Was bedeutet eigentlich Schönheit?

Die Antwort auf eine Leserfrage zu einem ebenso banalen wie komplexen Begriff.

Schönheit liegt im Auge mindestens eines Betrachters: Ronja Fuhrer beim Interview. Foto: Tobias Anliker

Schönheit liegt im Auge mindestens eines Betrachters: Ronja Fuhrer beim Interview. Foto: Tobias Anliker

Peter Schneider@PSPresseschau

Jeder Mensch will schön sein, aber was bedeutet Schönheit? Das typische Schönheitsideal ändert sich ständig, aber von wem wird es definiert? So viele Menschen streben dieses klassische Schönheitsideal an, aber Schönheit sollte doch individuell sein.
G. C.

Liebe Frau C.

Individuelle Schönheit ist ein Widerspruch in sich. Denn Schönheit ist ein soziales Phänomen. Das heisst, man kann nicht einfach nur für sich schön sein. Das hat Schönheit mit der Sprache gemeinsam.

Vielleicht schaffen Sie es, zum Beispiel den englischen Akzent eine Weile lang nachzuahmen und Ihrem Kauderwelsch kurzfristig den Klang des Englischen zu verleihen. Wenn Sie dann stolz behaupten, Sie könnten Englisch, wird man amüsiert-nachsichtig lächeln und nicken, aber wahrscheinlich nicht tatsächlich der Ansicht sein, man habe jetzt ein Sprachgenie in der Familie.

Wenn nun ein eher unansehnlicher Bekannter nach der Lektüre eines Selbsthilfebuchs («Jeder Mensch ist schön», «Schönheit strahlt von innen heraus») behauptet, er habe herausgefunden, er sei schön, so wird die Reaktion wahrscheinlich ebenfalls höflich, aber eben auch ziemlich klar ausfallen.

Man kann das seltene Gut der Schönheit nicht nach Belieben für sich umdefinieren.

Schönheit liegt nun einmal im Auge mindestens eines Betrachters. Besser, sie liegt im Auge mehrerer Betrachter(innen), damit nicht der Verdacht aufkommt, es handle sich bei dem einen Schönen und seinem einen Betrachter um eine Folie à deux.

Sie haben recht, dass sich Schönheitsideale ändern. Was sich hingegen nicht ändert, ist ihr sozialer Charakter. Es gibt auch nicht nur ein einziges Schönheitsideal, und Schönheit muss auch nicht zwangsläufig «ideal» sein. Abweichungen vom Ideal erscheinen uns oft schöner als die glatte Verkörperung von Idealen, wie man sie leicht mit Photoshop produ­zieren kann. Schönheit wird auch nicht «definiert», sondern ist etwas, das sich sozusagen hinter unserem Rücken bildet und wandelt.

Schönheit bedeutet auch nicht dasselbe wie Attraktivität. Das ist die Chance der etwas weniger Schönen gegenüber den Schönen. Schöne können langweilig sein, eine unangenehme Stimme besitzen, charakterliche Ekel sein oder keine Tischmanieren haben – alles Eigenschaften, die den Neid der Normalen dämpfen können. Aber man kann das seltene Gut der Schönheit nicht nach Belieben für sich umdefinieren. Es sei denn, man macht sich gern zum Affen. Es ist wie mit dem «inneren Reichtum»; wenn man nicht auch noch zusätzlich eine Kreditkarte hat, nützt er einem beim Zahlen wenig.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

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