Jahrezehnten anstrengend. «Irgendwann bist du ausgebrannt und magst nicht schon wieder ein Tonfigürli töpfern.»

Todesanzeigen sammeln ist allerdings auch nicht ihr Ding; eine Klinikfreundin macht dies seit Jahren. «Sie hebt nur die speziellen auf – und hat schon über 1000.» B. kennt tragische Lebensgeschichten und skurrile Überlebensstrategien aus der Klinik. Die Klinik: ihr «grösster Fluch» und ihr «grösster Halt» zugleich. Einerseits erlebt sie es als steten Kampf, nicht erneut «in diesen Wahnsinn» reinzukommen, «wo andere Kranke mit Unterhosen auf dem Kopf durch die Gänge schlendern». Anderseits ist die psychiatrische Anstalt ihr «Strohhalm». «Ich bin dort in Sicherheit, auch vor mir selber. Sie geben mir Beruhigungsmedikamente, ich kann einfach mich sein, muss nichts mehr tun.»

Keine Abhärtung möglich

52 Jahre, während denen B. immer wieder in Löcher gefallen ist, aus denen sie kaum mehr und doch jedes Mal herauskam, härtet das ab? Kann man sich trösten, weil man schon zig andere schwere depressive Phasen überwunden hat? Nein, es nütze ihr im konkreten Fall nichts. «In dem Moment kann ich nicht mehr denken, alles ist dunkel und traurig und sehr schwer.»

Und doch gibt es da leichtere, fast heitere Aspekte. B. schmunzelt leise, als ihr Mann davon erzählt. Zum Beispiel von ihrer Luxusflucht: Sie war abgehauen aus der Klinik und verbrachte eine «ruhige Nacht» im besten Hotel des Ortes. Sie habe den «Irrsinn» nicht mehr ausgehalten, sei deswegen aus der Anstalt geflohen, erklärt sie. Und er: «Ich kenne dich doch. Du bist ein Schlitzohr und hast schon die verrücktesten Dinge getan.» Etwa Töfffahrten über Pässe mit ihrer schweren Yamaha – wenn sie einmal keine Schwere fühlt ums Herz.

Dass sie noch lebt, ist erstaunlich. Seit Jahren hat sie schwere Depressionen. Sie war gegen 40-mal in der Klinik, hat zig Suizidversuche hinter sich – und einen Mann, der zu ihr steht.

Von Katrin Hafner

B. will in die Medien. Sie schreibt in einem Mail: «Ich bin eine 52-jährige Frau mit schweren Depressionen und Borderline, in den letzten vier Jahren war ich insgesamt 35-mal in der Psychiatrie. (...) Seit über 25 Jahren komme ich immer wieder wegen Depressionen auf die geschlossene Abteilung.» Was erhofft sich diese Person von einem Artikel im «Tages-Anzeiger»? «Ich möchte anderen Menschen die Augen öffnen, ihnen erzählen, was es heisst, depressiv zu sein», erklärt sie gleich selbst.

Nun sitzt sie mir gegenüber. Eine schmale Frau, kurze Haare, ungeschminkt, der Blick schwer, das Gesicht bewegungslos, selbst wenn sie spricht. Und sie spricht viel. Eher langsam zwar, aber sehr verständlich, klar und überraschend direkt. Seit vier Jahren laufe sie «verladen» herum, vollgestopft mit Medikamenten. Die sollen verhindern, dass sie sich das Leben nimmt, obwohl sie sich oft nichts sehnlicher wünscht. Die Medikamente machen auch, dass sie stets einen ausgetrockneten Mund hat, viel vergisst und dauernd müde ist. «Abends ist sie um acht im Bett, einfach weg vor Müdigkeit», wird später ihr Mann sagen. B. ist zum zweiten Mal verheiratet.

Mit ihrem heutigen Ehemann ist sie seit 13 Jahren liiert. Er war Programmierer bei einer Versicherung und ist seit fünf Jahren in Pension. Eine der Personen, die sie vor ihrem «endgültigen Schritt» abhalten. «Wenn ich gar nicht mehr mag, denke ich immer, dass ich das diesen Menschen nicht antun kann, einfach zu gehen. Also bleibe ich. Aber es ist nur noch ein Vegetieren, Leben würde ich das nicht nennen. Ich empfinde nichts.»

