Von der Familie zum Suizid gedrängt

Neue Zahlen zeigen: Über 200 Frauen, die sich bei der Fachstelle Zwangsheirat gemeldet haben, sind suizidgefährdet.

Nicht immer der glücklichste Tag: Frisch verheiratetes Ehepaar im syrischen Kobane.

Nicht immer der glücklichste Tag: Frisch verheiratetes Ehepaar im syrischen Kobane. Bild: Yasin Akgulo/AFP

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Am Schluss, als die Rückweisung unabwendbar schien, lag Medina S. nur noch wimmernd auf dem Sofa. «Sie konnte die Angst vor einer möglichen Ausschaffung nicht mehr aushalten», schrieben Freunde später in die Todesanzeige. Als die Ausweisung drohte, versuchte sich die 26-Jährige auf der Autobahn aus dem fahrenden Wagen zu werfen. Später stieg sie auf das Dach des Spitals, in das sie eingeliefert worden war. Sie stürzte sich sechs Etagen in die Tiefe.

Die Furcht der Frau aus dem äthiopischen Hinterland war unermesslich. Es war die Furcht vor der eigenen Familie. Sie habe Angst vor der Rache des Mannes, mit dem sie verheiratet worden war. Mit ihrer Flucht in die Schweiz habe sie die Familienehre verletzt, sagte sie einem Vertrauten.

Wie Medina S. stehen in der Schweiz viele von Zwangsheirat Betroffene am Abgrund. Das Ausmass zeigt sich erstmals in einer Auswertung der Fachstelle Zwangsheirat, einem Kompetenzzentrum des Bundes. Von den 656 Frauen, die die Fachstelle 2016 und 2017 beraten hat, waren 33 Prozent vom Thema Suizid betroffen: Sie hatten einen oder mehrere Suizidversuche hinter sich oder beschäftigten sich mit der Selbsttötung.

Diese alarmierend hohen Werte sind nur ein Hinweis. Schweizweite Analysen fehlen. Weitere Anhaltspunkte stammen aus Basel. Die Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel (UPK) haben Suizidversuche von türkischen Migrantinnen untersucht. Bei ihnen ist die Suizidversuchsrate fast viermal so hoch wie bei Schweizerinnen. Überdurchschnittlich gefährdet seien junge Türkinnen der zweiten Generation.

Nicht nur Türkinnen, vorab auch Kurdinnen suchen mit Suizidproblemen bei der Bundesfachstelle Hilfe. Betroffen sind laut deren Auswertung auch Frauen aus Sri Lanka, albanisch sprechende Migrantinnen und seit neuestem auch solche aus Syrien und Afghanistan.

Erbitterter Widerstand gegen den vorgesehenen Lebenslauf 

Eine von ihnen ist Sofia T. «Suizid war für mich das Licht am Ende des Tunnels», sagt sie. Wenn sie in ihrer traditionellen Familie energisch auf den für sie vorgesehenen Lebenslauf verwiesen wurde, entlastete sie der Gedanke, dass sie sich das Leben nehmen könnte. Ein Leben, auf das sie einen heftigen Widerwillen entwickelt hatte.

Schon ganz früh habe sie keine Lust auf die enge Welt ihrer Eltern und Grosseltern gehabt. Die Nöte der zwangsverheirateten Frauen, die im unterentwickelten Landstrich ihrer Heimat von ihren Männern geflohen und gewaltsam in die Familien zurückgebracht worden waren, erschütterten sie schon als Kind.

Später, als Sofia mit der Familie in die Schweiz eingewandert war und die Distanz zur Heimat von Jahr zu Jahr wuchs, wurde der Druck grösser. Wenn Mitschülerinnen zur Begrüssung ihre Arme um Kollegen schlangen, ging sie auf Distanz. Denn ein Satz wurde ihr schon in der Primarschule eingetrichtert: «Vergiss nie, ­woher du kommst. Bei uns berührt man keine Knaben, sonst muss man sie heiraten.»

