Was tun mit Gästen, die eigenes Essen mitbringen?

Die Antwort auf eine Stilfrage zu kompliziertem WG-Besuch.

Geistreich und charmant sein – viel mehr hat man als Gast nicht zu tun. Foto: Tookapic, Pexels.com

Geistreich und charmant sein – viel mehr hat man als Gast nicht zu tun. Foto: Tookapic, Pexels.com

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Ich lebe in einer Wohngemeinschaft, und in dieser sind natürlich auch oft Gäste zu Besuch. Sie steuern auch oft etwas zum Essen bei. Das begrüsse ich grundsätzlich, gerade unter der Woche, wenn die Zeit knapp ist. Was mich aber irritiert, ist die Tatsache, dass manche dieser Mitbringsel vor Ort noch zubereitet werden müssen. Und zwar nicht nur angerichtet, sondern wirklich geschnitten, gebacken oder gekocht werden. Das geht so weit, dass wir schon mit dem Essen auf Gäste gewartet haben, weil diese ihren Gang noch zubereiten mussten. Ist es bünzlig, dass ich das als unhöflich empfinde? Und wie kann ich darauf hinweisen, dass mich das stört, wenn es doch gar nicht meine Gäste sind?
U. M.

Liebe Frau M.,
wir müssen zunächst ein Missverständnis aus der Welt räumen: dass automatisch bünzlig sein soll, wer sich an etwas stört. Mitunter deutet das vielmehr auf eine gewisse Feinheit hin, denn der Pflock fühlt sich ja durch nichts derangiert. Womit er sich mitnichten durch die Abwesenheit von Bünzlihaftigkeit auszeichnet.

So.

Ihre Schilderungen machen deutlich, dass die Nahrungsaufnahme zu einem wahnsinnig komplizierten Akt geworden ist. Eventuell bringen Ihre Gäste ihre eigenen Zutaten mit, weil sie allergisch sind (es ist unchic, auf nichts allergisch zu sein, das weiss ich, denn ich gehöre zu dieser bedauernswerten Gattung). Oder sie verzichten, weil das alles des Teufels sei, gerade auf Laktose oder Zucker oder Gluten oder Tierisches oder Kohlenhydrate oder Fett, man hat da ja längst den Überblick verloren. Jedenfalls geht es beim Essen nicht mehr länger um Hunger oder Appetit, sondern um Krankheitsprophylaxe. Eine sehr unfrohe Haltung, wie ich finde.

Beim Essen handelt sich in erster Linie um einen sozialen Akt.

Abgesehen davon: Beim gemeinsamen Essen geht es nicht um das, was sich auf dem Teller befindet. Das Essen bildet nur den Rahmen für das Zusammenkommen, es handelt sich in erster Linie um einen sozialen Akt. Also sollte man, wenn man an einem solchen teilnimmt, über die Grundregeln des Miteinanders Bescheid wissen – und dazu gehört, dass man keine fremden Küchen okkupiert. Man hat als Gast nicht viel mehr zu tun, als geistreich und charmant zu sein, ein Gewinn für jede Runde. Wer das nicht kann, soll daheimbleiben mit seinem Diätbuch und dort Freudlosigkeit verbreiten.

Hauen Sie deshalb ungeniert rein, liebe Frau M. Eine kalt gewordene Mahlzeit ist bestimmt auch irgendwie ungesund.
Bettina Weber


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2017, 07:49 Uhr

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