Duschen ist fast unmöglich

B.s Leiden ist nicht selten – die Zahl Depressiver nimmt zu in der Schweiz (siehe Kasten). Ihre Geschichte bewegt: Der Vater, Alkoholiker, quälte die ganze Familie. Als B. 12 war, liess sich die Mutter scheiden, fünf Jahre später versuchte sich B. das Leben zu nehmen, kurz darauf lernte sie ihren ersten Ehemann kennen. Es folgten drei Kinder und die erste schwere Depression. Ihrem damaligen Mann musste sie versprechen, nie mehr in einer psychiatrischen Anstalt zu landen. Die Beziehung scheiterte nach dem zweiten längeren Aufenthalt in der «Irrenanstalt», wie B. die Klinik selber bezeichnet, wenn ihr zynischer Humor kurz aufblitzt. Während sieben Jahren war sie anschliessend alleinerziehend mit ihren drei Kindern und nur «leicht depressiv». Mit 40 machte sie die Lastwagenprüfung – und lernte ihren heutigen Gatte kennen. Diesem sagte sie von Anfang an, dass sie Depressionen habe. «Für mich war das ein Fremdwort», erinnert er sich. Und hängt an: «Sie war einfach eine Bombenfrau.»

Und die lebt nun mit ihm in einem St. Galler Einfamilienhausquartier. Auf der Terrasse kauert Hund Bond unter dem Tisch, der Gemahl sitzt neben ihr. Er streichelt ihr die Hand, hört zu, wie sie von ihrem Alltag erzählt, schaut lange auf den Tisch, dann wieder auf sie. Seit vier Jahren plagen sie massivere Depressionen denn je. Warum? Sie weiss es nicht, die Ärzte können es nicht erklären. «Es gibt keinen bestimmten Auslöser, die Wellen kommen über mich wie Migräne.» Um sieben Uhr morgens erwacht sie normalerweise und fühlt sogleich, ob der Tag ein schwarzer wird. «Dann kann ich im Kopf nichts steuern. Habe eine Schwere ums Herz. Wie wenn eine Bremse angezogen wäre. Muss mich wahnsinnig zwingen, aus dem Bett zu steigen. Duschen ist fast unmöglich, der Tag eine Qual.» Hund Bond zuliebe zwingt sie sich manchmal zu einem Spaziergang. Den Haushalt erledigt ihr Mann. Sie hilft, so weit sie es schafft. Die kleinste Verrichtung kostet Zeit, ist ein Kampf. Oft legt sie sich schon vormittags wieder zu Bett.

B.s Mann will erklären, was für Aussenstehende schwer nachvollziehbar ist. Es sei, wie wenn man hohes Fieber habe und duschen sollte: «Man schafft es einfach nicht.» Er stützt seine Gemahlin an solchen Tagen, wo er kann. «Wie eine Krankenschwester, die ohne Anweisungen merken muss, was die Patientin braucht.» Am wenigstens braucht seine Frau Ratschläge wie «Reiss dich zusammen» oder «Morgen ist alles besser». B.: «Es ist sehr mühsam, wenn er versucht, mir zu helfen. Das zieht mich noch mehr herunter, es beweist ja nur, dass ich versage.» Oft denke sie, es wäre einfacher, wenn niemand da wäre.

Die Einsamkeit des Ehemanns

B.s Mann kennt seine Frau und deren Krankheit zu gut, um beleidigt zu sein durch solche Aussagen. Seit Jahren lebt er mit dem Wissen, dass sie keine Lust am Leben hat, und mit der Angst, sie nach dem Einkaufen mit aufgeschnittenen Armen zu finden, die Wohnung voller Blut. B. ritzt sich nämlich, das heisst: Sie schneidet sich mit der Rasierklinge, «um die irrsinnigen Spannungen zu entladen». Von da all die Narben; heute trägt sie einen hautfarbenen Verband, der die jüngste Wunde verdeckt.

Wie kann man leben mit einer Frau, die mit sich und der Welt scheinbar abgeschlossen hat? «Es ist nicht einfach. Es gibt Momente, die lassen mir das Blut gefrieren. Aber es bleibt mir nichts anderes, als zu akzeptieren, dass sie an dieser Krankheit leidet. Sie macht es ja nicht absichtlich.» Selbst an den Gedanken des möglichen Suizids seiner Frau hat er sich gewöhnt. «Ich bilde mir nicht ein, dass sie sich wegen mir das Leben nicht nimmt.» Es klingt nach echter Gelassenheit – oder ist es Fatalismus?