In all den Jahren ihrer Kindheit fühlte sich Sofia schmutzig. Ein Erlebnis, von dem niemand wusste und das ihr auf der Seele brannte, trieb sie zur Verzweiflung. Ein Schweizer Junge hatte sie nach der Schule zu Doktorspielen genötigt. Als Neunjährige stieg Sofia auf hohe Gebäude, stand am Rand von Schluchten in ihrer Umgebung. «Am liebsten wäre ich gesprungen», erinnert sie sich.

Um in Ruhe gelassen zu werden, liess sie ihre Eltern wissen: «Findet mir einen akzeptablen Mann. Dann heirate ich ihn.»

Für sich hatte sie den Entschluss gefasst: Nie im Leben würde sie diese Konvention eingehen. Im Teenageralter, als eine Heirat nicht mehr vermeidbar schien, schrieb sie einen Abschiedsbrief an die Familie. Sie wollte ihr die Schande ersparen, die mit einer Heiratsverweigerung verbunden ist. Sie stieg auf den höchsten Turm der Stadt. Wieder hielt sie etwas zurück.

Heute lebt Sofia, abgeschottet von ihren Eltern, in einem Schutzprogramm. «Jetzt habe ich eine Zukunft», sagt die junge Frau – und die Freiheit zu heiraten, wen sie will. Wird sie denn heiraten? Sofia lacht, antwortet wie viele ihrer Schweizer Arbeitskolleginnen: «Das muss ja nicht unbedingt sein.»

Suizidtipps vom grossen Bruderfür die Familien-«Schlampe» 

«Meine Freundin leidet an Nervenzusammenbrüchen, Depressionen und Hoffnungslosigkeit», schreibt ein 25-jähriger Schweizer in ein Internet-Forum. Ständig lebe seine Freundin aus Mazedonien in Angst, ihr Leben zu verlieren. Sie habe sich fest vorgenommen, sich im Falle einer Zwangsheirat das Leben zu nehmen. «Sie will nicht durch die Hand ihres Vaters sterben, wenn sie ihren Bräutigam ablehnt.»

Selbst scheinbare Belanglosigkeiten bringen junge Migrantinnen zur Verzweiflung: Die Fachstelle berichtet vom schwerwiegenden Suizidversuch eines Teenagermädchens. Die Schwester ­hatte bei ihr ein heimlich angebrachtes Tattoo entdeckt. In gewissen Kulturen sind diese tabu. Oft führe die Fremdkontrolle des weiblichen Körpers oder der ­Sexualität zu Problemen in traditionalistischen Einwandererfamilien, sagt Anu Sivaganesan, Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat.

Vermehrt hört Sivaganesan auch Berichte von Frauen, die regelrecht zum Suizid gedrängt worden seien. Um der Familie eine Strafuntersuchung wegen Ehrenmords zu ersparen, würden rebellierende Töchter zur Selbsttötung gedrängt. Laut Strafgesetzbuch ist die «Verleitung zum Selbstmord» strafbar.

In einem Fall habe sich eine junge Migrantin geweigert, den Befehlen des Familienoberhaupts zu gehorchen. Die in der Schweiz sozialisierte junge Frau wollte freizügige Kleider tragen, wie ihre Kolleginnen. Das war zu viel für die Familie. Immer wieder wurde sie als «Schlampe» beschimpft. Es kam zu Gewalt und zu mehreren Suizidversuchen der jungen Frau. Die Familie entschied, sie in ihr Herkunftsland zurückzuschaffen. «Dort hat der Bruder sie aufgehetzt und ihr systematisch Suizidtipps gegeben», berichtet Sivaganesan.

Sie solle den Kopf runterhalten, wenn sie aus dem Hochhaus springe, lautete einer der verächtlichen Ratschläge des grossen Bruders.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.08.2018, 10:27 Uhr

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

Beratung:
Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)
Online-Beratung für Jugendliche mit Suizidgedanken: U25-schweiz.ch
Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)
Kirchen (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:
Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net);
Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch);
Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch).

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