Was hält die Schweiz zusammen?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktorinnen und Redaktoren die am häufigsten gegoogelten Fragen.

Die Schweiz zeigt seit 170 Jahren kaum Zersetzungserscheinungen – eine Frage des Geldes? <nobr>Foto: Emanuel Ammon (Aura)</nobr>

Die Schweiz zeigt seit 170 Jahren kaum Zersetzungserscheinungen – eine Frage des Geldes? Foto: Emanuel Ammon (Aura)

Daniel Foppa@DFoppa

Die gelben Briefkästen! So antwortete der Schriftsteller Charles-Ferdinand Ramuz auf die Frage, was die Gemeinsamkeiten unseres Landes seien. Ganz falsch lag der Waadtländer damit nicht. Denn, Hand aufs Herz, was haben ein Genfer Privatbankier, ein Bergbauer aus dem Münstertal und ein Lehrer aus Basel gemein? Eben.

Und doch erweist sich der 1848 gegründete Bundesstaat als äusserst zäh. Während sich ringsum die Landkarte dramatisch veränderte, zeigt die Schweiz seit 170 Jahren keine Zersetzungserscheinungen.

Eine Politikerin meinte unlängst, das sei alles eine Frage des Geldes. Weil es unserem Land so gut gehe, weil reiche Kantone von Gesetzes wegen die ärmeren Stände unterstützen müssten und selbst abgelegene Regionen wie der hintere Jura eine durch Bundesgelder finanzierte, kaum benutzte Nationalstrasse erhalten, wolle niemand den Club verlassen.

«It’s the economy stupid!» also auch hier? Die Erklärung hat was, greift jedoch zu kurz. Denn der Finanzausgleich ist jüngeren Datums, und das Zusammengehörigkeitsgefühl bestand offensichtlich schon vor dem Bau der Infrastrukturprojekte.

Die Gegensätze schaukeln sich nicht hoch

Eine überzeugendere Erklärung für den inneren Kitt der Schweiz liefert der Politologe Michael Hermann in seinem 2016 erschienenen Buch «Was die Schweiz zusammenhält». Seine Kernaussage: Anders als etwa in Belgien, wo alle wichtigen Konfliktlinien entlang der Sprachgrenze verlaufen, schaukeln sich in der Schweiz die Gegensätze nicht auf. «Konfliktlinien, die sich durchkreuzen, tragen letztlich zur Festigkeit eines Gewebes bei.»

Tatsächlich decken sich beispielsweise Sprache und Konfession in der Schweiz nicht. Auch verläuft die Sprachgrenze zumeist durch die Kantone hindurch und nicht entlang deren Grenzen. Der Röstigraben ruft sich bei nationalen Abstimmungen zwar bisweilen in Erinnerung, aber seit dem EWR-Nein von 1992 gingen deswegen keine Schockwellen mehr durch das Land.

Kommt hinzu, dass die grössten aussenpolitischen Differenzen nicht mehr zwischen der Deutsch- und der Westschweiz bestehen, sondern zwischen der Romandie und dem Tessin – was wiederum dadurch kompensiert wird, dass sich die beiden Landesteile durch ihre lateinischen Sprachen sowie den Status als Minderheit nahestehen. Und so ist eben vieles, sehr vieles in diesem Land miteinander verwoben, über alle Grenzen und Unterschiede hinweg – was zu einem Flickenteppich führt, der letztlich mehr Teppich denn Flickwerk ist.

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