Was hilft, ist die unerschütterliche Hoffnung, B. werde die Krankheit überwinden. Genährt wird diese durch einen Arzt, der überzeugt ist, man werde B.s Krankheit in den Griff bekommen. «Das ist für mich keine Frage: Sie wird wieder gesund! Blöd nur, wenn ich bis dann ein alter Sack bin und sie locker auf Töfftouren geht.» Der Mann hat Humor. Und entlockt seiner Frau den Hauch eines Lächeln. Dass er sich derzeit oft einsam fühlt, verheimlicht er indes nicht. Abends schaut er fern. «Reden kann ich mit niemandem.»

Psychi-Freunde und Todesanzeigen

Auch B. leidet unter der Isolation. Es hätten sich – mit der Ausnahme einer einzigen Person – sämtliche Bekannten «dünngemacht», wie sie es ausdrückt. Sie habe nur noch Freunde aus der Psychi; die «normalen» meldeten sich nicht mehr. Zu sehr seien sie überfordert mit der Situation, zu unsicher, wie sich verhalten. B.s Mann wurde schon gefragt, ob man mit seiner Frau überhaupt noch normal reden könne. «Das ist doch unglaublich! Die Vorurteile, die noch immer vorhanden sind!»

Selbst die Familie tabuisiert die Depression. B.s Mutter wollte jahrelang nicht einsehen, dass ihre Tochter psychisch krank ist. Ihre Söhne – 25 und 23 Jahre alt – kümmern sich kaum um sie, die Tochter dagegen meldet sich jeden zweiten Tag per Telefon. B. schätzt das sehr – ebenso den Kontakt zu den Enkelkindern. «Freude kann ich selten empfinden. Aber es lenkt mich ab.» Wie das kreative Schaffen auch. Ihr Einfamilienhaus ist voller Gemälde und Töpfereien, die B. in der Klinik kreiert hat. Das halbe Klinikpersonal habe sie beschenkt, sagt die Depressive. Aber eben: Auch das Kreativsein werde nach Jahrezehnten anstrengend. «Irgendwann bist du ausgebrannt und magst nicht schon wieder ein Tonfigürli töpfern.»

Todesanzeigen sammeln ist allerdings auch nicht ihr Ding; eine Klinikfreundin macht dies seit Jahren. «Sie hebt nur die speziellen auf – und hat schon über 1000.» B. kennt tragische Lebensgeschichten und skurrile Überlebensstrategien aus der Klinik. Die Klinik: ihr «grösster Fluch» und ihr «grösster Halt» zugleich. Einerseits erlebt sie es als steten Kampf, nicht erneut «in diesen Wahnsinn» reinzukommen, «wo andere Kranke mit Unterhosen auf dem Kopf durch die Gänge schlendern». Anderseits ist die psychiatrische Anstalt ihr «Strohhalm». «Ich bin dort in Sicherheit, auch vor mir selber. Sie geben mir Beruhigungsmedikamente, ich kann einfach mich sein, muss nichts mehr tun.»

Keine Abhärtung möglich

52 Jahre, während denen B. immer wieder in Löcher gefallen ist, aus denen sie kaum mehr und doch jedes Mal herauskam, härtet das ab? Kann man sich trösten, weil man schon zig andere schwere depressive Phasen überwunden hat? Nein, es nütze ihr im konkreten Fall nichts. «In dem Moment kann ich nicht mehr denken, alles ist dunkel und traurig und sehr schwer.»

Und doch gibt es da leichtere, fast heitere Aspekte. B. schmunzelt leise, als ihr Mann davon erzählt. Zum Beispiel von ihrer Luxusflucht: Sie war abgehauen aus der Klinik und verbrachte eine «ruhige Nacht» im besten Hotel des Ortes. Sie habe den «Irrsinn» nicht mehr ausgehalten, sei deswegen aus der Anstalt geflohen, erklärt sie. Und er: «Ich kenne dich doch. Du bist ein Schlitzohr und hast schon die verrücktesten Dinge getan.» Etwa Töfffahrten über Pässe mit ihrer schweren Yamaha – wenn sie einmal keine Schwere fühlt ums Herz.

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